kalaydo.de Anzeigen

Interview: Nicht alle Schweden sind Mörder

Der südafrikanische Krimiautor Deon Meyer über Klischees, Tradition und Optimismus. Seine Bücher schreibt er auf Afrikaans.

Deon Meyer ist der bekannteste Krimiautor Südafrikas.
Deon Meyer ist der bekannteste Krimiautor Südafrikas.
Foto: aufbau verlag

Herr Meyer, warum haben Sie sich ein Genre ausgesucht, bei dem Sie regelmäßig Leute umbringen müssen?

Ich bin nicht sicher, ob ich mir das Genre bewusst ausgesucht habe. Ich versuche einfach, eine fesselnde Geschichte zu erzählen. Ich denke dabei nicht an Kategorien oder Etiketten.

Zur Person

Deon Meyer, geboren 1958 in Paarl, Südafrika, ist der bekannteste Thrillerautor des Landes.

Er erhielt unter anderem den französischen Prix mystèrede la critique und kam 2006 beim Deutschen Krimipreis auf den zweiten Platz.

Er schreibt nicht in Englisch, sondern Afrikaans, um etwas für diese kleine Sprache zu tun.

"Weißer Schatten", sein jüngster Roman, handelt auch von der Konkurrenz zwischen Naturschützern und armen Landbewohnern, die auf die Jagd angewiesen sind. Rütten & Loening 2008, 421 Seiten, 19,95 Euro.

Ist es leichter, Krimis zu schreiben, weil einem die Genre-Regel eine Stütze sind?

Ich weiß nicht, ich habe nie eine andere Art von Literatur geschrieben. Schreiben ist für mich ziemlich harte Arbeit, wenn es also Regeln gibt, dann sind sie mir keine Hilfe. Aber ich glaube wirklich nicht, dass es für Kriminalliteratur besondere Regeln gibt. Es gibt natürlich Konventionen, aber ich denke nicht, dass ich diesen Konventionen gefolgt bin. Mein erster übersetzter Roman, "Der traurige Polizist", war der einzige echte Kriminalroman, den ich geschrieben habe. All die anderen sind, wenn sie überhaupt etwas sind, eher Thriller als Kriminalgeschichten. Und nein, mich stört das Etikett "Unterhaltung" nicht, denn das ist genau das, was ich will: Den Leser unterhalten.

Macht es einem der Krimi aber nicht leichter, auch politisch aktuelle Themen zu integrieren? Einen Thriller über, zum Beispiel, die Situation im Libanon, in Kuba oder eben auch Südafrika zu schreiben?

Thriller und Kriminalromane sind notgedrungen tief verwurzelt in ihrem Schauplatz, im sozialen und politischen Hintergrund des Schauplatzes. Aber es war nie meine Absicht, eine politische Aussage zu machen, oder auch eine bestimmte Seite Südafrikas zu reflektieren. Das einzige, worum ich mich sorge, ist die Geschichte, der Rest passiert auf dem Weg.

Halten Sie sich für einen politischen Autor?

Nein. Wenn überhaupt irgendwas, dann halte ich mich einfach für einen Geschichtenerzähler.

Ein Krimiautor hat einmal in einem FR-Interview gesagt, Kriminalliteratur sei oft konservativer als andere Literatur, weil sie zuletzt immer die Ordnung wiederherstellt. Stimmen Sie zu?

Ja. Denn die Struktur eines Kriminalromans ist Ordnung - Chaos - Ordnung.

Gehört es zu dieser Ordnung - oder vielleicht sollte man eher von einem Sicherheitsgefühl sprechen -, dass Krimiautoren oft viele Romane lang an den Figuren festhalten, die sie einmal eingeführt haben?

Nein, ich glaube, das tun sie nur, weil ihnen ihre Verleger sagen, dass sich eine Serie mit einem einzelnen Protagonisten besser verkauft.

Sie haben nicht einen Inspector-Griessel-Roman nach dem anderen geschrieben. Hatten Sie Angst, dass die Figur Sie langweilen könnte? Und haben sich Ihre Leser beschwert?

Ja, ich fürchte, es bringt Fallstricke mit sich, immer wieder über dieselbe Figur zu schreiben. Ich mache mir nicht unbedingt Sorgen, dass mich die Figur langweilen könnte, sondern dass man beim Leser an Glaubwürdigkeit verliert, wenn man dieselbe Person immer und immer wieder durch brutale Situationen schickt. Ich hatte noch keine Beschwerden von Lesern, manchmal fragen sie aber, ob ich nochmal über Zatopek oder Thobela schreiben werde ....

Deutschland ist schon seit Jahren und immer noch steigend ein riesiger Markt für Kriminalliteratur und Thriller. Warum lesen die Menschen so gern Mordgeschichten und finden das unterhaltsam?

Ich kann nur spekulieren: Vielleicht, weil das Leben so unfair ist. Das Leben hat oft keine sauberen Lösungen und Happy-Ends. Unser angeborener Gerechtigkeitssinn, unser natürliches Bedürfnis nach Anständigkeit werden im wahren Leben oft frustriert. Kriminalliteratur stellt diese Fairness wieder her, meistens bekommt der bad guy, was er verdient, und der Gerechtigkeit wird Genüge getan.

Ist ein Krimiboom typisch für ein Land, das in Frieden und Wohlstand lebt?

Nicht wirklich. Kriminalliteratur ist zum Beispiel in Kuba, Russland, Nigeria, Südafrika sehr beliebt, und keines dieser Länder ist ein Vorbild an Frieden und Wohlstand.

Gibt es noch Tabus für den modernen Kriminalroman? Oder gibt es eine Art von Gewalt, über die Sie persönlich nicht schreiben würden?

Da fällt mir nichts ein. Es gibt Verbrechen, bei denen es mir schwerer fällt, darüber zu schreiben, zum Beispiel Verbrechen an Kindern. Weil das sehr beunruhigende Dinge sind. Aber das bedeutet auch, dass es eine größere Herausforderung ist, das im Sinne der Geschichte plausibel zu machen.

Sie äußern sich in Interviews oft sehr optimistisch über Südafrika. Hierzulande werden vor allem die Probleme des Landes wahrgenommen: Korruption, Gewalt, Aids ...

Ach ja, europäische Leser und Fernsehgucker hören nur die schlechten Nachrichten aus Südafrika. Gute Nachrichten, scheint es, sind keine Nachrichten. Aber in Südafrika passieren viele großartige Dinge, Erfolgsgeschichten auf sozialem, politischem und wirtschaftlichem Gebiet. Unsere Kriminalitätsrate wird stark übertrieben, und unsere politische Situation ist typisch für eine junge, dynamische, lebhafte und starke Demokratie. Man sollte daran denken, dass wir erst seit 14 Jahren eine Demokratie sind, dass immer noch viel Arbeit vor uns liegt, um Armut auszurotten, aber dass wir viel erreicht haben in dieser kurzen Zeit. Ich stelle oft fest, dass Europäer und Amerikaner uns mit den Ländern der Ersten Welt vergleichen wollen, was wirklich unfair ist.

Auf den ersten Seiten von "Weißer Schatten" kann man aber durchaus den Eindruck bekommen, dass mörderische Überfälle verbreitet sind, dass die Wohlhabenden sich mit Mauern und Waffen schützen.

Es gibt so viele schwedische Kriminalromane. Und wenn ich sie lese, habe ich den Eindruck, dass Schweden voller Morde und anderer Verbrechen ist. Reflektiert das die wahre Situation Schwedens?

Ich muss Sie das einfach noch fragen, auch wenn ich gelesen habe, dass Sie Rugby-Fan sind: Wird die Fußballweltmeisterschaft gut sein für Südafrika?

Unbedingt. Es wird großartig werden, weil Südafrika so anders ist als alle Länder, die bisher Gastgeber der Weltmeisterschaft waren. Wir haben so eine wunderbare Vielfalt an Kulturen, Landschaften, Menschen.

Interview: Sylvia Staude

Datum:  4 | 11 | 2008
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Theatertreffen 2012
Der Ausnahmefall: „Borkman“ an der Volksbühne.

Alles rund ums bedeutendste deutsche Theaterfestival, das Theatertreffen vom 4.-21. Mai 2012 in Berlin.

Anzeige

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Medien
Das Fünf-Sterne-Hotel
Polen und Ukraine im TV 
Reinhard Mirmseker mit Manuela Wolf in der „Wernesgrüner Musikantenschenke“.
Korruption 
Twitter wird für den Erfolg von Kinofilmen immer wichtiger.
Soziale Netzwerke entscheiden über Kino-Erfolge 
Wie beliebt wir in den sozialen Netzwerken sind, hat immer mehr Auswirkungen auf das
Facebook, Twitter und Co. 
Theatertreffen

Video

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen


Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Meistgeklickt
Das DFB-Bundesgericht mit dem Vorsitzenden Goetz Eilers hat entschieden: Das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC wird nicht wiederholt.
Kein Wiederholungsspiel zwischen Düsseldorf und Berlin 
Diese Schilddrüse ist eindeutig krank.
Skandal am Klinikum Hildesheim 
 Mely Kiyak
Kolumne zum neuen Umweltminister 
        

Petra Roth spricht über das Buch, das Matthias Arning (rechts) geschrieben hat.
Petra Roth 
 
 
 
 
 
 
 
 
World Press Photo
Das beste Pressefoto 2012: Eine jemenitische Frau hält einen verwundeten Verwandten in ihren Armen.

Beeindruckende Aufnahmen: FR-online.de präsentiert interaktiv die Pressefotos des Jahres.

Anzeige

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.

ANZEIGE
- Informationen finden, um die Main Metropole Frankfurt entdecken und erleben zu können.
- Fragen & Antworten
- Bei HOH finden Sie Hardware, Computer und aktuelle Software zu günstigen Preisen.
- Kauftipps!
Quiz
Dezember 2006.

Thomas Gottschalk hat sich bei "Wetten, dass..." verabschiedet. Er bewegt die TV-Nation. Testen Sie Ihr Wissen.