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05. Januar 2012

Israel: "Ich fürchte um Israels Zukunft"

Der Schriftsteller Yoram Kaniuk.  Foto: reuters/Ronen Zvulun

Der Autor Yoram Kaniuk aus Tel Aviv spricht im Interview mit unserem Autor über den Kulturkampf und vertane Chancen in seiner Heimat.

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Der israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk, 81, lebt als Autor und Maler in Tel Aviv. Er wurde 1948 im Palästinakrieg verwundet, zog für zehn Jahre nach New York und kehrte 1961 nach Israel zurück. Er veröffentlichte sechzehn Romane, viele Kurzgeschichten und vier Kinderbücher. In Israel musste er lange auf Anerkennung warten, während Bücher wie „Adam Hundesohn“ und „Der letzte Jude“ in über zwanzig Sprachen übersetzt wurden. „Adam Hundesohn“ (1968) wurde 2008 von Paul Schrader verfilmt. Unsere Korrespondentin Inge Günther traf den Autor in Tel Aviv.

Herr Kaniuk, was ist mit Israel los? Ultraorthodoxe Juden bespucken ein kleines Mädchen. Rechtsextreme Siedler zünden Moscheen an. Und die Regierung Netanjahu erlässt in Serie Gesetze, die die Linken als anti-demokratisch einstufen. Ist ein Kulturkampf ausgebrochen?

Neu ist das alles nicht. Israel befindet sich seit 1948 im Ausnahmezustand. Wir haben einen Fehler gemacht, als wir eine Verfassung, wie in der Staatsdeklaration vorgesehen, immer wieder aufgeschoben haben – bis heute. Allerdings hatte David Ben-Gurion damals den Ultrafrommen erlaubt – seinerzeit waren das rund 400 junge Männer –, sich vom Militärdienst zu befreien und stattdessen in die Jeschiwa zu gehen, in die Religionsschule. Heute haben wir bald eine Million Ultraorthodoxe, die mit dem Staat nichts am Hut haben, außer dass sie sich von ihm finanzieren lassen. Israel ist nach seinem Selbstverständnis ein jüdisch demokratischer Staat. Aber das funktioniert nicht. Man kann entweder demokratisch oder religiös sein.

Sind Sie deshalb als erster Israeli vor Gericht gezogen, um sich als Bürger „ohne Bekenntnis“ registrieren zu lassen?Meine Frau ist nicht-jüdisch und deshalb gelten meine beiden Töchter nicht als Jüdinnen. Zum jüdischen Volk gehört in Israel ja nur, wer eine jüdische Mutter hat oder zum Judentum konvertiert ist. Aber das Übertreten ist doch ein religiöser Akt, kein nationaler! Als mein Enkel zur Welt kam, trug ein Beamter im Innenministerium in der Geburtsurkunde in der Rubrik Religion „christlich“ ein. Wir widersprachen. Daraufhin schrieb er: „Ohne Bekenntnis“. Da ich selber seit Jahren wegen unserer Familienverhältnisse Ärger mit der israelischen Bürokratie hatte, nutzte ich die Gelegenheit, die Religionszugehörigkeit auch aus meinem Pass streichen zu lassen. Mein Antrag wurde abgelehnt. Also ging ich vor Gericht.

Wie weit ist denn das Gericht Ihrer Argumentation gefolgt?Der Richter war großartig! Als ob er zwanzig Jahre lang auf meinen Fall gewartet habe. Ich sehe mich als Jude, aber eben nicht als religiös. In der Diaspora war die Religion das einzige, was das jüdische Volk zusammenhielt. Aber jetzt haben wir ein Land, sind dorthin zurückgekehrt, wo alles begann.

Sind Sie also dafür, dass Israel sich eine Verfassung gibt, in der Staat und Religion getrennt sind?

Heute ist das nicht zu machen. Wir müssen auf eine neue Generation warten. Aber immerhin, meine Anwältin erzählte mir, dass inzwischen hundert junge Israelis es mir nachtun und ebenfalls beim Innenministerium und notfalls auch bei Gericht eine Passänderung durchsetzen wollen. Diese Leute verlangen die Freiheit, ihre Religion, ihren Glauben selbst zu wählen.

Was bedeutet es für Sie, jüdisch zu sein?

Ich liebe den Judaismus. Die meisten meiner Bücher setzen sich mit dem Judentum auseinander. Viele Rabbiner gehen mir aus dem Weg, weil ich mehr darüber weiß als sie. Aber ich fühle mich jüdisch im Sinne des „Anti“: dagegen zu sein und für soziale Gerechtigkeit einzutreten. Das Christentum entstand aus dieser jüdischen Tradition. Ebenso die Ideen von Karl Marx oder Albert Einstein. Nicht zufällig waren es Juden, die in den USA als Erste gegen die Diskriminierung von Schwarzen kämpften. Gerade weil die Juden kein Land hatten, mussten sie ihren Kopf gebrauchen. Schauen Sie, die Deutschen haben wunderbare Maschinen gebaut. Aber wir sind hundert Mal besser auf dem High-Tech-Gebiet.

Die israelische Politik allerdings bewegt sich nur in altbekannten Gleisen, wie der verfahrene Friedensprozess zeigt. Warum wird hier nicht kreativer und konstruktiver gedacht? Vielleicht sollen Juden keinen eigenen Staat haben, was weiß ich. Nein, im Ernst, die Nation steht hinter Benjamin Netanjahu. Er ist der populärste Premier, den wir je hatten. Die meisten, voran die russischen und sephardischen Juden, wollen den Palästinensern nicht nachgeben. Sie wollen einen starken Führer. Eine Vaterfigur, die sagt, wo es langgeht. Was die Welt meint, schert die Leute wenig, solange sie ihre Autos kaufen können. Das ist doch verrückt. Und die israelische Linke ist klein. Mag sein, dass die soziale Protestbewegung langfristig etwas bewirkt. Aber Schelly Jechimovitch, die neue Chefin der Arbeitspartei, hat derzeit keine Chance.

Israel ist eine junge Nation. Muss sie womöglich erst noch ihre Balance finden, bevor man zu einer Lösung des Nahost-Konflikts kommt?Der Punkt ist: Schimon Peres hat 1968 die erste Siedlung im Westjordanland gegründet, statt zu warten, bis die Araber zu Verhandlungen bereit sind. Heute haben wir eine halbe Million Siedler in den besetzten Gebieten, die mehr mit Hooligans als mit Juden in meinem Sinne zu tun haben. Und sie geben den Ton an. Was kann man bei einer solchen Mehrheit, die das Falsche will, schon tun?

Hat der Zionismus versagt?Zumindest ist der Traum verblasst. Ich sehe keine Idee, die uns zusammenschmilzt. Schon wegen meines Enkels fürchte ich um Israels Zukunft. Aber ich schöpfe aus 3000 Jahren eine Hoffnung: Wir haben immer überlebt. Am Ende werden wir eine Lösung finden. Aber welche sehe ich heute nicht.

Gespräch: Inge Günther

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