Das Stück, in dem Ichikawa Omezo 1794 die Rolle des Dieners Ippei übernahm, trägt den Namen "Der geliebten Ehefrau buntgefärbter Zügel". Der Betrachter von Toshusai Sharakus Abbildung des Darstellers ist also auf unvertrautem Terrain. Vergleicht man sie allerdings etwa mit einem Bild, das Omezos Zeitgenossen August Wilhelm Iffland als Franz Moor in "Die Räuber" zeigt, ist der japanische Mime nicht mehr so fremd: die runtergezogenen Mundwinkel, die aufgetakelten Haare, die Armbewegung, die nur vom Blattrand noch aufgehalten wird.
Was auch immer sich hinter dem Titel "Der geliebten Ehefrau buntgefärbter Zügel" verbirgt, wird keine Ähnlichkeit mit Schillers Drama haben. Und doch sind zwei Schauspieler aus einer Zeit am Werk, in der Zuschauer in den hinteren Reihen den Gesichtsausdruck allemal erkennen konnten. Auch der Zweck der Bilder wird ein ähnlicher gewesen sein: Bühnenstars in voller Kostümierung, zum Sammeln und An-die-Wand-Heften für Fans und Interessierte.
Die Ausstellung ist von heute an bis zum 10. Mai im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt zu sehen.Der prächtige Katalog (Wienand-Verlag) kostet im Museum 38 Euro. www.angewandtekunst-frankfurt.de
"Ukipedia" heißt die Datenbank, die das Museum soeben freigeschaltet hat und die neben einem virtuellen Katalog eine wachsende Zahl von Texten rund um das Thema Ukiyoe bieten soll. www.ukipedia.de
Der Mensch im Ornament
Dass aber Sharakus Arbeit zugleich ein Meisterwerk japanischer Druckgrafik ist, macht die Besonderheit des Ukiyoe-Holzschnitts aus: Gebrauchskunst erlebt eine qualitative Hochzeit, was aber von den Zeitgenossen kaum registriert wird. "Ukiyoe" heißt "Bilder der fließenden Welt". Diese unterhalten in der Edo-Zeit - 17. Jahrhundert bis zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts - die anwachsende Schicht wohlhabender Geschäftsleute, Händler, Bürger.
Sie freuen sich an Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung (auch Grabbes Stück dieses Titels fällt in die Edo-Zeit), an Abbildungen von Kurtisanen und Kavalieren, an den Porträts von Berühmtheiten, an (uns nicht selten schleierhaften) Illustrationen bekannter Geschichten, und später - als die Reiselust der Japaner zunimmt - an Landschaftsbildern. Insgesamt an Motiven, über die man ins Gespräch kommen kann, ohne sich zu sehr anzustrengen. "Bilder der fließenden Welt": eine wunderbare und - denkt man an das bedeutungsschwangere "Alles fließt" - auch wunderbar ironische Formulierung für die Freuden des säkularen Lebens.
Finanziell war das seinerzeit keine große Sache. Stephan von der Schulenburg vom Frankfurter Museum für Angewandte Kunst taxiert den damaligen Wert eines Holzschnitts auf 5 bis 10 Euro. So wurden die Drucke auch behandelt. Nach Europa gelangten sie zunächst als Einwickelpapier für Tee.
Erst Jahre, nachdem europäische Künstler des Impressionismus und des Jugendstils auf die Bilder aufmerksam geworden waren, strahlte ihr Erfolg zurück in ihre Heimat. Dass Blätter verloren gingen, versteht sich. Ebenso, dass es viele minderwertige Nachdrucke gibt. Hier aber geht es nur um das Beste und Feinste.
Denn zwei besonders wertvolle deutsche Sammlungen befinden sich gegenwärtig vor Ort: 2001 konnte das MAK Frankfurt die Kollektion des Städelprofessors Johann Georg Geyger erwerben - 63 Blätter, der kostbarste Ankauf in der 130-jährigen Geschichte des Hauses, steht im Katalog.
Hinzu kommt derzeit ein siebenjähriger Leihvertrag mit den Erben der Sammlung des in Frankfurt geborenen Juristen Otto Riese: 179 Blätter stellten sie dem Museum zur Verfügung. Aus der Verbindung beider Sammlungen entstand nun die Ausstellung "Helden der Bühne - Schönheiten der Nacht. Meisterwerke des japanischen Holzschnitts".
So kann man nun auf zwei Etagen und durch gut zwei Jahrhunderte flanierend selbst den Unterhaltungswert der "Bilder der fließenden Welt" erleben. Er ist beträchtlich. Man sieht Szenen, die entweder mit ihrer sexueller Eindeutigkeit oder mit ihrer sexuellen Uneindeutigkeit prahlen. Dort zum Beispiel ist im Körpermischmasch à trois zwischen den Kimonofalten nur zu erahnen, was vorgeht.
Der Mensch geht im Ornament seiner Kleidung schier unter. Gustav Klimt muss gejuchzt haben, als er das sah. Der dritte im Bunde ist ein als Frau zurechtgemachter Knabe, wie an der mit einer Haarsträhne überdeckten kahlrasierten Kopfstelle zu erkennen ist. Denn einiges will gewusst sein: Dass beispielsweise Frauen, die die Schleife ihres Kimonos vorne tragen, Prostituierte sind - eine hinten getragene Schleife könnten sie nicht selbst binden, was aber in diesem Beruf mehrmals am Tag erforderlich ist.
Jedes Bild wird kurz beschrieben, damit wir eine Ahnung davon haben, was manche lebhafte Szene erzählt: "Drei Besucher des Freudenviertels Yoshiwara sind nach langem Weg von Edo aus am Ziel ihrer Wünsche angelangt." Ständig wird die Schau den Besucher in Details verwickeln.
Wo Schluss mit den Späßen ist
Es wäre schade, vor lauter Spaß am Glotzen die Vielschichtigkeit einiger Blätter zu unterschätzen. Von der Schulenburg erklärt uns die "Berühmten Blumen von Yoshida" (1684-1687). Es zeigt in origineller Perspektive vier Schöne. In einem oberen Stock wird die Schauspielerin Okuni parodiert, die "Mutter des Kabuki-Theaters". Unten flaniert - in zeitlicher Überspringung einer Generation - ein bekannter zeitgenössischer Frauendarsteller. Ein Herr hält ihm den Sonnenschirm, schau an.
Im Untergeschoss geht es vor allem um die frühen Holzschnitte der Geyger-Sammlung. Oben sind vor allem Mehrplattendrucke aus der Riese-Sammlung zu sehen, so bunt bisweilen, dass einem die Augen übergehen (denken Sie an den Poster-Vergleich). Hier rücken neben den Porträts, auf denen wenige Striche alles Erforderliche zeigen, die Landschaften in den Vordergrund. Und hier hängen die Arbeiten von Kitagawa Utamaro, neben Toshusai Sharaku der Meister der Meister des japanischen Holzschnitts.
Ein Bild von 1804 fällt besonders auf. Es zeigt den namhaften (damals schon 300 Jahre toten) Feldherrn Hidoyoshi, wie er einen Knaben empfängt. Hinter ihm streckt ein Gefolgsmann die Zunge raus - eine Frechheit, die in Japan eine skandalösere Dimension hat hier - , eine Dienerin macht eine wegwerfende Geste. Seine als Majestätsbeleidigung verstandene Frechheit brachte Utamaro ins Gefängnis. Spaß und Unterhaltungskunst haben immer ihre Grenze, und nicht die Künstler, sondern die Herrscher/Käufer sagen, wo sie liegt.
Über den Meister Toshusai Sharaku ist noch zu sagen, dass er zu Lebzeiten völlig erfolglos war. Seine Schaffenszeit ist überhaupt nur über elf Monate nachgewiesen. Heute werden für seine Werke fünf- bis sechsstellige Summen bezahlt, erzählt von der Schulenburg, dem auch aufgefallen ist, dass eine "Große Welle" von Katsushika Hokusai als Nachdruck im Internet ab etwa 7,99 Euro angeboten wird. So ist das Ende doch wieder ein bisschen wie der Anfang. Dazu passt, dass wir den künstlerischen Wert der mit den "Bildern der fließenden Welt" verwandten Mangas schätzen lernen.
Ist man am Ende der Ausstellung übersättigt? Ja, gewiss. Will man wiederkommen? Ja, unbedingt, und wenn es nur ist, um das Plakat mit Ichikawa Omezo in "Der geliebten Ehefrau buntgefärbter Zügel" zu kaufen. Wird man jemals wieder das Wort "holzschnittartig" abwertend im Munde führen. Nein, niemals.
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