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01. November 2014

Jerusalem: Extremisten warten auf den Messias

 Von 
Israelische Grenzpolizei mit Blick auf den Felsendom.  Foto: dpa

Träume und Albträume auf Jerusalems Tempelberg: Menachem Klein spricht im Interview über die neue Intifada und die Gefahren an heiligster Stätte.

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Herr Klein, ein palästinensischer Fanatiker schießt auf einen israelischen Fanatiker, der sich als Vorkämpfer für „Jüdische Freiheit auf dem Tempelberg“ einen Namen gemacht hat. Jehuda Glick, das Opfer, hat nur knapp überlebt. Fürchten Sie, dass der Anschlag ultrarechte Tempelberg-Getreue erst recht befeuert?
Jehuda Glick repräsentiert nicht nur ein paar religiöse Wirrköpfe, sondern eine sehr große Gruppe nationalgesinnter, teils säkularer Leute. Die Tempelberg-Organisationen, die am geltenden Status quo rütteln, reichen inzwischen über das nationalreligiöse Lager weit hinaus. Die Ideologie, einen dritten jüdischen Tempel zu bauen, hat Anhänger bis hin in die Regierungspartei Likud. Für sie ist der Tempelberg das Zentrum israelisch-jüdischer Identität.

Umso mehr scheinen die Palästinenser die Verteidigung der Moscheen als nationalreligiöse Mission zu begreifen.
Ja, unter palästinensischen Moslems findet man das Spiegelbild zur Entwicklung in Israel. Zumal sich mit dem Thema Al-Aksa, dem drittwichtigsten Heiligtum im Islam, Muslime in aller Welt mobilisieren lassen.

Was heißt das für den andauernden Konflikt?
Er heizt sich nationalistisch und religiös auf – die denkbar schlimmste Kombination.

Wann ist der Tempelberg in den Fokus des Konflikts gerückt? Nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 hat Israel ja ausdrücklich den Status quo, der Moslems Vorrechte gewährt, anerkannt.
Der Umschwung begann 2000 nach den Verhandlungen in Camp David, wo Israel erstmals eine Teilung Jerusalems sowie palästinensische Souveränität auf dem Tempelberg angeboten hat. Das hat das rechte israelische Lager alarmiert. Nicht umsonst hat damals Ariel Scharon seinen Besuch auf dem Tempelberg inszeniert – Auslöser der zweiten Intifada. Seitdem beobachten wir, dass in der nationalreligiösen Erziehung – vom Kindergarten bis zur Jeschiwa – der Tempelberg als Herzstück jüdischer Identität betrachtet wird. Es gibt sogar bereits Architekten, die den Wiederaufbau des Tempels planen, inklusive Parkplätzen und Wohnraum für Hohe Priester.

Zur Person
Menachem Klein

Menachem Klein ist Professor der Bar-Ilan-Universität in Israel. Bei den Friedensverhandlungen 2000 in Camp David war er Berater des israelischen Teams in der Jerusalem-Frage. Auch unterstützt er als religiöser und liberaler Jude die Genfer Friedensinitiative.

Seine Werke sind auf Hebräisch und Englisch erschienen, zuletzt das Buch: „Lives in Common/Arab and Jews in Jerusalem, Jaffa and Hebron“.

Aber besitzt diese Bewegung heute eine neue Qualität? Erstmals sitzen die Möchtegern-Erbauer eines neuen Tempels in der Regierung.
Mosche Feiglin, jahrelang Aktivist eines Tempelberg-Vereins, genießt eine starke Machtbasis in der Regierungspartei Likud. Dazu ist das Jüdische Heim von Naftali, die Partei der Nationalreligiösen, Regierungspartner. Premier Benjamin Netanjahu steht ideologisch in der Tempelberg-Frage hinter ihnen. Aber Netanjahu weiß auch, dass er den Friedensvertrag mit Jordanien riskiert, wenn er den Status quo anrührt. König Abdullah, der Hüter von Felsendom und Al-Aksa-Moschee, hat Netanjahu wiederholt entsprechend gewarnt.

Angenommen der israelisch-palästinensische Konflikt wäre gelöst: Müsste dann nicht auch Juden erlaubt sein, auf dem Tempelberg zu beten?
Das Argument führt in die Irre. Die Glick-Anhänger berufen sich auf die Freiheit der Religionsausübung als ein Menschenrecht. Das klingt attraktiv und liberal. Aber sie verschweigen, dass sie Palästinensern nicht das gleiche Recht einräumen. Dabei ist das Moscheen-Plateau auf dem Tempelberg eine exklusiv moslemische Stätte seit 1300 Jahren, ausgenommen die 90 Jahre der Kreuzfahrerzeit. Die Klagemauer dient erst seit dem 16. Jahrhundert als exklusiv jüdisches Heiligtum. Wir haben also zwei unterschiedliche religiöse Stätten, die zur selben Anlage gehören. Wer sich auf Religionsfreiheit beruft, muss die Historie berücksichtigen.

Die Glick-Anhänger lassen auch gerne im Dunkeln, wo ein neuer Tempel hinkommen soll.
Jehuda Glick ist an sich ein netter Kerl, der viel über jüdische Diskriminierung spricht, bevor er damit rausrückt, dass der neue Tempel anstelle der Moscheen errichtet werden soll. Anders als die Ultraorthodoxen, die passiv auf ein göttliches Wunder warten – der Tempel als Geschenk des Himmels, möchten die Nationalreligiösen aktiv nachhelfen. Ich halte das für eine Revolution in der jüdischen Theologie. Die klassische Lehre besagt, das ist dem Geschäft Gottes überlassen. Aber die Nationalreligiösen sagen, das ist unsere Sache und die des Staates.

Ein israelischer Polizist hält israelische Aktivisten davon ab, das Gelände des Tempelbergs in Jerusalem zu stürmen.  Foto: dpa

Wie groß ist diese Strömung heute unter den Rabbinern?
Viele im ultraorthodoxen Mainstream haben Sympathien für die Nationalreligiösen. Das hat sich in israelischen Umfragen bestätigt: Je religiöser jemand ist, desto rassistischer und nationalistischer ist er gesinnt. In den USA ist das anders, wo die Ultraorthodoxen unter amerikanischen Juden im Vergleich zu den Liberalen oder Konservativen in der Minderheit sind.

Frühere Attentatspläne, die Moscheen zu sprengen, hätten im Falle des Erfolgs das Potenzial gehabt, einen Weltkrieg auszulösen, so heißt es. Aber könnte man sich nicht in Verhandlungen über einen jüdischen Platz in einer freien Ecke auf dem Tempelberg einigen?
Es gab diese Idee in Camp David. Ich riet dringend ab. Die Palästinenser waren eh strikt dagegen. Selbst wenn wir einen solchen Platz erhielten, wäre er sehr klein, würde aber Tausende radikale Nationalisten und Extremisten anziehen, die auf den Messias warten. Das würde mehr Probleme schaffen als lösen. Nach hundert Jahren friedlicher Beziehungen wäre so ein Platz vorstellbar. Aber auch nur dann, wenn wir die Moslems darum bitten, nicht wenn wir das erzwingen wollen.

Der Tempelberg ist der akute Brennpunkt des Konflikts, aber Zusammenstöße flackern seit dem Mord an dem palästinensischen Jungen Mohammed Abu Chedeir auch in anderen Teilen Ost-Jerusalems ständig auf. Ist das die dritte Intifada?
Natürlich. Sie entwickelt nur ein anderes Muster als die erste oder zweite Intifada und entzündet sich vor allem in den Reibungsflächen zwischen arabischen Vierteln und jüdischen Siedlungen. Diese Intifada hat auch keine politische Führung, die Israel verhaften und aus dem Verkehr ziehen könnte. Ihre Aktivisten sind junge Palästinenser, die Steine werfen oder dergleichen als individuelle Auflehnung gegen israelische Herrschaft.

Die Polizei hat seit Juni mehr als tausend von ihnen festgenommen.
Das ist kontraproduktiv. Die israelischen Behörden sollten sich an Jitzhak Rabin erinnern, der seinerzeit als Verteidigungsminister in der ersten Intifada angewiesen hatte, den Aufständischen die Knochen zu brechen. Das hat nichts genützt, sondern mehr Wut entfacht.

Was wäre denn Ihr Rat?
Sich der Schizophrenie zu stellen. Israel will einerseits Ost-Jerusalem nicht aufgeben. Andererseits mag es die Araber nicht, die dort leben, immerhin fast vierzig Prozent der städtischen Bevölkerung. Israel will nicht loslassen, ihnen aber auch keine volle Staatsbürgerschaft anbieten, oder zumindest den Ostteil mit dem Westteil in der kommunalen Versorgung gleichstellen. Das ist ein Dilemma. Mein Rat: Handelt pragmatisch, leugnet nicht länger die Realität und gebt euch nicht Träumen vom dritten Tempel hin.

Interview: Inge Günther

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