Sie standen Golo Mann während rund zwanzig Jahren nahe. Können Sie uns etwas über Ihre Freundschaft erzählen?
Ich lernte Golo 1968 bei Manuel Gasser, einst Mitgründer der Weltwoche und damals Chefredaktor der Zeitschrift Du, kennen. Er suchte jemanden, der ihn herumchauffierte, und wir waren uns auf Anhieb sympathisch. Bis zu meinem Wegzug aus Europa 1983 hatten wir einen permanenten und engen Kontakt. Wir wohnten nur ein paar Kilometer auseinander, in Kilchberg bei Zürich, und unternahmen unzählige Wanderungen und Reisen, nach England, Frankreich, CSSR, Spanien, immer wieder in sein Haus nach Berzona, wo auch Max Frisch und Alfred Andersch wohnten, und zu seinen vielen Vorlesungen und Besuchen in Deutschland, zum Beispiel bei Willy Brand. Seiner Mutter Katja habe ich oft das Abendessen gekocht. Später machten wir zusammen das Fotobuch zu seinem Hauptwerk "Wallenstein".
Rudi Bliggenstorfer wurde 1950 in Zürich geboren. Er arbeitete als Zirkusartist, Schauspieler, Künstler, Fotograf und Journalist. Seit 1983 lebt er in Südafrika.
Im Interview spricht er über den großen Historiker und Schriftsteller Golo Mann, dessen langjähriger Weggefährte er war, und über einen Aspekt, den Mann selbst - und seine Biografen - gemeinhin ausblendete: seine Homosexualität. Golo Mann, drittes Kind von Katia und Thomas Mann, wäre in diesem Jahr hundert geworden.
Wussten Sie, wer Golo Mann war, als Sie ihn kennenlernten?
Ich war ein literarischer Banause und wusste nicht einmal, wer Thomas Mann war, geschweige denn sein Sohn Golo Mann. Er war einfach Deutscher in der Schweiz, der hin und wieder in Deutschland zu tun hatte. So lernte ich Golo wirklich absolut unvoreingenommen kennen, was vielleicht, so stelle ich mir vor, kein anderer Mensch je tat. Das ermöglichte, primär den Menschen und nicht etwa den Professor, Historiker, Schriftsteller oder was auch immer kennen zu lernen. Alles andere nahm ich später einfach zur Kenntnis, und erkannte noch für lange Zeit die eigentliche Gewichtigkeit seiner Person nicht.
Eben erschien die neue Golo-Mann-Biografie von Tilmann Lahme, zu der Sie viele Informationen beigetragen haben, insbesondere auch zu Manns Homosexualität, die bisher stiefmütterlich behandelt wurde.
Es gibt zum Beispiel die große Biografie von Urs Bitterli. Auf den 700 Seiten ringt sich der Autor gerade einmal zu folgender verschmockter Passage zum Thema Homosexualität durch: Golo Mann "akzeptierte sie, sublimierte sie aber ins Platonische. Nach dem Tod der Mutter holte er Studierende zu sich ins Kilchberger Heim, meist junge Spanier, die ihm in Haus und Garten zur Hand gingen und mit denen er sich in ihrer Sprache unterhielt. Die sexuelle Annäherung versagte er sich, aber die Liebe unterdrückte er nicht, und sie verschaffte ihm in fortgeschrittenen Jahren die Freuden und Leiden, die sich mit ihr zu verbinden pflegen". Mann war schwul, basta. Aber er konnte seine Wünsche nur mit Hemmungen und Schuldgefühlen verwirklichen. Erst wenige Tage vor seinem Tod bekannte er sich in einem Interview offen zu seiner Homosexualität, bemerkte jedoch, dass er sie aus Angst vor Repressalien nie wirklich ausgelebt habe: "Ich hab\' mich nicht oft verliebt. Ich hab\' es sehr oft für mich behalten, das war vielleicht ein Fehler. Es war ja auch verboten, selbst in Amerika, und man musste schon ein bisschen achtgeben."
Hatte Mann auch Beziehungen zu Frauen?
Golo hat nie mit einer Frau geschlafen, abgesehen von einem missglückten Versuch in einem Bordell irgendwo in Deutschland, wo die Prostituierte ihm zum Schluss noch mitleidig sagte: Versuchen wir\'s halt morgen noch einmal. "Weißt Du Bliggi, ich war ja so blöd und naiv in diesen Sachen", kommentierte er die Affäre später. Einmal sagte er: "Ich schwöre es Dir, ob Du\'s mir glaubst oder nicht, eine Frau hat mich noch nie mehr als bis zum Kinn interessiert, alles was darunter kommt, geht mich überhaupt nichts an, damit kann ich nichts anfangen", und machte dabei eine scharfe Handbewegung, die des symbolischen Halsabschneidens, um die definitive Grenze des Interessengebietes klar zu markieren. Unter Zudringlichkeiten, die zu jener Grenze tendierten, litt er.
Können Sie ein Beispiel geben?
Anneliese Popinger, Adenauers Sekretärin, ging ihm eine Zeit lang, auch in den Siebzigern, arg auf die Nerven. Popinger war für Golo natürlich nicht irgendwer, sie war Adenauers Vertraute, und da gehört es sich für einen pflichtbewusst Erzogenen, doch etwas freundlicher eine Grenze zu setzen als sonst. Aber auch freundlich gab Golo die Zeichen klar und deutlich. Ich erinnere mich, nach einen Besuch der Popinger im Hotel Biederstein in München war Golo über ihre Aufdringlichkeit völlig aufgebracht, beim Nachtessen und viel Wein erzählte er die Geschichte, in der, außer Briefwechsel, gar nichts vorgekommen ist. In Erinnerung ist mir noch der Schluss aus einem Brief an sie, wo er ihr mitteilt, dass ihr Interesse völlig zwecklos und unmöglich sei, eben, bisher und nicht weiter. Natürlich war sie danach über die deutliche Abweisung gekränkt.
Wie sah er selber seine Homosexualität?
Sie wurde im Internat in Salem entdeckt; man versuchte mit allen Mitteln, ihn davon abzubringen und redete ihm ein, es handle sich um eine Perversion. 1933 notierte er in sein Tagebuch: "Nach allem muss ich meine homosexuelle Veranlagung als ein großes und entscheidendes Unglück betrachten ... Welches Bund an Leben und Tätigkeit ist nicht eine Frau! Wenn ich nur auf die junge Gräfin einen freundlichen Blick geworfen hätte, anstatt auf den Grafen; da wäre Hoffnung, Beschäftigung der Gedanken, Sinn; aber so? Der Tod." Seine Homosexualität blieb für ihn bis ans Lebensende etwas höchst Problematisches
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