J.D. Salinger, ein Mythos schon zu Lebzeiten, ist tot. Er starb am 27. Januar im Alter von 91 Jahren in seinem Haus in Cornish im US-Staat New Hampshire, teilte seine Sprecherin am Donnerstag mit. Ein Vierteljahrhundert hat Salinger in der amerikanischen Literatur mitgemischt. Dabei hat der Schriftsteller lediglich vier schmale Bücher publiziert, einen Roman und 13 Geschichten. Daneben noch 22 Short Storys in Zeitschriften, die er aber "eines natürlichen Todes" sterben lassen wollte und deshalb nie als Buch herausbrachte. 1965 hatte er zuletzt eine Geschichte veröffentlicht. Sein letztes Interview gab er vor 30 Jahren.
Trotzdem wird er auf der ganzen Welt noch immer bewundert. Besonders unter Jugendlichen, die den unvergleichlichen Zauber spüren, den sein in drei Dutzend Sprachen übertragener Roman von 1951 "The Catcher in the Rye" und dessen 17-jähriger Erzähler Holden Caulfield bis heute ausstrahlen. Die Welt der Kinder, die Rebellion gegen die Verlogenheit Erwachsener, den Weltschmerz - dieses Feld hat Salinger unermüdlich bestellt.
In New York wird J.D. Salinger am 1. Januar 1919 geboren. Als Kadett unternimmt er in einer Militärschule erste Schreibversuche, als Student veröffentlichte er seine ersten Kurzgeschichten.
Weltweit bekannt wird er mit seinem einzigen Roman "Der Fänger im Roggen". Das 1951 erschienene Buch ist ein frühes Dokument der beginnenden Jugendrebellion.
Ab 1965 zieht sich Salinger mehr und mehr zurück. Er veröffentlicht nichts mehr. Vor 30 Jahren gab er sein letztes Interview. (dpa)
Neben Holden ist der exzentrische jüdisch-irische Glass-Clan Salingers zweite große Schöpfung. "Franny und Zooey" (1961) - das einige für Salingers bestes Buch halten - ist ebenso Teil der ineinander verzahnten Geschichten um die New Yorker Showbusiness-Familie wie "Seymour wird vorgestellt" (1963), in der das älteste der Glass-Kinder porträtiert wird. "Ein perfekter Tag für Bananenfisch" (1948), die wohl bekannteste Geschichte, handelt von Seymours Selbstmord. Das Schlusswort zu Salingers Werk hat Buddy Glass übernommen, der schon als Erzähler in "Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute" (1955) auftrat: Er trägt den Brief "Hapworth 16, 1924" vor, den Seymour mit sieben Jahren aus dem Sommerlager nach Hause geschrieben hat. 1965 erschien die Erzählung im New Yorker.
Jerome David Salinger wurde am Neujahrstag des Jahres 1919 in New York als zweitältestes Kind des Lebensmittelimporteurs Solomon Salinger und der irisch-stämmigen Marie Jillich geboren, die sich ihrem jüdischen Mann zuliebe in Miriam umbenannte. Ursprünglich stammen die Salingers aus Litauen. Salingers Großvater Simon F. und dessen Bruder Barney Israel waren es, die um 1890 nach Amerika auswanderten und sich in Chicago und Indianapolis niederließen.
Aus Europa brachte er Kurzgeschichten mit zurück
Nach Besuchen einer Privatschule und der Militärakademie Valley Forge, die bei dem von Freunden Jerry gerufenen Jungen erste künstlerische Ambition zutage förderten, reiste Salinger mit 18 Jahren auf Wunsch seines Vaters nach Österreich und Polen, um das Importgeschäft zu erlernen. Mit wenig Erfolg. 1938 war er zurück in den USA, im Gepäck dafür einige Kurzgeschichten, die seine Erlebnisse in Wien spiegeln. Im März 1940 druckt Whit Burnett, bei dem der junge Autor einen Schreibkurs belegt hatte, in der Literaturzeitschrift Story Salingers erste Geschichte: "The Young Folks". Der Dienstantritt beim Counter Intelligence Corps 1942 sollte Salinger nicht am Schreiben hindern. Er ist während seiner Armeezeit sogar sehr produktiv und beliefert Esquire, Saturday Evening Post und Colliers. Der Krieg traumatisierte ihn. Mit der 4. Infantrie Division landete er am D-Day 1944 in der Normandie. Doch in Europa lernet er auch seine Frau kennen und brachte sie mit nach New York. Aber Sylvia, eine französische Ärztin, die er in Nürnberg geheiratet hatte, spürte schon bald Sehnsucht nach Europa und ließ sich 1946 scheiden.
Zu Weihnachten desselben Jahres öffnete sich dem nun 27-Jährigen der Olymp der US-Literatur: Seine Geschichte "Slight Rebellion off Madison" erscheint im New Yorker. William Maxwell wird sein Lektor, Chefredakteur William Shawn sein "Mentor und engster Freund", wie Salinger in der Widmung zu "Franny und Zooey" formuliert. Für Shawn brach Salinger später sogar sein Jahrzehnte lang wohl behütetes Schweigen: Er unterzeichnete einen offenen Brief, der gegen die Absetzung von Shawn beim New Yorker protestierte.
In den vierziger Jahren heißt es für Salinger: schreiben, schreiben, schreiben. Hemingway und Faulkner stellen ihrem jungen Kollegen Befähigunszeugnisse aus, Tom Wolfe, Norman Mailer und John Updike stänkern gegen den aufstrebenden Jungautor. Am 16. Juli 1951 kam dann der Coup. Der Bostoner Verlag Little, Brown and Company brachte den Roman "The Catcher in the Rye" heraus. Es ist die Geschichte von Holden Caulfield, der gerade zum vierten Mal von der Schule geflogen ist, weil er sich nicht mit den bestehenden Konventionen abfinden will; das Internat Pencey war die letzte Station. Da er das Donnerwetter seiner Eltern fürchtet, treibt er sich in der Stadt rum, steigt im Edmont-Hotel ab, hängt in Bars herum und wagt sich erst am dritten Tag nach Hause. Phoebe, seine zehnjährige Schwester, ist ihm das Risiko wert, weil sie eine der wenigen ist, von denen er sich verstanden fühlt. Und Holden erzählt ihr, was er - in Anlehnung an Robert Burns Lied "Comin Thro the Rye" - wirklich gern wäre: der Fänger im Roggen, der Kinder davor behütet, in den Abgrund zu stürzen.
Wer den Roman gelesen hat, kann Central Park, Greenwich Village oder die Radio City Music Hall kaum besuchen, ohne an Holdens Erlebnisse zu denken. An die Taxifahrer, die er fragt, wo die Enten im Winter bleiben. Gleich zwei Attentäter verstanden das Buch als Handlungsanweisung: Mark David Chapman trug den "Catcher" bei sich, als er 1980 John Lennon erschoss; ebenso John Hinckley, der wenig später auf Ronald Reagan feuerte.
Auf Deutsch erschien 1954 die erste - haarsträubende - Übersetzung unter dem Titel "Der Mann im Roggen". Erst 1962 brachte der Verlag Kiepenheuer & Witsch (KiWi) die von Heinrich Böll durchgesehene Fassung heraus, die später als lilagerahmtes Rowohlt-Taschenbuch durch Millionen Schülerhände ging. Doch auch diese Fassung entsprach durch Kürzungen, zensierte Stellen und schlampige Bearbeitung nicht dem Originaltext; ihr fehlte sogar die Widmung "To my Mother". Erst 2003, mehr als 50 Jahre nach der Erstveröffentlichung, brachte KiWi mit Eike Schönfelds Neuübersetzung eine Ausgabe auf den Markt, die Holdens Sprache in allen Nuancen transportiert.
Mit dem internationalen Siegeszug des Romans ging Salingers allmählicher Rückzug aus der Welt einher. Er verweigerte Interviews, duldete keine Fotos. In der ehemaligen Künstlerkolonie Cornish in New Hampshire bezog er mit seiner künftigen Frau Allison Claire Douglas an seinem 34. Geburtstag ein einsam gelegenes Haus. Hier wuchsen auch seine Kinder, die 1955 geborene Margaret Ann und der 1960 geborene Matthew Robert auf. Nach zwölf Jahren Ehe ließ sich Claire Salinger 1967 scheiden.
Salinger wird ohne Gottesdienst beerdigt
Immer wieder zogen Reporter los, um den Einsiedler aufzuspüren. Sie kamen stets mit leeren Blöcken in die Redaktionen zurück; um so mehr Gerüchte, Vermutungen und Spekulationen kamen in die Welt. Mit Salingers Ansicht, dass im Nicht-Veröffentlichen "ein wunderbare Friede" liege, war es endgültig vorbei, als ab Mitte der achtziger Jahre eine Serie von Enthüllungen sein Privatleben störte.
1986 kam Dorothy Olding, Salingers langjährige Agentin von der New Yorker Literaturagentur Harold Ober, zu Ohren, dass Ian Hamilton für seine geplante Biografie "J.D. Salinger: A Writing Life" Briefe des Dichters plündern wollte, die der Brite in Archiven aufgetan hatte. Sie strengte einen Prozess an, der vor dem Obersten US-Gericht endete und ihrem Schützling Recht gab. Das Urteil war für Salinger ein wichtiger Sieg in seinem Kampf für die Achtung seiner Privatsphäre, aber der Preis war hoch: Bei den mehrmonatigen Verhandlungen war er gezwungen, über seine Arbeit zu berichten. Dabei wurde auch bekannt, dass Olding auf Salingers Wunsch schon 1970 mehr als 5000 seiner Briefe vernichtet hat.
Statt der Briefe bekam man nun Fotos von dem Einsiedler zu sehen: Waren viele Jahre überhaupt nur vier Bilder aus Salingers Jugendzeit im Umlauf, für die er freiwillig posiert hatte, gelang es den Fotografen Paul Adao und Steve Connally 1988, den hochgewachsenen, weißhaarigen älteren Herrn vor einem Supermarkt in Cornish abzulichten. Die New York Post titelte: "Gotcha, Catcher!" ("Gefangen, Fänger!") Nicht weniger verheerend für Salingers Ruf als unsichtbarer Autor war das Feuer, das im Oktober 1992 erheblichen Schaden an den Gebäuden auf seinem Refugium anrichtete. Dabei kam auch heraus, dass wieder eine Frau sein Leben teilt: Colleen ONeill hatte die Feuerwehr gerufen und sich als Frau Salinger gemeldet.
1998 gibt Joyce Maynard, die 25 Jahre zuvor eine Affäre mit Salinger hatte, in ihren Erinnerungen über einige von Salingers Marotten Auskunft, etwa seine Vorliebe für Rohkost. Kaum hatten sich die Wogen nach Maynards Enthüllungen und ihrem Versuch, 13 Salinger-Briefe bei Sothebys zu versilbern, geglättet, veröffentlichte Margaret Ann Salinger 2000 unter dem Titel "Dream Catcher" Erinnerungen an ihren Vater. Beide Berichte sind derart ichbezogen, dass Salinger-Fans lieber zu Paul Alexanders Buch "Salinger: A Biography" griffen. Bis heute ist es die einzige seriöse Quelle zu Salingers Leben. Zuletzt war von vor gut einem Jahr von dem Autor etwas zu hören. Er klagte gegen einen Autoren, der eine Fortsetzung von "Catcher in the Rye" verkaufen wollte.
Als Holden sich eines Nachts seine Beerdigung vorstellt, bekommt er einen seiner berühmten Bauchkrämpfe: "Ich hoffe bloß, wenn ich tatsächlich sterbe, ist jemand so gescheit, mich in den Fluss zu schmeißen oder was weiß ich. Alles, bloß nicht auf einen verfluchten Friedhof. Und dann kommen am Sonntag Leute und legen einem einen Strauß Blumen auf den Bauch und den ganzen Mist. Wer will schon Blumen, wenn er tot ist? Keiner." Zu Salingers Beisetzung wird es keinen Gottesdienst geben.
Bleibt die Frage aller Fragen: Liegen in Salingers legendenumwoben Tresor wirklich stapelweise fertige Bücher, wie es Gerüchte wissen wollen?
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