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Interview mit Urs Engeler: "Die Saat wird vielleicht noch aufgehen"

Sprechen Sie auch über Auflagenzahlen, oder sind sie Ihr Geheimnis?

Nein, ich halte nichts von der Geheimniskrämerei oder den Angebereien vieler Verleger.

Wie viel werden Sie von Schlotmanns Roman drucken lassen?

Da habe ich mich noch nicht entschieden. Vielleicht 700 Exemplare. Der Buchhändler, der immer schon schwierig zu umgarnen war, beginnt sich doch nachhaltig zu verabschieden. Das erstaunte Schlotmann, den alten Buchhändler, auch nicht: Na klar, sagt er, die fürchten, das Buch nicht mehr remittieren zu können! Der Buchhandel sieht seine raison d´être also offenbar eher in der Remittende als im Gewinn des Publikums.

Können Sie zu dem Projekt von Schlotmann etwas sagen?

Es ist eine Prosa, die aber etwas genuin Lyrisches insofern hat, als sich eine bestimmte Situation immer wiederholt. Nämlich die, dass ein Mann in den Wald hineingeht. Wir hören diesem Mann beim Denken auf seinen Waldgängen zu. Er nimmt irgendwo einen Anstoß - das kann ein ganz kleines Thema sein, etwas Politisches, Dinge aus der Kultur, Frauen, Hunde, Jogger Dinge, die tatsächlich im Zusammenhang mit der Jagd stehen. Das ergibt ein Panoptikum aller üblen Denkmuster, inklusive Sexismen und Rassismen, die Männer so entwickeln, wenn sie in die Welt hinausgehen.

Also ein Gedankenroman?

Ich weiß gar nicht, ob es ein Roman ist. Aber es ist ein großer Torpedo-Angriff auf männliche Denkgebäude, und es ist mehr als ein großer Spaß.

Die 15 Jahre, die Sie dieses Programm gemacht haben werden, wenn das Jahr jetzt zu Ende geht, müssen schon eine glückliche Zeit gewesen sein. Man schaut auf die Autoren, von Elke Erb, dieser eigensinnigen Lyrikerin, über Gertrude Stein und Arthur Rimbaud, den schon erwähnten Stolterfoht, bis zu Kurt Aebli. Eine elektrisierende Mischung

Ich habe genau mit den Leuten arbeiten können, mit denen ich arbeiten wollte. Dass die einen auch erhören, nicht nur man selbst sie - ja, ich könnt´s mir nicht besser vorstellen. Insofern habe ich auch keinen Bedarf, mein Programm zu verändern. Und dass ich das eine oder andere Buch machen konnte, das sonst nicht erschienen wäre, das ist schon ein Glück.

Könnten Sie einen Höhepunkt benennen, herausragende Ereignisse oder Bücher?

Ich will nicht eitel klingen, aber es gibt so viele herausragende darunter, dass es ungerecht wäre, einzelne herauszugreifen. Ich weiß aber, dass Dinge darunter sind, von denen man noch gar nicht bemerkt hat, dass ich sie verlegt habe, zum Beispiel die Übersetzungen durch Werner Hamacher: die Amerikanerin Jorie Graham und den Franzosen Jean Daive, zu dem er auch ein unglaubliches und ausführliches Nachwort geschrieben hat, das in Frankreich bereits als eigenes Buch veröffentlich wurde und hierzulande noch immer der Entdeckung harrt. Da geht die Saat vielleicht erst noch auf.

Einer wie Jean Daive hat ja einen unglaublich französischen Stil. Wenn man nicht weiß, wie die Franzosen "so ticken", bleibt einem das doch fremd. Einiges in Ihrem Programm richtet sich wohl an Kenner, was natürlich sehr schön ist, aber die Schwierigkeiten kann man sich dann eben auch lebhaft vorstellen.

Das ist durchaus so. Es ist aber auch das, was mich am meisten verwundert: dass Dinge, die nur ein kleines bisschen anders sind, als man es gewohnt ist, sofort Sanktionen nach sich ziehen, eben in der Form von Nichtbeachtung bis Verachtung. Man wird bestraft. Das scheint mir schon ein spezifisch deutsches Problem zu sein, die leidige Sache mit der Autorität. Das Unbekannte ist per se immer das Unmächtige. Die Deutschen haben vielleicht immer noch nicht gemerkt, dass das unbekannte Ticken von anderen ein höchst interessantes, produktives Ticken sein kann. Da fehlt die Neugier und die Aufgeschlossenheit.

Nun ist die Schweiz ein mehrsprachiges Land. Da dürfte automatisch ein ganz anderer Resonanzraum vorhanden sein?

Die Außenseiterrolle der Schweiz wurde mir immer wieder zu einem Verhängnis. Die meisten Leser sitzen in Deutschland. Aber man merkt, dass man als Schweizer nicht wirklich dazugehört. Selbst wenn man deutschsprachiges Ausland ist. Das ist nicht ganz einfach zu begreifen, warum diese Festung Berlin beispielsweise so derart dicht gebaut werden musste im letzten Jahrzehnt, das verstehe ich eigentlich nicht.

Gerade Berlin, das sich rühmt, so offen zu sein?

Offen für alles, was Berlin und Hauptstadt und Wir sind Papst und Weltmeister ist.

Der letzte Titel Ihres letzten Programms heißt "Für - Die Philologie" von Werner Hamacher. Kann und soll man das programmatisch verstehen?

Naja, dieses letzte Programm habe ich nicht als letztes Programm konzipiert. Dieses Programm ist insgesamt relativ stark philologisch. Da sind viele Texte, die sich mit anderen Texten beschäftigen. Es hat sich herausgestellt, dass viele Leute gar nicht mehr wissen, was wir da treiben, und dass man es ihnen erklären muss. Insofern hat das durchaus etwas Programmatisches, ja. Aber dennoch: Ich habe ja jetzt wieder mehr Zeit, über den Tellerrand zu schauen. Wenn man beispielsweise nach Frankreich blickt, dann ist man schier erschlagen, was es dort alles gibt.

Was meinen Sie konkret?

Was es dort an Zeitschriften gibt, wie viele Verlage existieren, wie viele Formen von Veröffentlichungen. Wir alle sind ja mit der Misere des Buchhandels beschäftigt und schauen uns an, was im Internetzeitalter alles möglich sein könnte. Sehen Sie sich den französischen Verlag Léo Scheer an; wenn Sie auf die Website (www.leoscheer.com) gehen, dann finden Sie eine ganze Abteilung, die sich mit elektronischem Publizieren beschäftigt, wie ich es überhaupt noch nie gesehen habe. Es werden Tools zur Verfügung gestellt, so dass die Leute ihre eigenen Bücher dorthin stellen. Das ist ein literarisch hochambitionierter Verlag. Undenkbar, dass ein deutscher Verleger sich über den Dünkel hinwegsetzte, nicht selbst zu bestimmen, was er verlegt; und dass er dann auch noch so viele Sachen bekommt!

Elfriede Jelinek publiziert fast nur noch im Netz.

Eben. Ich hingegen habe natürlich sehr viel Geld in die Produktion von Büchern gesteckt. Aber vielleicht ist man darauf in Zukunft gar nicht angewiesen, es geht auch anders.

Sie sehen also in eine offene, aber vielleicht nicht unbedingt traurige Zukunft?

Ja, das hoffe ich (lacht). Ich selbst werde daran wohl nicht mehr so sehr mitwirken, aber ich bin sehr gespannt, was die Jüngeren machen werden.

Interview: Ina Hartwig

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Datum:  7 | 10 | 2009
Seiten:  1 2
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