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04. Oktober 2010

Islam-Debatte: Musterschüler, Zauberlehrling

 Von Thomas Bauer
Viktorianische Fantasie orientalischer Erotik: Fotografie von 1890.  Foto: picture-alliance / KPA/TopFoto

Wieviel Westen steckt im modernen Islam? Der Kulturalismus führt in die eigenartige Zwickmühle, dass aus westlicher Sicht islamisches Denken und Handeln, wenn es gültigen westlichen Werten entspricht, nicht ur-islamisch sein kann. Dann ist der Islam einfach nicht fremd genug.

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Wir Kulturwissenschaftler – und gerade wir, die wir uns mit außereuropäischen Kulturen beschäftigen – sind Experten für das Fremde. Wir sind gestählte Recken im Kampf gegen eurozentrische Wahrnehmungen fremder Kulturen. Wir werden nicht müde, vor vorschnellen Gleichsetzungen von Phänomenen fremder Kulturen mit scheinbar ähnlichen Phänomenen in der eigenen Kultur zu warnen. So kämpften wir lange dagegen an, im Fremden nur ein Spiegelbild – und sei es ein verzerrtes – des Eigenen zu sehen.

Inzwischen aber, so scheint es, hat sich die Problemlage regelrecht umgekehrt. Heute wird der Blick auf andere Kulturen vorwiegend durch jene verzerrt, die gerade die Andersartigkeit anderer Kulturen betonen. Dieser „Kulturalismus“ ist im Laufe der letzen Jahrzehnte zur dominanten Sichtweise auf das Fremde geworden. Kulturalisten glauben, dass es verschiedene, klar voneinander abgrenzbare Kulturen gibt. Diese Kulturen haben jeweils ein bestimmtes Wesen, das sie tief prägt und das sich auch über die Geschichte hinweg kaum ändert. Die Menschen, so würden Kulturalisten behaupten, seien durch die Zugehörigkeit zu ihrer Kultur so tief geprägt, dass sie auch nach einer Migration in eine andere Kultur – oft generationenlang – nicht zu einer Anpassung fähig sind. Dabei gilt stets die Religion mit ihren Normen als wichtigster kulturprägender Faktor.

Oft sind es nur die eigenen Werte, die uns später als islamische erscheinen

Der Kulturalismus führt nun in eine eigenartige Zwickmühle: Da Kulturen ja verschieden sein müssen, kann sich das eigentliche Wesen einer Kultur gerade dort nicht zeigen, wo sie mit anderen Kulturen übereinstimmt. Diese kulturalistische Denkweise auf den Islam angewandt, ergibt folgende Paradoxie: Wenn islamisches Handeln oder Denken den gerade gültigen westlichen Werten entspricht, muss es sich um historische Zufälligkeiten oder – womöglich vorgetäuschte – Anpassung handeln. Immer dann aber, wenn islamisches Denken und Handeln westlichen Normen widerspricht, zeigt sich das eigentliche, überzeitliche Wesen des Islams.

Wie sehr eine solche Sicht die Wechselwirkungen zwischen dem Westen und der islamischen Welt verdrängt, veranschaulichen zahlreiche Fälle, die ich unter der Überschrift „Gesetz der Asynchronizität“ zusammenfassen möchte. Es lässt sich etwa so beschreiben: In außereuropäischen Kulturen wurden immer wieder westliche Werte und Normen übernommen. Am Anfang stand in der Regel die einheimische höhere Mittelschicht, die westliche Vorstellungen übernahm, weil „westlich“ zu sein einen Zugewinn an Prestige und häufig auch an Macht versprach.

Nachdem diese Strategie erfolgreich und der Aufstieg gelungen war, übernahm auch die untere Mittelschicht diese westlichen Werte, aber nicht als westliche Werte, sondern als die der einheimischen Elite. Es vergeht also einige Zeit, bis die ursprünglich von einer kleinen Elite übernommenen westlichen Vorstellungen von einem Goßteil der Bevölkerung angenommen werden. Nun hatten Werte im Westen während des 19. und 20. Jahrhunderts eine kurze Halbwertszeit. Und so kommt es immer wieder zu einer paradoxen Situation: Westliche Werte werden von einem großen Teil der Bevölkerung nichtwestlicher Länder verinnerlicht, doch vollendet sich diese Entwicklung zu einem Zeitpunkt, an dem diese Werte im Westen gar nicht mehr gelten und durch andere Wertvorstellungen ersetzt wurden.

Dies gilt auch für viele Werte und Moralvorstellungen in der islamischen Welt, die sich bei näherem Hinsehen als Reflexe westlicher Werte entpuppen. Es mag sein, dass diese Werte im Westen selbst an Gültigkeit eingebüßt haben. Doch dadurch werden sie noch nicht zu islamischen Werten. Es sind oft nur die eigenen, westlichen Werte, die uns im historischen Abstand als islamische erscheinen. Manchmal ist der Westen islamischer als der Islam.

Ein drastisches Beispiel bietet der Umgang der islamischen Welt mit Homosexualität. Das klassische islamische Recht verbietet sexuellen Verkehr zwischen Männern. Die dafür angedrohten Strafen sind jedoch in über tausend Jahren kein einziges Mal angewandt worden. Stattdessen dichteten arabische Poeten – und sogar Religionsgelehrte – zwischen dem 9. und dem 19. Jahrhundert Hunderttausende homoerotischer Liebesgedichte, die einen bedeutenden Anteil der gehobenen und populären arabischen, persischen und osmanischen Literatur ausmachen. In den Jahrzehnten nach 1830 verschwinden homoerotische Gedichte plötzlich vollständig. Grund hierfür ist nicht der Islam, sondern die Übernahme westlicher, nämlich viktorianischer, Moralvorstellungen. Diese Sexualmoral ist bis heute in weiten Teilen der islamischen Welt fest verwurzelt. Das ist der Grund dafür, dass viele Muslime ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu ihrer eigenen literarischen Tradition haben, die in ihren Augen von einer moralischen Dekadenz durchsetzt ist, die letztlich zum Niedergang des Islams führte.

Das, was für heutige westliche Augen also ein Zeichen für Fortschritt und Modernität ist – nämlich ein gelassener Umgang mit mann-männlicher Erotik – war über ein ganzes Jahrtausend charakteristisch für die islamische Welt. Im 19. Jahrhundert übernahmen Muslime westliche Werte mit ihrer damals drastischen Verdammung homosexuellen Fühlens und Handelns und fingen an zu glauben, dass die scheinbar „lockere“ Moral ihrer Vorfahren dafür verantwortlich sei, dass die islamische Welt nicht mit der westlichen Moderne schritthalten konnte. Heute fordert die westliche Welt – durchaus zurecht – in der islamischen Welt Schwulenrechte ein und hält – durchaus zu Unrecht – die dortige Homophobie für typisch islamisch.

Übrigens sind homosexuelle Handlungen noch immer in der Mehrzahl der arabischen Staaten straffrei. Dort, wo es Strafbestimmungen gibt, sind diese meist nicht aus der Shari’a abgeleitet, sondern aus dem britischen Recht. Dort gelten sie heute natürlich nicht mehr, und den britischen Ursprung hat man in den islamischen Ländern längst vergessen. Heute gelten sie als typisch islamisch – ein sehr drastischer Fall von Asynchronizität.

Noch komplizierter wird es, wenn nicht einzelne Werte, einzelne Vorstellungen oder einzelne Institutionen vom Westen übernommen werden, sondern ganze Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, die den Umgang mit der eigenen Tradition vollständig verändern. Solche Strukturveränderungen innerhalb der cognitive maps sind naturgemäß schwer zu erkennen und man muss wieder auf das philologische Prinzip zurückgreifen, die Texte, die Menschen einer Kultur hinterlassen, ernst zu nehmen und nicht zu versuchen, sie aus eurozentrischem Blickwinkel zu interpretieren.

Dann entdeckt man eine strukturelle Gemeinsamkeit hinter den geschilderten Phänomenen. Dieses gemeinsame Element, das den Unterschied zwischen dem modernen und dem vormodernen Islam am stärksten charakterisiert, ist das allmähliche Zurückdrängen der alten Ambiguitätstoleranz, die den klassischen Islam über lange Zeit in einer ganz besonderen Weise charakterisierte. Während man in der islamischen Welt einst Vieldeutigkeit schätzte und sie lediglich auf ein handhabbares Maß reduzieren, nicht aber ausmerzen wollte, war man in der westlichen Moderne bestrebt, Ambiguitäten so weit wie möglich zu beseitigen. Die klassische islamische Form der „Ambiguitätszähmung“ wurde in der Moderne abgelöst durch den Versuch einer radikalen „Ambiguitätsvernichtung“. Lediglich in Kunst und Literatur hat man der Ambiguität ein Reservat eingerichtet, in dem sie sich austoben kann, ohne weiteren Schaden anzurichten.

Von der Begeisterung für die traditionelle Meinungspluralität und die Vielfalt der Koranauslegungen früherer Jahrhunderte ist in vielen Strömungen des modernen Islams nur noch wenig zu spüren. Schon im späten 19. Jh. gab es Versuche, das islamische Recht – ganz wider seine Natur – zu kodifizieren. Moderne Staaten verlangen nach klaren Regeln, und weder „liberale“ Muslime noch ihre fundamentalistischen Konkurrenten werden zugeben, dass es möglich sein kann, dass zwei scheinbar widersprüchliche Aussagen gleichzeitig wahr und richtig sein können.

Ein besonders trauriges Beispiel für diese Entwicklung sind die spektakulären Prozesse gegen Ehebrecher und Ehebrecherinnen in islamischen Ländern, denen man die Steinigung angedroht hat oder die tatsächlich gesteinigt worden sind.

Steinigungen seien seit der Frühzeit des Islams nie mehr vorgekommen

In den westlichen Medien spielt der Fall der Iranerin Sakine Aschtiani aktuell eine große Rolle. Aus den Berichten ist der Eindruck entstanden, im Islam müssten Ehebrecher gesteinigt werden. Was weder die Berichterstatter noch die iranischen Richter sagen, ist aber dies: Im Islam wurden Ehebrecher und Ehebrecherinnen vor dem 20. Jahrhundert nicht gesteinigt. Ich will es erläutern: In islamischen normativen Rechtstexten finden sich nicht nur Vorschriften, Ehebrecher zu steinigen, sondern auch so viele Verfahrenshindernisse, die vor eine Steinigung gesetzt sind, dass es in den meisten Rechtsschulen so gut wie unmöglich wird, ein Steinigungsurteil tatsächlich zu verhängen. Hinzu kommt, dass in der islamischen Geschichte Shari’a-Regeln als Richtschnur verstanden wurden, die in der Rechtspraxis aber flexibel gehandhabt und mit anderen Rechtstraditionen abgeglichen wurden – auch hier gab es eine Diskurspluralität.

Und so kommt es, dass es aus den Kernländern des Islams keine Berichte von Steinigungen nach den mehr oder weniger legendären Fällen der Frühzeit des Islams gibt. Es gab Rebellen und Räuber, die gekreuzigt wurden – die Dichter stürzten sich darauf und dichteten spektakuläre Gedichte – Sensationslust ist ja kein modernes Phänomen. Es gab Machthaber, die folterten und hinrichten ließen – die Chronisten berichten es in aller Ausführlichkeit – aber nirgendwo wird von einer Steinigung berichtet.

Mit einer Ausnahme. Meines Wissens gibt es in der Zeit zwischen 800 und dem 20. Jahrhundert nur einen einzigen sicher bezeugten Fall einer Steinigung wegen Ehebruchs aus dem Kernbereich des Islams. Er trug sich um das Jahr 1670 im osmanischen Reich zu, war – wie die modernen Fälle ja auch – politisch motiviert – und sorgte für einen handfesten Skandal. Der verantwortliche Richter wurde abgesetzt. Der Chronist, der von dem Fall berichtet, zeigt sich empört. Er hält Steinigungen keineswegs für islamisch. So etwas sei seit der Frühzeit des Islams nie mehr vorge kommen, stellt er entrüstet fest. Auch für ihn waren Steinigungen etwas Atavistisches und Unmenschliches.

Von dieser skandalträchtigen Ausnahme abgesehen gab es offensichtlich keine Steinigungen. Stattdessen wurden andere, unblutige rechtliche Regelungen gefunden.

Heute ist die Duldung juristischer Mehrdeutigkeit unverständlich geworden. So kommt es, dass anders als in den tausend Jahren zuvor in islamischen Ländern Ehebrecher und Ehebrecherinnen gesteinigt werden, obwohl man, um ein Todesurteil zu bekommen, gegen andere Normen und Vorschriften des islamischen Rechts verstoßen muss. Doch scheinen diese Vorschriften wohl niederrangiger, wenn es darum geht, der Welt ein eindeutiges – und ein eindeutig islamisches Recht zu präsentieren. Es scheint also, als ließe sich ein vermeintlich typisch islamisches Phänomen wie die Steinigungsstrafe nicht direkt und ohne Umschweife aus traditionellen islamischen Normen herleiten.

Natürlich soll damit nicht gesagt werden, dass Steinigungen im Islam ein Import aus dem Westen sind. Sie sind aber – so schrecklich sich das anhört – ein Modernisierungsphänomen.

Gerade dort, wo wir vermeintlich rein Islamischem begegnen, erblicken wir oft nur unser eigenes Spiegelbild, und sei es auch in zeitlicher Verschiebung. So kommt es, dass wir hier, egal ob wir traditionelle oder moderne Phänomene fremder Kulturen erforschen, immer auch uns selbst betrachten.

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