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07. Oktober 2009

Interview mit Urs Engeler: "Die Saat wird vielleicht noch aufgehen"

Herr und Hund: "Das Unbekannte", sagt der Schweizer Verleger Urs Engeler, "ist immer das Unmächtige". Foto: privat

Der Schweizer Verleger, Urs Engeler, im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau über Autoren, Leser, Buchhändler und sich selbst.

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Zur Person

Urs Engeler, 1962 in Zürich geboren, studierte bei Hans-Jost Frey vergleichende Literaturwissenschaft und leitet seit 1995 den Verlag Urs Engeler Editor in Basel und Weil am Rhein, der aus der 1992 von ihm gegründeten Lyrik-Zeitschrift "Zwischen den Zeilen" hervorging. Zu Engelers Autoren zählen neben vielen anderen Ulf Stolterfoht, Andrea Zanzotto, Gertrude Stein und Kurt Aebli. 2007 erhielt sein Verlag den Förderpreis der Kurt-Wolff-Stiftung.

Gleich zwei renommierte Schweizer Verlage stellen mit diesem Herbst ihre Programmarbeit ein. Egon Ammann wird seinen in Zürich ansässigen Verlag ganz schließen und eine empfindliche Lücke in der Literaturlandschaft hinterlassen. Auch der weit jüngere Urs Engeler legt in diesem Herbst zum letzten Mal ein reguläres literarisches Programm vor.

Herr Engeler, mir liegt ein Buch aus Ihrem Verlag vor, Jean Paulhans "Die Blumen von Tarbes" mit einem Nachwort und auch herausgegeben von Hans-Jost Frey, dem Komparatisten. Im deutschen Sprachraum dürfte Paulhan, der Nachfolger von Jacques Rivière in der Nouvelle Revue Française, ziemlich unbekannt sein, und es ist sicher kühn und spannend, diesen Band zu verlegen. Wer kann das Publikum im deutschsprachigen Raum dafür sein?

Wenn man beim Publikum beginnt, macht man vielleicht überhaupt keines der Bücher, die ich gemacht habe. Nein, ich habe immer bei den Autoren begonnen: Ich wollte ihr Verlag sein, an ihren Verbindungen arbeiten, ihre Zusammenhänge aufnehmen und fortspinnen. Und ich bin ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass das Publikum gleichfalls nur das Beste will. Aber heute bin ich etwas enttäuscht.

Hat sich im Lauf der Jahre das rezeptive Umfeld geändert?

Ja, den Eindruck habe ich. Vom Verkauf her ist es vielleicht gar nicht so stark spürbar, da scheint es eine gewisse Konstanz der kleinen Zahl zu geben. Also ist das möglicherweise nur eine marginale Verschlechterung einer eh ziemlich schlechten Lage. Die Plätze, die man der Literatur einräumt, werden immer mehr beschnitten. Beim Publikum... Ich dürfte das vielleicht gar nicht sagen. Aber ich habe mich manchmal gewundert, dass die Kritik tapfer zu Dingen hält, die das Publikum längst verloren haben.

Ist es eine Generationenfrage?

Mir scheint, dass die Mitte Vierzigjährigen noch der äußerste Rand einer literarisierten Generation sind. Leute wie Hans-Jost Frey, Jahrgang 1933, die gehören noch zur vollen Blüte, die wissen, was Literatur ist und was sie kann: Das sind Leute, die in den vierziger, fünfziger Jahren mit Literatur, und zwar wesentlich mit französischer Literatur natürlich, groß geworden sind. Und wir, die bei ihnen in die Schule gehen konnten, wir kriegen noch mit, was die alles kennen und können.

Bringen wir einen Namen ins Spiel, der auch schon in Ihrer Zeitschrift "Zwischen den Zeilen" aufgetaucht ist, Ann Cotten, die noch nicht einmal dreißig Jahre alt ist und mit großer Ernsthaftigkeit dichtet und reflektiert. Das zeigt doch, dass es immer weiter geht, oder nicht?

Ja, das denkt man sich schon. Die jüngste Generation unserer Literatur - tja, wird es wirklich weitergehen, ich weiß es nicht.

Warum machen Sie denn Ihren Verlag zu?

Da muss ich widersprechen. Ich mache nicht zu. Aber ich werde deutlich weniger Bücher machen in den nächsten Jahren. Ich werde Pausen einlegen, mit kleinen Pausendarbietungen. Es wird immer mal wieder ein Buch erscheinen, unter anderem deshalb, weil ich Projekte begonnen habe, die so einfach und so schnell auch nicht abzuschließen sind. Zum Beispiel die Andrea-Zanzotto-Werkausgabe, von der wir jetzt den vierten Band machen. Dafür haben wir zehn Jahre gebraucht, und noch sind fünf Bände geplant, das kann also gut und gern noch mal zehn bis zwanzig Jahre gehen. So lang möchte ich mindestens noch weiter machen, aber das ist natürlich kein Verlagsprogramm mehr in dem strengen Sinne, dass man jedes halbe Jahr ein Programm hat. So kann ich und will ich auch nicht weitermachen.

Also Urs Engeler Editor bleibt bestehen?

Ja, der Verlag bleibt bestehen. Ich will auch weiter die Bücher unter die Leute bringen, die wir gemacht haben. Ich will das eine oder andere dafür tun, dass diese Art von Literatur eine gewisse Lebendigkeit behaupten kann. Aber das ganz normale Verlagsgeschäft, das sich Herumärgern mit dem Buchhandel, die Hetze jedes halbe Jahr, ein tolles Programm zu machen und dann Applaus zu kriegen und kaum Publikum dafür - das mag ich nicht mehr. Das ist aus.

Insofern durchaus eine Ermüdung gegenüber den Betriebsgeräuschen?

Absolut, ja.

Also nicht ausschließlich eine finanzielle Entscheidung? Man hört, dass ein Mäzen, der Sie unterstützt hat, wegfällt.

Das stimmt. Aber der zweite Mäzen, der einfach nur sich selbst hat und sich und seine Arbeit in einen solchen Verlag stecken konnte, das war ich. Und der ist ein bisschen müde geworden. Wenn da nicht sehr viel mehr an positivem Feedback kommt, dann wird es einfach schwierig, solche Sachen durchzuhalten.

Einerseits elitär Ihren Literaturbegriff aufrechterhalten, und doch ans Publikum heran wollen?

Na klar! Das ist doch der eigentliche Impetus: dass man auf die Literatur einwirken will. Aber das ist mir vielleicht nicht gelungen.

Ihr letztes Programm, dieses Herbstprogramm 2009, ist beeindruckend - von Pasolinis "Friulanischen Gedichten" bis zu Ulf Stolterfohts Lyrik; dessen großes "Fachsprachen"-Projekt wird hoffentlich weiter bei Ihnen erscheinen können?

Das hoffe ich auch.

Und können Sie etwas sagen zu Ulrich Schlotmanns 1100-Seiten-Roman "Die Freuden der Jagd", den Sie jetzt bringen?

Ich bin mit Schlotmann bekannt geworden über Stolterfoht, der hat immer große Stücke auf ihn gehalten und gesagt: "Das ist der Beste, den musst Du machen." Er hat zehn Jahre gebraucht, um dieses Buch zu schreiben, und ich habe diesen Verlag immerhin so lange machen können, es zu veröffentlichen. Hier schließt sich vielleicht der Kreis. Bei Schlotmann und nicht bei Paulhan. Um Treue geht es bei vielen Dingen, die ich mache. Man muss an den bleibenden Wert glauben und an diesen Werten arbeiten.

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