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28. März 2011

Islam in Deutschland: Die Gesetze der Trägheit

Nirgendwo sind die monotheistischen Religionen Christentum, Islam und Judentum sich geographisch näher als in der Altstadt von Jerusalem mit dem Felsendom, einer der heiligsten Stätten des Islam.  Foto: dpa

Gehört der Islam zu Europa? Wie begegnen Kulturen einander? Fragen an den Mediavisten Michael Borgolte, der sagt, es könne keinen Zweifel daran geben, dass es wesentliche, grundlegende Elemente unserer Kultur ohne muslimische Vermittlung nicht gäbe.

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Herr Borgolte, Innenminister Hans-Peter Friedrich erklärte auf einer Pressekonferenz, „dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich aus der Historie nirgends belegen lässt.“ Was sagt der Historiker dazu?

Zunächst muss man sagen, dass bis in die Neuzeit kaum Muslime in Deutschland gelebt haben. Es gibt sieben Muslime, die 798 Karl dem Großen vom König von Asturien geschenkt wurden. Mit Waffen und Maultieren.

Die sollten in einen Zirkus?

Bestaunt wurden sie. Das kann man annehmen. Sie waren eine Kriegsbeute und ein sehr wertvolles, ein exotisches Geschenk. Die Spuren dieser Personen haben sich schnell verflüchtigt. Es gab Gesandte, es gab Händler, aber ansässig waren in dem Gebiet, das später Deutschland wurde, keine Muslime. Aber: Natürlich ist die wissenschaftliche, kulturelle, technologische Tradition der Muslime vom Vorderen Orient aus über Spanien und Sizilien nach Europa gekommen. Sie hat sich in die gesamte Tradition des Westens eingebracht. Es kann keinen Zweifel daran geben, dass es wesentliche, dass es grundlegende Elemente unserer Kultur ohne muslimische Vermittlung nicht gäbe.

In Ihrem vor fast genau fünf Jahren erschienenen Buch „Christen, Juden, Muslime“ schreiben Sie, es dürfe eigentlich nicht christliches Europa, es müsse vielmehr monotheistisches Europa heißen.

Natürlich ist es richtig, das Christentum als die bei weitem dominante Religion in Europa zu sehen. Darüber kann kein Zweifel bestehen. Aber man übersieht dabei gerne, dass es das ganze Mittelalter über Reste des sogenannten Heidentums – Naturreligionen, polytheistische Kulte – gab. Und man geht dann schweigend darüber hinweg, dass es in fast ganz Europa mehr oder weniger große jüdische Siedlungen gab. Außerdem wurden doch große Teile Europas viele Jahrzehnte lang muslimisch regiert. Spanien von 711 bis mindestens 1212. Seit 902 auch Sizilien. Bis dort die Normannen die Macht übernahmen. Als die Muslime aus Spanien und Portugal vertrieben wurden, hatte die Besiedelung Südosteuropas durch die Osmanen schon begonnen. So war Europa immer das Land der drei monotheistischen Religionen. Die hatten natürlich nicht dasselbe Gewicht. Diese drei Religionen aber haben sich stets mit einander auseinandersetzen müssen. Heute – mein Buch ist ja schon fünf Jahre alt – ist mir klar, dass man weiter gehen muss. Bis zum Indus hin war ja auch Asien monotheistisch.

Zur Person

Michael Borgolte, geboren 1948 in Braunschweig, hat seit 1991 einen Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte an der Humboldt-Universität, Berlin. Er ist einer der Initiatoren des Schwerpunktprogramms der Deutschen Forschungsgemeinschaft „Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter“.
Am heutigen 29. März tritt in Berlin das Plenum der Deutschen Islamkonferenz wieder zusammen, diesmal unter
Leitung des neuen Bundesinnenministers Hans-Peter Friedrich (CSU). FR


Kaum sind wir aus den Streichholzschachteln der Nationalgeschichte in das geräumige europäische Haus umgezogen, führen Sie uns jetzt in die Weiten der asiatischen Ebenen, wo ständige Migrationen stattfinden.

Genau darum geht es. Bernd Schneidmüller hat im Beck-Verlag gerade eine Geschichte Europas zwischen 1200 und 1500 vorgelegt. Er sagt: Das ist keine Geschichte Europas. Das ist eine Geschichte in Europa. Sie wird geprägt von drei von Asien ausgehenden Katastrophen: Mongoleneinfall, Pest und Fall von Konstantinopel. Man kann europäische Geschichte nicht nur von Europa aus schreiben. Aber europäische Geschichte muss geschrieben werden für die gegenwärtigen Europäer. Für die Mediävisten ist das schwierig, denn den Begriff Europa gab es zwar, aber er wurde kaum verwendet. Es gab auch kein europäisches Einheitsbewusstsein.

Mein Eindruck ist, wir verstehen mit Ihrem Blick aus dem Mittelalter unsere Zukunft besser, als wenn wir sie mit den Augen des 19. Jahrhunderts betrachten.

Ja.

Der Blick von Innenminister Hans-Peter Friedrich ist ein Blick aus dem 19. Jahrhundert.

Das sehe ich auch so. Nachdem Politiker nicht mehr vom Nationalstaat sprechen können, greifen sie gerne zum Begriff der Leitkultur. Das ist der Versuch, sich einer Identität zu vergewissern, die man offenbar zu brauchen glaubt. Die Frage nach Identitäten führt die Geschichte immer wieder in die Irre. Geschichte ist die Geschichte vom Wandel von Identitäten. Historiker tun gut daran, weniger nach Identitäten als nach dem Wandel zu fragen. Der ist zur Zeit so dramatisch, dass wir ihn verstehen müssen. Dabei hilft uns der Blick darauf, wie er sich in anderen Zeiten abgespielt hat.

Daran arbeiten Sie jetzt?

Ja, es handelt sich um ein umfassendes Forschungsprogramm zur Frage von Migration und kultureller Verflechtung. Wie, fragen wir uns, wirken Migranten auf die Mehrheitsgesellschaften ein? Und umgekehrt. Jeder Migrant bringt seine Kultur, seine Weltanschauung mit. Er hat die Möglichkeit, die Gesellschaft in diesem Sinne zu verändern. Die Gesellschaft kann darauf mit Unterdrückung, Vertreibung, Ausrottung reagieren. Gut geht es nur da, wo eine Wechselbeziehung zustande kommt. Natürlich muss sich auch der Migrant verwandeln.

Das ist eine große, europaweit vergleichende Studie?

Noch ist es nur ein Plan. Wir verhandeln mit der Akademie der Wissenschaften hier in Berlin. Wir – das sind ein Judaist, ein Byzantinist, ein Mediävist und ein Islamwissenschaftler – möchten in einem Handbuch und in einem Quellenverzeichnis systematisch alle Migrationen in Europa und im Mittelmeerraum für die Zeit zwischen 500 und 1500 auflisten. Dabei sollen die kulturellen Veränderungen der Mehrheitsgesellschaften und der Emigrantenkulturen erforscht werden. Das nenne ich transkulturelle Verflechtung. Das Projekt soll über zwanzig Jahre lang laufen, und wir versuchen natürlich, es auch auf europäischer Ebene zu organisieren. Das Migrationsthema wird uns die nächsten Jahrzehnte begleiten. Es wird an Gewicht sicher noch zunehmen. Die Integration von Migranten ist ja nicht vor allem ein politisches oder soziales, sondern ein kulturelles Problem.

Ist nicht aber doch die politische Integration – die Gleichstellung der hier lebenden Ausländer mit den Inländern – die allererste Voraussetzung für alles andere? Muss nicht am Anfang eine erleichterte Einbürgerung, mindestens aber ein Wahlrecht stehen?

Was Sie da bei mir monieren, hat mit meinem Fach zu tun. Wer im Mittelalter kam, kam, weil er gerufen wurde. Er hatte das Recht sich anzusiedeln. Auch wer ungebeten kam und bleiben durfte, tat es unter den Bedingungen seines und eines für ihn neu geschaffenen Rechtes. Rechtsgleichheit gab es im Mittelalter nicht. Auch die Eingesessenen hatten ihre bestimmten Rechte. Darum spreche ich davon, dass die Integration der Migranten vor allem ein kulturelles Problem war.

Wie kamen Sie auf diese Themen? Die sind ja weit weg von dem, was Sie als Historiker gelernt haben.

Mein akademischer Lehrer würde mich nicht mehr verstehen. Das ist ganz eindeutig. Er gehörte auch zu einer Generation, die mit Geschichtsschreibung nichts zu tun haben wollte. Er hätte Angst gehabt, wäre er den Weg von der Geschichtsforschung zur Geschichtsschreibung gegangen, sich ideologisch zu infizieren. Europäische Geschichte ist seit den 80er Jahren aktuell. Aber die Migrationsgeschichte hat in Wahrheit zu tun mit der Zuwendung zur Globalgeschichte. Das ist das, was ich heute mache. Also weniger vergleichende Geschichte. Stattdessen Beziehungsgeschichte in einem globalen Zusammenhang. Die kann man sinnvoll heute nur auf drei Feldern betreiben: Migrations-, Reichs- und Handelsgeschichte. Wenn mir die Zeit bleibt, möchte ich über alle drei ein Buch schreiben.

Wann kamen Sie auf die Idee, Geschichte so zu betreiben?

Vor zwei Jahren.

Wäre es nicht nötig, dass die Historiker der Weltgegenden, die erforscht werden, auch involviert sind in diese Arbeit?

Gerne. Aber wir bekommen kein Geld für mehr Stellen. Wir haben großes Glück, wenn wir EU-Gelder bekommen, aber wir werden sicher kein Geld für ein solches Projekt aus Peking bekommen. Natürlich wurde sofort gesagt: Ein Pole muss dabei sein. Selbstverständlich. Aber das muss auch finanziert werden. Über zwanzig Jahre! Wir wollen noch in diesem Jahr damit anfangen. Wenn alles klappt mit Italien. Alle dortigen Migrationsbewegungen während der tausend Jahre zwischen 500 und 1500 sollen erfasst und ihre Folgen für das Land und seine Bevölkerungen analysiert werden. In einer solchen Langzeitstudie würde sich dann auch zeigen lassen, wie häufig die Impulse von Emigranten erst mit Verzögerung wirken. Manchmal kann man erst Generationen später feststellen, was wirklich nachhaltig war. Fünfhundert Jahre nachdem es kein Burgund mehr gab, gab es immer noch das Burgunderrecht. Es gibt da offenbar Gesetze der Trägheit.

Eine sehr aktuelle Debatte. Die Muslime bringen ihre Rechtsvorstellungen nach Deutschland mit. Sie können sie nach einer Weile durchsetzen. Die Angst der Sarrazins ist also so unberechtigt nicht.

Wir haben eine republikanische Verfassung. Bei uns sind alle vor dem Gesetz gleich. Unsere Verfassung lässt Sonderrechte nicht zu. Im Mittelalter gab es nur Sonderrechte. Ob die, die nach fünfhundert Jahren noch immer nach Burgunderrecht lebten, sich auch sonst als Burgunder fühlten, darf man bezweifeln. Das burgundische Recht hatte vielleicht Vorteile, an denen man festhielt, ganz gleich, ob man Burgunder war oder nicht.

Wir sprechen bei uns jetzt von den Kindern der Emigranten, die die Gesetze der Heimat wieder entdecken…

Es gibt die Erfahrung, dass die Kinder – vor allem dann die Kindeskinder – der Immigranten gut integriert sind. Aber gerade dann beginnen sie nach ihrer Herkunft zu fragen. Dann erzählen sie sich Geschichten. Sie forschen nicht. Es werden fiktive Geschichten erzählt.

Minderheiten haben ja manchmal eine bestimmte Funktion innerhalb einer Gesellschaft. Teile der deutschen Juden spielten zum Beispiel eine zentrale Rolle bei der Entwicklung der deutschen Moderne. In Literatur und Musik, in Wirtschaft und Kunst. Könnte es sein, dass Gesellschaften zu ihrer Entwicklung solcher Fermente bedürfen?

Das sind die Fragen, die wir untersuchen wollen. Bisher waren unsere Forschungen nationalgeschichtlich konzipiert. Da spielten solche Fragen keine Rolle. Deutsche Handwerkerverbände im mittelalterlichen Florenz wurden gewissermaßen als Auslandsdeutsche untersucht, nicht aber in ihrer Rolle für das Funktionieren des plurikulturellen Gemeinwesens. Untersuchungen wie die, nach denen Sie fragen, sind mir aus meinem Bereich keine bekannt. Wir denken noch viel zu stark von der Identität her. Wir müssen von der Transformation her denken. Das fällt offenbar schwer. Da scheint es elementare Ängste zu geben. Wir wollen nicht sehen, dass unsere eigene Identität transformierbar ist. Die große Angst vor dem Identitätsverlust.

Interview: Arno Widmann

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