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Jeffrey Eugenides: Zwei Männer und ein Keks

Es ist der Keks der Erinnerung: Jeffrey Eugenides' neuer Roman „Die Liebeshandlung“ handelt von Dekonstruktion und Depression, der Liebe zwischen den Menschen und der Liebe zur Literatur.

Mit „Middlesex“ wurde Jeffrey Eugenides zu einem der bedeutendsten US-amerikanischen Schriftsteller. Am Dienstag erscheint sein neues Buch.
Mit „Middlesex“ wurde Jeffrey Eugenides zu einem der bedeutendsten US-amerikanischen Schriftsteller. Am Dienstag erscheint sein neues Buch.
Foto: dapd

Ach, was sind das für süße Zeiten gewesen, als die jungen Mädchen noch lasen! Die süßesten Zeiten, die sich ein Schriftsteller vorstellen kann. Das Mädchen, von dem Jeffrey Eugenides in seinem neuen Roman „Die Liebeshandlung“ erzählt, liest den lieben langen Tag. Besonders gern liest Madeleine die realistische Literatur des 19. Jahrhunderts: Dickens, Trollope, die Schwestern Bronte; in der ersten Szene des Buchs bleibt der Erzähler erregt an ihren vollgepfropften Bücherregalen hängen. Ach, sieh da! Hier noch ein bisschen Updike! Und dort: die Modern-Library-Ausgabe von Henry James! Als könne der Erfinder dieser Geschichte sich gar nicht sattsehen an der Literaturbegeisterung des von ihm erfundenen Mädchens.

Gibt es heute eigentlich noch junge Menschen, die alte Romane lesen? „Die Liebeshandlung“, der neue Roman von Jeffrey Eugenides, ist jedenfalls ein Historien-Roman, er spielt im Jahr 1982. Und nicht zufällig heißt seine Heldin Madeleine so wie der berühmte Erinnerungskeks von Marcel Proust. Von dem leicht patinierten Ton der ersten Passagen, von der etwas zu theatralischen Dramaturgie der ersten Szenen sollte man sich jedoch nicht abschrecken lassen. Denn bald schon bricht unter der scheinbar so heiteren Campus-Geschichte der Boden entzwei.

Geist und Anti-Geist

Das liegt an den beiden Männern, die in Madeleines Leben treten, vielleicht könnte man sie Geist und Anti-Geist nennen. Hier: der grübelnde Mitchell, der Religionswissenschaften studiert und bei der Suche nach dem Sinn des Lebens auch spirituelle Erleuchtung in Betracht ziehen würde. Dort: der forsche Leonard, der mit Schärfe und Arroganz den – in den USA damals gerade frisch eingetroffenen – Strukturalismus verficht, die Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften, das Ende der Metaphysik und des Subjekts. Als Madeleine Leonard das erste Mal sagt, dass sie ihn liebt, drückt er ihr ein Roland-Barthes-Buch in die Hand, das sie selber verehrt, „Fragmente einer Sprache der Lebe“. Darin liest sie: „Ist das erste Geständnis einmal abgelegt, besagt ein ‚Ich liebe dich‘ nichts mehr …“ Also wirft sie ihm ihr Lieblingsbuch an den Kopf und geht.

Leonard kann sich nicht öffnen; Mitchell wiederum wäre nur allzu bereit – doch der Körper des Grüblers erregt Madeleine nicht genug, um mehr als einen platonischen Flirt zu entfachen. Am Tag der Examensfeier erfährt sie die „Wahrheit“ über Leonard: Er ist manisch-depressiv und wurde gerade mit einem akuten Schub in die Psychiatrie eingewiesen. Sie flieht zurück zu ihm, an das Krankenbett, an dem sie Erfüllung erhofft. Mitchell wiederum flieht vor seinem Liebeskummer erst nach Paris und dann nach Kalkutta, wo er sich in einem Armenspital von Mutter Teresa aufzuopfern beginnt.

In „Middlesex“, seinem bislang erfolgreichsten Roman, hatte Jeffrey Eugenides vor neun Jahren ein gewaltiges Historienpanorama entworfen, eine vielfach verzweigte Familiengeschichte, die den Leser durch das gesamte 20. Jahrhundert führte und vom alten Smyrna über Detroit bis ins neue Berlin. Auch in der „Liebeshandlung“ reisen wir einmal um die Welt; doch bleibt dieser Roman im Kern stets ein Kammerspiel, eine Dreiecksgeschichte. Nicht die Vielzahl der Schauplätze macht ihn so farbig und faszinierend, sondern der stetige Wechsel der symbolischen Ebenen, die Montage der Perspektiven.

Zugleich Charaktere und Karikaturen

Madeleine, Mitchell und Leonard, das sind zugleich Charaktere und Karikaturen. Sie entfalten einen dreifachen Bildungsroman – und lassen dabei doch immer wieder erkennen, wie sehr noch aus ihrem Innersten kulturelle Prägungen sprechen. Akademische Moden finden sich in ihnen ebenso stilisiert, wie darin ewige Fragen der Weltaneignung und Sinnsuche erscheinen: Physik oder Metaphysik? Vernunft oder Glaube? Eugenides überzeichnet die Figuren, ohne sie zu denunzieren; er stilisiert die Geisteshaltungen, die sie vertreten, ohne sie verächtlich zu machen. Wie Madeleine, sehnt auch er sich nach Realismus. Doch er versteht auch, warum die erkenntnishungrige Jugend dereinst so sehr für die Dekonstruktion und den Post-Humanismus entflammte: Weil sie sich in den Bildungsromanen der älteren Welt nicht mehr erkannte.

Die US-Kritikerzunft streitet derzeit darüber, ob Leonard nach dem Vorbild des depressiven Dichters David Foster Wallace modelliert wurde, der vor drei Jahren Selbstmord beging. Eugenides verweist dagegen darauf, dass er an dieser Figur seit zehn Jahren gearbeitet habe. Ist „Die Liebeshandlung“ ein Schlüsselroman? Egal. Entscheidend ist anderes: wie Eugenides in dem Moment, in dem er sich ganz dem Leiden des Leonard zuzuwenden beginnt – seinem aussichtslosen Kampf mit dem eigenen Körper und dem eigenen Gehirn, seinem aussichtslosen Versuch, die Liebe Madeleines zu erwidern –, die bis dahin herrschende Distanz zu seinen Figuren vor den Augen des Lesers niederringt. Es gibt kein künstlerisches Verfahren, das die Qual und die Einsamkeit dieser Krankheit „wahrhaftig“ darzustellen vermag; und doch kommt Eugenides dem Ideal der Wahrhaftigkeit nie so nahe wie hier. An seinem unmöglichsten Gegenstand erringt der literarische Realismus seinen größten nur denkbaren Sieg. So scheinbar belanglos dieses Buch beginnt – so verstört und erschüttert lässt es den Leser am Ende zurück.


Jeffrey Eugenides:
Die Liebeshandlung
Deutsch von Uli Aumüller und Grete Osterwald
Rowohlt, 2011
623 S., 26,95 Euro

Autor:  Jens Balzer
Datum:  18 | 10 | 2011
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