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21. Juli 2009

Iran: Abhängig von Thronräubern

 Von Von Abbas Abdolmohamadi
Mahmud Ahmadinedschad gilt dem shiitischen Klerus - trotz der islamischen Verfassung Irans - als Thronräuber der wahren Machthaber. Foto: afp

Warum tritt der schiitische Klerus im Iran nicht beherzter für die Demokratiebewegung ein? Weil, so Abbas Abdolmohamdi die Ayatollahs seit der islamischen Revolution abhängig von der Staatsmacht sind.

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Die schiitischen Geistlichen im Iran haben eine lange Tradition in der Freiheitsbewegung. Das 20. Jahrhundert war Zeuge gleich mehrerer emanzipatorischer Bewegungen, an denen die Geistlichen teilnahmen. In der konstitutionellen Revolution (Maschrutiat) von 1905 kämpften Geistliche unter anderem für die Aufhebung der absolutistischen Monarchie, die Schaffung einer modernen, bürgerlichen Zivilgesellschaft und eines demokratisch gewählten Parlaments.

In der islamischen Revolution von 1979, die eine revolutionäre Massenbewegung aller Gesellschaftsklassen im Iran war, stürzten Geistliche mit Hilfe von frommen Gläubigen die Diktatur des Schahs. Diesmal spielten nicht nur einflussreiche Ayatollahs, sondern auch viele junge Religionsstudenten eine einzigartige Rolle in den Protesten und Demonstrationen gegen soziale und politische Ungerechtigkeit. Auch in den jüngsten Auseinandersetzungen um den Betrug bei den letzten Wahlen melden sich Kleriker mit Kritik an den Praktiken der Führung. Es lohnt sich vielleicht auch darum, einen Blick auf den spezifischen Charakter des schiitischen Klerus zu werfen.

Die schiitischen Kleriker genossen von jeher den Ruf der Unabhängigkeit von der jeweiligen Regierung. Sie waren immer stolz darauf, von religiösen Steuern und von Spenden der Gläubigen zu leben. Sie waren und sind also gewissermaßen Angestellte ihrer Gemeinden. Die sunnitischen Geistlichen dagegen erhielten und erhalten ihr Gehalt von den Regierungen. Jedes der beiden Finanzierungssysteme hat seine Vor- und Nachteile.

Der schiitische Klerus ist finanziell unabhängig

Die sunnitischen Geistlichen sind, da sie staatlich finanziert werden, abhängig von den Regierungen. Sie mussten immer und müssen auch heute staatliche Richtlinien akzeptieren. Sie waren auch stets eng mit den regierenden Politikern verbunden. Das sunnitische Finanzierungssystem lässt dem einzelnen Geistlichen kaum die Freiheit, die Regierung, die politischen Verhältnisse oder gar die Gesellschaft als Ganze zu kritisieren. Von den Gläubigen sind sie dagegen unabhängig und können viel freimütiger und entschiedener deren - nicht nur - religiösen Überzeugungen entgegentreten.

Die schiitischen Kleriker auf der anderen Seite sind abhängig von ihren Glaubensanhängern und deren Vorstellungen. Selbst gegen Aberglauben und die reine Lehre verfälschende religiöse Traditionen können sie nur schwer angehen. Sie sind abhängig von den Gläubigen, und von denen hängen viele sehr sehr starr an den Glaubensüberlieferungen ihrer Väter. Andererseits war der schiitische Klerus politisch immer engagiert und motiviert genug, um für die schiitischen Gläubigen eine letzte Zuflucht zu sein und deren Rechte gegen die Herrschenden zu verteidigen. Dies fiel ihnen leicht, weil sie vielleicht hier und dort einmal, also in Ausnahmen und keinesfalls prinzipiell, ein enges Verhältnis zur politischen Gewalt hatten. Schon ihre eigene politisch-theologische Ideologie ließ und lässt sie auf Distanz gehen zur politischen Macht.

Das dominante Paradigma der schiitischen Staatstheologie war, dass die politische Autorität nur dem Propheten Mohammed und den zwölf fehlerlosen Imamen zusteht. Die gewöhnlichen Menschen die eine Regierung konstituieren, sind folglich "Thronräuber" und Nachfolger von Thronräubern, die dem wahren Imam seiner Rechte beraubt und damit die Welt aus dem Gleis gebracht haben. Darum sind den schiitischen Geistlichen im Prinzip Kooperation mit den Behörden und Kollaboration mit den staatlichen Diensten, besonderes mit denen in bedeutenden Ämtern, nicht erlaubt.

Das Prinzip des Ayatollahs

Die islamische Revolution von 1979 veränderte aber die politische und wirtschaftliche Struktur des Klerus nachhaltig. Auch heute noch leben die Geistlichen von den finanziellen Beiträgen der Gläubigen. Aber es gibt inzwischen im Iran für den Klerus zusätzlich eine finanzielle Unterstützung vom Staat. Viele Geistliche werden - mit gutem Lohn - in staatliche Ämter des Landes in führenden Positionen eingesetzt. Die Kleriker verfügen so auf die eine oder andere Weise über verschiedene finanzielle Privilegien, die sie früher nicht hatten.

Als der Klerus 1979 an die Macht kam, wurde das alte, politische Paradigma durch eine der schiitischen Tradition fremde These herausgefordert. Diese These war neu und viele große Ayatollahs pflichteten ihr nicht bei, aber die Machthaber setzten sie durch. Es ist die Welayat-e-Faghih-These, das Staatsprinzip der Herrschaft des Obersten Rechtsgelehrten, des obersten Ayatollahs.

Es wurde durchgesetzt durch die direkte und indirekte Unterdrückung auch der innerklerikalen Opposition, die Bombardierung der Bevölkerung mit Propaganda. Hinzu kamen und kommen die Atmosphäre von Revolution und Krieg im Land und die zahlreichen Privilegien für die Geistlichen und die Religionsstudenten. Unter ihnen und besonders unter den jungen Klerikern, die inzwischen den größten Anteil des Klerus bilden, fand die neue Doktrin die stärkste Unterstützung.

Die traditionelle Struktur, die Kooperation der Großen Ayatollahs, die die letzten einhundert Jahre den schiitischen Klerus organisiert hatte, wurde inzwischen in Iran durch eine staatliche Institution ersetzt. Die islamische Regierung Irans ging sogar so weit, die so genannte Ijtihad-Qualifikation, die bisher von den Ayatollahs definiert wurde, denen weg und selbst in die Hand zu nehmen.

Obwohl Ayatollah Ali Akbar Haschemi Rafsandschani in seiner Rede zum Freitagsgebet nicht die politischen Ansichten des Führers bestätigte - und hiermit konnte er die Protestierenden erfreuen -, irritierte er manchen großen Kleriker wie zum Beispiel Ayatollah Mohammed Yazdi, den Vorsitzenden der Vereinigung der religiösen Lehrer in der heiligen Stadt Qom.

Man darf außerdem nicht übersehen, dass Rafsandschani die Rede nicht als einflussreicher Ayatollah, als eines der zentralen Mitglieder des schiitischen Klerus hielt, sondern in seiner Rolle als erfahrener Politiker. Er sprach nicht als Verkünder des göttlichen Willens, sondern als ein abwägender Politiker, ein Politiker übrigens, der in Iran gerne als " Mann für die Krise" betrachtet, als ein Helfer in "bitterer Zeit" genannt wird.

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