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Interview: Wie geht es dem Lied, Frau Schäfer?

Die Sopranistin Christine Schäfer über das Repertoire von Liederabenden, Bariton-Typen und ihren Traum-Duettpartner aus der Popwelt.

        

Die Sopranistin Christine Schäfer
Die Sopranistin Christine Schäfer
Foto: ddp

Frau Schäfer, ist das Lied oder der Liederabend in der Krise?

Ich kann da schwer mitreden. Ich werde immer noch viel für Liederabende gebucht, und die sind auch alle gut besucht.

Thomas Quasthoff wird sich auch nicht beklagen können, dennoch unternimmt er jetzt am Konzerthaus einen Feldzug für das Lied.

Hat es denn vor 25 Jahren viel mehr Liederabende gegeben? Dietrich Fischer-Dieskau hat in der Deutschen Oper recht viele gemacht, und in der Philharmonie ist manchmal Jessye Norman aufgetreten, aber so wahnsinnig viel war doch früher auch nicht los. Die Forderung, Klassik müsste populärer werden, ist vergeblich. Klassik war immer eine Kunst für eine kleine Hörerschaft. Das ist ein Problem für Plattenfirmen, aber nicht für Künstler.

Oder liegt das daran, dass „Lied“ für uns immer noch bedeutet: „Winterreise“, „Dichterliebe“ und das war’s dann mehr oder minder? Es gibt daraus folgend einen geprägten Bariton-Typus des melancholischen Wanderers ...

Das ist sehr schade. Ich wollte neulich das Programm eines Liederabends kurzfristig ändern, darauf hat der Veranstalter gesagt, die Karten seien verkauft und das Publikum wäre enttäuscht, wenn das Programm geändert wird. Das hat mich überrascht, weil ich dachte, die Leute würden meinetwegen kommen (lacht), und nicht wegen des Programms.

Hat der Bariton-Typ ausgedient? Sind jetzt die Soprane dran?

Das liegt vor allem daran, dass sich jetzt mehr Sängerinnen trauen. Meine Lehrerin Ingrid Figur hat immer auch Lied unterrichtet, während die Kollegen ihre Schüler vor allem von der großen Oper träumen ließen. Es gibt eine Angst vor dem Lied, vor allem vor Schubert – was ich verstehen kann, weil es absolut das Schwerste ist. Man muss sich anders mit der Stimme auseinandersetzen. Eine Mozart-Arie ist auch schwer zu singen, aber man kann in der Oper mehr kaschieren.

Wenn man Ihre CDs anhört oder auch die von Christiane Karg oder Anna Prohaska, die jeweils Lieder von der Alten Musik bis zur Moderne umfassen, dann hat man den Eindruck eines riesigen Schatzes an unbekannten Liedern, der nur viel zu selten in Liederabenden gehoben wird. Ist nicht das enge Repertoire das Hauptproblem?

Am Absatz sieht man aber auch, was offenbar gern gehört wird. Ich finde ja zum Beispiel meine CD mit Liedern von Purcell und Crumb besser als die „Winterreise“, aber die wird viel weniger gekauft. Dennoch sehe ich jetzt doch öfter jüngere Leute im Liederabend. Das Lied ist die aktuellste Form der klassischen Musik – zumindest theoretisch. Es gibt Popsongs, die würde ich einreihen in die Liedkultur, das ist die Fortführung des Liedes, wie der Film die Fortführung der Oper ist. Deswegen interessiert mich ein Feldzug für das romantische Lied auch nicht weiter. Ein Traum wäre es für mich, ein Duett mit Thom Yorke von Radiohead zu singen. Wie der Texte behandelt und singt ist einfach sensationell.

Das Gespräch führte Peter Uehling.

Autor:  Peter Uehling
Datum:  21 | 10 | 2011
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