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Interview: Stell dich dem Wahnsinn!

Der Regisseur Jan Bosse über Heinrich von Kleist, die Frauen, das Glück und das gesunde Mittelmaß.

Der Regisseur Jan Bosse.
Der Regisseur Jan Bosse.
Foto: Paulus Ponizak
Berlin –  

Am Freitag beginnt am Maxim-Gorki-Theater das große Kleist-Festival. Bis zu Kleists 200. Todestag, am 21. November, gibt es Installationen, Lesungen, Performances und Inszenierungen sämtlicher, ja, sämtlicher Kleist-Stücke. Eröffnet wird das Programm (siehe www.gorki.de) mit der Premiere von „Das Käthchen von Heilbronn“. Jan Bosse führt Regie. Geboren 1969 in Stuttgart, studierte er in Erlangen und an der Ernst-Busch-Schule. Er war Hausregisseur bei Tom Stromberg in Hamburg, ist seither einer der hierzulande am meisten gebuchten Regisseure . Er inszenierte unter anderem in München, Zürich, Basel, Wien und ging 2007 zu Armin Petras nach Berlin, wo er auch lebt. Sein eher behutsamer, poetischer Stil bildet im Gorki-Theater einen schönen Kontrast zur spielwütigen Hochdruck-Ästhetik des Hausherren. Bosse sieht müde, abgekämpft aus, als wir uns nach der Probe zum Gespräch treffen.

Herr Bosse, wir wollen über die Frauen bei Kleist sprechen, über seine Dauerthemen Liebe und Glück. Sie haben gesagt, dass Ihnen seine Frauenfiguren fremd seien. Wieso denn das?

Wegen ihrer Radikalität. Wenn man probt, versucht man mit einer Schauspielerin immer, die Figur zu verstehen. Geht aber nicht. Beim „Käthchen“ zum Beispiel: Man noch nicht einmal, in welcher Zeit das eigentlich spielt.

Aber Käthchen selbst ist doch zu begreifen: Sie ist verliebt und springt aus dem Fenster. So ist das mit der Liebe, kann einem passieren.

Hm, wirklich? Vielleicht kann man sich einen Fenstersprung auf den ersten Liebesblitzschlag ja noch vorstellen. Aber was dieses Mädchen alles hinter sich lässt, was sie für diese Liebe alles opfert! Ist das überhaupt Liebe? Wenn ja, dann ist Liebe zerstörerisch. Sie ist hier jedenfalls eher wie ein Dämon, eine Besessenheit.

Klingt nach einer Krankheit. Dabei will Käthchen, was es will einfach nur mit Konsequenz, mit Hingabe. Sie steht eben zu ihrem Gefühl.

Schrecklich, dann ist sie der totale Ego-Shooter, verliebt ins eigene Gefühl. Aber stimmt, denn es ist ja auch alles so schrecklich privat bei dieser Frau, sehr unangenehm irgendwie. Das Käthchen ist eine Jeanne d’Arc ohne Auftrag, eine Selbstmordattentäterin ohne Ideologie. Sie kämpft nur für einen unerreichbaren Mann.

Was heißt nur! Außerdem geht es ihr, wie immer bei Kleist, um das „Innerste“. Sie will Verbindlichkeit: sich selbst gegenüber und von dem Anderen.

Ja, aber das haben wir verloren. Das können wir nicht mehr, verbindlich sein. Mein Großvater sagte auf dem Sterbebett zu mir: Er könne nicht verstehen, dass alles so vorbehaltlich geworden sei. Nicht so bei Käthchen. Aber wen liebt sie eigentlich? Es kommt mir vor, als würde Kleist wie in einem Menschenversuch zwei Menschen zusammenzwängen, die nicht zusammengehören. Das ist ja das Brutale und Fiese bei Kleist, dass er Beziehungen zeigt, in denen das Vertrauen gefährdet oder verloren und das innerste Gefühl damit beschädigt ist. Er täuscht seine Figuren über ihr innerstes Gefühl. Dadurch gilt nicht mal mehr das als letzte Instanz.

Die Logik ist gnadenlos, ja: Wenn es nichts als das innerste Gefühl gibt, dann kann man sich darüber nur täuschen. Denn vergewissert werden kann es nur von außen, von einem anderen.

Deshalb schrauben sich die Figuren immer tiefer in ein Paradox hinein. Das ist schon sehr modern.

Komischerweise ist es immer bei seinen Frauenfiguren so. Was ist mit den Männern?

Die Männer sind gemessen an den Frauen einfach gestrickt. Die Frauen sind mir näher. Ich möchte nicht so sein, und doch identifiziere ich mich mit ihnen. Aber kann man sie begreifen?

Vielleicht so: Um wissen zu können, ob eine Liebe sich lohnt, muss man sie leben. Man kann das nicht ausprobieren, vortesten, man muss springen. Das machen die Frauen bei Kleist.

Entweder alles oder nichts: Die Sehnsucht nach Leidenschaft ist bei Kleist absolut. Das ist uns fremd geworden. Heute geht es ja immer darum, nicht zu viel zu riskieren, um nicht so viel zu verlieren. Im Grunde empfinde ich das als gesund, dieses Mittelmaß.

Für Kleist geht dann aber das Beste verloren, die Intensität.

Ja, und die Utopie des Augenblicks. Aber man kann den Augenblick nicht festhalten, die Utopie nicht leben. Deshalb sehnt man sich danach. Es ist schon das Leben, was Kleist beschreibt, nur eben ins Extrem getrieben.

Und wie inszeniert man das?

Man muss die Figuren gleichzeitig wegrücken und an sich ranholen. Sie verwirren einen immer wieder, weil sie voller Widersprüche sind. Kleist hat alles, wirklich alles in seine Stücke gepackt, da wird nichts zurückgehalten. Er hat nie kalkuliert, auch nicht in seinem Leben, obwohl er natürlich Erfolg wollte. Seine Biografie wirkt ja deshalb so modern: Er hat immer wieder neue Versuche gestartet, glücklich zu werden. Er scheitert, und dann versucht er wieder was Neues. Und mit welcher Entschiedenheit! Normalerweise kauft man sich ja keinen Bauernhof am Thuner See in der fernen Schweiz und sagt dann nach drei Wochen: Ist es nicht, ich muss aufs Schlachtfeld.

Er hat jede Festlegung gescheut. Macht das die Faszination aus?Ja, Kleist kommt einem komischerweise gerade deshalb so nahe, weil man diese Entschiedenheit, Radikalität selbst nicht lebt. Das Exzentrische, die Leidenschaft hat große Faszination. Aber man hat auch große Angst davor.

Man muss sich dem „ersten aller unsrer Wünsche“ stellen, sagt er, der Sehnsucht nach Glück – oder sich die Hoffnung auf Glück abgewöhnen. Gibt es da nichts Drittes?

Unheimlicherweise ist das bei Kleist immer der Krieg. Das scheint für Momente erfüllend zu sein: Das eigene Ich ist dann nicht mehr so wichtig. Der Krieg füllt die Leerstelle.

Ist das eine Erklärung für die Gewalt, die gerade seinen Frauenfiguren auch eigen ist?

Was ihn interessiert hat, war das Aufeinandertreffen konträrer Gefühle. Wenn sich Hass und Begehren auf dasselbe Objekt richten, explodieren diese Figuren. Das sind oft echte Splatter-Szenen, die er entwirft. Er treibt die Figuren in die Zerstörung.

Die Stücke sind auch so: lauter unvereinbare Szenen.

Deshalb ist es so schwer, alle Aspekte zu erwischen. Es gibt banalsten Spaß und tiefen Ernst zugleich. Ich finde das fantastisch, aber wie man das auf die Bühne kriegen soll?

Man ist doch nicht gezwungen, Kleist zu inszenieren, oder?

Doch, weil das alles mit unserer Welt soviel zu tun hat. Das Fragmentarische, dieses Die-Welt-nicht-zu-fassen-kriegen, die Sehnsucht nach Unbedingtheit. Kleist schreit einen immer an: Finde Bilder! Stell dich dem Wahnsinn! Das zwingt mich, Neues auszuprobieren.

Das Gespräch führte Dirk Pilz.

Datum:  3 | 11 | 2011
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