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Interview mit Vince Ebert: Der Hang zum Nicht-Denken

Der Kabarettist Vince Ebert über lange Nächte im Labor, humorvolle Physiker und warum Einstein kein "Nerd" war. Von Boris Halva

Einstein hat gesehen, was physikalische Erkenntnisse für die Gesellschaft bedeuten.
"Einstein hat gesehen, was physikalische Erkenntnisse für die Gesellschaft bedeuten."
Foto: Getty

Herr Ebert, Sie sind Physiker und bringen seit einigen Jahren Ihre ganz persönliche Mischung von Wissenschaft und Kabarett auf die Bühne. Haben Sie einen Lieblings-Physikerwitz?

Oh ja. Sagt die Magnetin zum Magneten: Ich weiß überhaupt nicht, was ich anziehen soll ... (lacht) Gut, das ist eher einer von den platten Physiker-Witzen. Aber es gibt auch diesen feinen, dialektischen Physikerhumor ...

... den nur Physiker verstehen?

Nein, gar nicht. Das ist Humor, der eine Botschaft transportiert. Zum Beispiel hat der Physik-Nobelpreisträger Richard Feynman einmal diesen wunderschönen Satz gesagt: Wer sein Leben lang Physik betreibt und darüber nicht verrückt wird, hat nichts verstanden. Oder Niels Bohr, der hatte eine Skihütte in den Bergen. Dort gingen auch die anderen Größen dieser Zeit ein und aus, und einer hat irgendwann das Hufeisen über dem Eingang der Hütte entdeckt und gesagt: Niels, du glaubst doch nicht etwa daran, oder? Und Bohr soll gesagt haben: Natürlich glaube ich nicht daran, aber man hat mir versichert, es wirkt trotzdem.

Was ist mit den Freaks unter Ihren Physiker-Kollegen, die Sie ja auch gerne durch den Kakao ziehen? Oder ist das Klischee des "Nerd" überholt?

Das Klischee stimmt natürlich. Es gibt diese Typen, die Tag und Nacht im Labor sitzen und akribisch irgendwelche Sachen messen. Doch auch die haben Humor, ich hab mal in einem Labor das Schild gesehen: "Bitte nicht mit dem verbleibenden Auge in den Laser gucken." Aber es gibt auch viele, die über den Tellerrand der Disziplin schauen. Ich denke da an die großen Physiker, die sich über das Leben und die Welt Gedanken gemacht, sich auch politisch eingemischt haben. Einstein und Planck haben gesehen, was physikalische Erkenntnisse für die Gesellschaft bedeuten.

Wenn man erforscht, was die Welt zusammenhält, stößt man dann zwangsläufig auf die Philosophie?

Auf jeden Fall. Die drei großen Theorien der Physik sind im Kern philosophische Theorien. Die Relativitätstheorie stellt die Frage: was ist Zeit, was ist Raum? In der Kosmologie geht es darum: gibt es einen Anfang, gibt es ein Ende? Und die Quantenmechanik ist der Versuch, herauszufinden: ist die Welt determiniert, oder läuft das Leben zufällig ab? Damit haben sich Philosophen schon vor 2500 Jahren befasst, zehntausende von Theologen haben sich daran abgearbeitet. Meiner Meinung nach kann aber nur die Physik was einigermaßen Fundiertes dazu sagen.

Klingt spannend. Trotzdem fehlt naturwissenschaftlicher Nachwuchs. Was wird in der Schule falsch gemacht?

Ich halte es für vermessen - selbst wenn das im Kabarett gern gesehen ist - wenn auf Lehrer eingeknüppelt wird. Da läuft sicher viel falsch in der Bildungspolitik. Aber es gibt auch gute Lehrer, die wissen: wenn man Leute begeistern will, muss man sie da abholen, wo sie gerade stehen. Die grundsätzlichen Fragen - Wie entsteht ein Regenbogen? Was war vor dem Urknall? - stellt sich doch jeder. Hier muss man auch in der Schule ansetzen. Man sollte die Fragen der Kinder nehmen und von diesen ausgehend Physik lehren. Leider läuft es meist umgekehrt: Es wird zuerst eine abstrakte Formel beigebracht und dann heißt es, wenn ihr das könnt, zeige ich euch, wie man die Spektralfarben bei einem Regenbogen ausrechnet. Das ist so, als würde man im Musikunterricht erst die Partituren zeigen und drei Jahre später die Musik vorspielen.

War Physik von Anfang an eines Ihrer Lieblingsfächer?

Ich habe das immer sehr gemocht. Ich hatte gute Physiklehrer, das analytische Denken ist mir leicht gefallen. Ich hatte Mathe und Physik-Leistungskurs...

...und haben später Physik studiert. Anschließend haben Sie als Unternehmensberater und in der Werbung gearbeitet. Muss man danach auf die Kabarett-Bühne?

Während ich meine Diplomarbeit geschrieben habe, habe ich einen ganz guten Einblick bekommen, was Forschung bedeutet. Ich habe wirklich jeden Tag stundenlang vor riesigen Apparaturen in Kellerräumen gesessen, nächtelang bei gedimmtem Laserlicht Messungen durchgeführt. Dabei habe ich erkannt, dass ich kein allzu detailversessener Mensch bin. Außerdem war mir das Forscherleben zu einsam. Schließlich bin ich in der Unternehmensberatung gelandet, war alle paar Wochen bei Kunden, um irgendwelche Marktanalysen zu präsentieren. Das war oft so grotesk, dass ich mir manch satirischen Seitenhieb nicht verkneifen konnte. Leider fanden die das damals gar nicht witzig. Das Lustige ist: inzwischen werde ich von genau diesen Kunden gebucht, um kabarettistische Vorträge zu halten. Für das, was ich heute dort sage, hätte ich damals sicher eine Abmahnung bekommen.

Ihr Buch heißt "Denken Sie selbst!" Warum sind Sie der Meinung, die Deutschen denken nicht selbst?

Vor 250 Jahren, zu Zeiten der Aufklärung, war man davon überzeugt, eine neue Epoche bricht an und es würde nur ein paar Jahre dauern, bis Aberglaube und Mystik der Vergangenheit angehören. Heute glauben die Menschen immer noch jeden Quatsch - und ich rede jetzt nicht von bildungsfernen Schichten. Es sind eher die Akademiker, die fünf Testhefte lesen, bevor sie einen Gurkenhobel kaufen, aber auf der anderen Seite lassen sie sich von einem Feng-Shui-Berater eine Wasserader auspendeln, ohne darüber nachzudenken, ob der vielleicht Blödsinn erzählt. Der Hang zum Nicht-Denken scheint unausrottbar zu sein.

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Datum:  20 | 12 | 2008
Seiten:  1 2
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