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Interview mit Yan Lianke: "Wir dienen den Herrschenden"

Der chinesische Schriftsteller Yan Lianke sucht einen Weg zwischen Kritik und Kompromiss. Einerseits rechnet er in seinen Romanen mit Mao und den Eliten von heute ab, andererseits will er unbedingt gedruckt werden. Ein Gespräch über Mut, Selbstzensur und warum sich seine Mutter für ihn schämt

Der chinesische Schriftsteller Yan Linke.
Der chinesische Schriftsteller Yan Linke.
Foto: Bartsch

Herr Yan, Sie gelten als einer der wichtigsten chinesischen Gegenwartsautoren, aber in der offiziellen Delegation für die Frankfurter Buchmesse hat der Schriftstellerverband Sie übergangen.

Ich finde, dass unsere Regierung da nicht besonders klug gehandelt hat. Einerseits will sie ihre Offenheit beweisen, andererseits brandmarkt sie meine Bücher als subversiv. Das passt eigentlich nicht zusammen.

Zur Person

Yan Lianke, 1958 in der zentralchinesischen Provinz Henan geboren, gehört zu den prominentesten und umstrittensten chinesischen Gegenwartsschriftstellern. Seine Romane und Sachbücher berühren chinesische Reizthemen wie die Kulturrevolution oder Korruption. Vier seiner Werke wurden daher in der Volksrepublik verboten. Trotzdem erhielt er auch zwei der höchsten chinesischen Literaturauszeichnungen. Auf Deutsch sind die Bücher "Dem Volke dienen" und "Der Traum meines Großvaters" (Ullstein Verlag) erschienen.

In China schon. Schließlich brechen Sie mit Vorliebe chinesische Tabus. In Ihrem Buch "Dem Volke dienen" machen Sie sich zum Beispiel über die Absurditäten der Mao-Zeit her.

Die Mao-Zeit ist wirklich ein grandioser Stoff: eine Komödie und Tragödie zugleich. Dass die Menschen damals alles so ernst genommen haben, verleiht den kleinsten Alltagshandlungen eine riesige Fallhöhe: In meiner Kindheit stellte sich zum Beispiel vor jedem Essen die ganze Familie vor ein Bild von Mao und las ein paar Sprüche des großen Vorsitzenden. Wobei es genau genommen so war, dass meine Eltern das Kleine Rote Buch nahmen und dann auswendig ein paar Sprüche aufsagten. Sie waren Analphabeten, aber Maos Buch war für sie trotzdem heilig wie eine Bibel. Wir Kinder waren von dem Ritual ergriffen.

Und wann wurde Ihnen bewusst, dass da etwas nicht stimmt?

Erst Jahrzehnte später. Ich war ja nur ein einfaches Bauernkind. Wie hätte ich das durchschauen sollen? Auch kluge Menschen fielen damals auf jeden Mist herein.

Viele Chinesen sind aber auch heute noch glühende Mao-Verehrer.Aber die heutige Verehrung hat mit der von damals wenig zu tun. Früher war das geradezu religiös. Wir Chinesen haben ja keinen gemeinsamen Glauben, da haben Mao und der Kommunismus eine spirituelle Lücke geschlossen. Jetzt ist das nur noch Nostalgie.

War denn unter Mao alles schlecht? Mao hat die größte Tragödie unserer Zeit ausgelöst. Trotzdem kann man ihn nicht mit Diktatoren wie Hitler oder Stalin in einen Topf werfen. Denn während die einfach nur brutale Menschen waren, wirkte Maos Grausamkeit nur indirekt. Er hat seine Revolution mit Worten gemacht - die Gewehre hatten andere. Deswegen sehen die Chinesen Mao bis heute eher als weisen Literaten denn als Kriegsherrn. Er war ja auch ein grandioser Rhetoriker: jeder Satz ein guter Werbeslogan.

Reden wir über die heutige Zeit.

Über die man nicht reden kann, ohne über die Mao-Zeit zu reden. Mao hat die Mechanismen erfunden, mit denen sich die Kommunisten an der Macht halten und die schuld daran sind, dass unser System so korrupt geworden ist.

Sie haben selbst lange von diesem System profitiert. Sie waren ein offizieller Armee-Schriftsteller.

Ja, das war ich, so wie übrigens die meisten Schriftsteller meiner Generation, auch wenn viele davon heute nicht mehr gerne reden. Chinas Volksbefreiungsarmee hat ein ähnliches System wie einst die Sowjetunion: Den Soldaten wird erst das Hirn gewaschen, um dann etwas Neues dort einzupflanzen - und da kommen die Schriftsteller ins Spiel. Indoktrination ist wirkungsvoller als Atombomben.

Und da haben Sie mitgemacht?

Am Anfang habe ich das gar nicht durchschaut. Ich wollte der harten Feldarbeit entkommen, und da war die Armee so ziemlich die einzige Alternative. Als Soldaten wollte man mich dort nicht nehmen, aber dann habe ich von den Armee-Schriftstellern gehört. Also habe ich mir Revolutionsgeschichten ausgedacht, den reinsten Müll, aber es war offenbar genau das, was die Offiziere lesen wollten, und so wurde ich 1978 in die Armee aufgenommen.

Und wann kam es zum Bruch?

Das hat mit dem Vietnamkrieg zu tun, der 1979 ausbrach. Ich sah viele Soldaten in den Kampf fahren und nicht zurückkommen. Der Kriegszustand hielt bis 1986 an, aber als drei Jahre später die Asienspiele eröffnet wurden, konnte man im Fernsehen sehen, wie unsere Politiker die Politiker aus Vietnam innig umarmten. Das hat mein Weltbild zerstört: Eben noch Feind, jetzt Freund - so funktioniert Politik. Da habe ich einen Hass bekommen, auf den Staat, auf die Mächtigen.

Daraus machen Sie in Ihren Büchern keinen Hehl. Vier Ihrer Titel sind in China verboten. Können Sie uns erklären, wie die Zensur funktioniert?

Das ist ein undurchsichtiger Prozess. Bei meinem Buch "Dem Volke dienen" zum Beispiel hat der eine Verlag gesagt: Der Inhalt könnte durchgehen, aber der Titel nicht, und der nächste Verlag sagte, der Titel könnte durchgehen, aber der Inhalt nicht. Und am Ende ging gar nichts. Mein Buch wurde verboten - wegen Schmähung der Partei.

Weil Sie deren Leitspruch - "Dem Volke dienen" - zum Thema einer Soldaten-Groteske gemacht haben.

Ich bin Realist. Grotesk ist die Wirklichkeit in China.

Herr Yan, was sagt denn Ihre Mutter zu Ihren Büchern?

Sie liest sie nicht, aber sie weiß, dass ich ein umstrittener Schriftsteller bin. Sie macht mir deswegen Vorwürfe und sagt, ich solle lieber etwas Ordentliches schreiben. Meine Schwägerin hat einmal einen Text von mir gelesen, einen mit Sexszenen. Danach sagte sie: "Bist du so arm, dass du mit solchem Schmutz dein Geld verdienen musst?" Wer liest denn in China Ihre Bücher?

Schriftsteller wie ich haben einen kleinen, stabilen Leserkreis. Es gibt in China einfach nicht viele Menschen, die gerne nachdenken, denn wer nicht denkt, kann leichter vergessen: die Hungersnöte, die Kulturrevolution, den 4. Juni. Diese Erinnerungen tun uns Chinesen weh.

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Datum:  13 | 10 | 2009
Seiten:  1 2
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