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John Updike: Ein großer Menschenfreund

Über die Kunst des Schriftstellers, Figuren und Welten zu schaffen. Von Burkhard Spinnen

John Updike Bei einer Foto-Session in  New York, 1995.
John Updike Bei einer Foto-Session in New York, 1995.
Foto: Getty

Solange ich Germanistik studierte, las ich kaum fremdsprachige Literatur. Immer waren da zwei, drei deutschsprachige Texte, Klassiker zumal, die demnächst "behandelt" oder "durchgenommen" wurden, Pflichtlektüren eben, um die ich mich nicht drücken konnte. Erst seit Ende der achtziger Jahre habe ich dann das Entgangene nachzuholen begonnen, sehr bewusst in der Auswahl und immer im Hinterkopf die Absicht: Das liest du jetzt als Beispiel, stellvertretend für eine literarische Epoche, einen literarischen Stil.

Ich erinnere mich noch gut, wie dramatisch diese Leseabsicht an den Rabbit-Romanen von John Updike scheiterte, die ich mir als eine der ersten Wahlpflichtlektüren aus der neueren angelsächsischen Literatur vorgenommen hatte. Mir war, als liefe ich in eine Art Schmökerfalle. Waren das überhaupt Romane, gestaltete Texte, in denen der Inhalt sich einem ästhetischen Konzept unterwirft - oder waren es nicht eher textförmige Transmitter, die mich, den Leser, in eine komplett imaginierte USA und in die dreidimensionale, vollständig auskolorierte Welt ihrer Bewohner entführten? Ich tendierte damals zur zweiten Antwort.

John Updike und seine Bücher

John Updike, 1932 in Reading, Pennsylvania geboren, ist am Dienstagabend gestorben. Er erlag seinem Lungenkrebsleiden.

Updike, der auch als Kritiker für "The New Yorker" schrieb, hat mehr als 20 Romane veröffentlicht. Berühmt wurde er mit seiner Rabbit-Reihe.

Eine Auswahl seiner wichtigsten Bücher nach dem Jahr des Erscheinens in den USA: 1960: "Hasenherz" 1968: "Ehepaare" 1971: "Unter dem Astronautenmond" 1978: "Der Coup" 1981: "Bessere Verhältnisse" (National Book Award und Pulitzer-Preis) 1984: "Die Hexen von Eastwick" 1986: "Das Gottesprogramm/Rogers Version" 1989: "Selbst-Bewusstsein" 1990: "Rabbit in Ruhe" (Pulitzer) 1994: "Brasilien" 2002: "Sucht mein Angesicht" 2004: "Landleben" 2006: "Terrorist" 2008: "The Widows of Eastwick"

Auf Deutsch erscheint Updikes Werk im Rowohlt-Verlag.

Doch neben dem Befremden über diese scheinbare Formlosigkeit, über dieses Quasi-Verschwinden von Literatur als Literatur, wuchs meine Bewunderung für dieses Schreiben. Updike, der Harvard-Absolvent, schafft mit Harry "Rabbit" Angstrom einen durch und durch mittleren und eben auch mittelmäßigen Charakter, der sein Leben in der Mittelschicht zubringt und mittlere Probleme hat. Doch niemals erscheint es so, als würde der Autor sich als ein belesener Schön- oder Freigeist in die Niederungen des Mittelmaßes begeben und seine Beobachtungen dort mit hochgezogener Augenbraue wiedergeben.

Im Gegenteil, es gelingt Updike auf eine äußerst diskrete und ungeschwätzige Art und Weise, den ehemaligen Basketballstar Harry Angstrom, einen Mann, der als Liebhaber ebenso unzuverlässig ist wie als Familienvater, zu einer Figur werden zu lassen, in der sich viele wichtige Lebensfragen der Gegenwart bündeln. Ohne explizit als Jedermann, also als Stellvertreter für dich und mich und alles Mögliche aufs Podest gestellt zu werden, arbeitet sich Harry in die Rolle einer großen literarischen Figur hinein, deren Leben auch ein Exempel ist. Wie Updike das gelingt? Viele Antworten sind möglich. Eine der wichtigsten für mich ist die Präsenz des amerikanischen Lebensalltags in seinen Romanen. Wir in Europa tun uns traditionell schwer damit, die Bestandteile unserer banalen Alltags- und Dingwelt in Literatur erscheinen zu lassen, ohne dass es gleich ins Komische oder Satirische rutscht. Updike hingegen zitiert mit großer Souveränität die amerikanische Lebenswelt herbei, ja mehr noch, er verwandelt sie in die minutiös ausgestaltete Bühne eines zeitgenössischen Welttheaters.

Schon der Umstand, dass mit Harry Angstrom eine der bedeutendsten Figuren der neueren Literatur ausgerechnet Autoverkäufer von Beruf ist, spricht für Updikes Fähigkeit, sich in Räume und Welten zu begeben, die anderswo lange gar nicht als literaturfähig galten. In den Rabbit-Romanen, die im Abstand von jeweils etwa zehn Jahren entstanden sind und damit in Updikes Schreibleben die Meilensteine gesetzt haben, sind all jene alltäglichen Umstände und Wandlungen aufbewahrt, die das Amerika der sechziger bis neunziger Jahre (und damit Teile der Welt) wohl tiefer geprägt haben als der Wechsel der Regierungen oder die so genannten "weltgeschichtlichen" Ereignisse.

Inmitten dieser Kulisse des Alltäglich-Selbstverständlichen agiert Harry Rabbit Angstrom als einer, der in den Ambivalenzen des Mittelstandes vorführt, wie moderne Tragik aussieht. Einerseits nutzt er die neue Freiheit von den überkommenen sozialen und moralischen Normen; wie alle Angehörigen seiner Generation profitiert er oft und gerne von dem Umstand, dass nicht mehr jeder Fehltritt zur Katastrophe werden muss. Doch andererseits wünscht er sich immer wieder jene Sicherheit und Zuverlässigkeit zurück, die mit ihm und seinesgleichen nicht mehr zu haben ist.

Er könnte, einem Ideal dieser Zeit gemäß, alles haben, nimmt es sich auch gelegentlich, wird damit aber so wenig glücklich, wie es das ältere Amerika in seinem Regelkorsett wurde. Sein ganzes Leben lang tut Rabbit alles, um im großen Stil scheitern zu können, doch jedes Mal nimmt er dankbar das Angebot an, mit einem blauen Auge davon zu kommen, sprich: kein Schicksal zu haben. Ich habe ihn so als die literarische Inkarnation eines Übergangsphänomens wahrgenommen - wobei ich die Frage nicht beantworten könnte, ob der Übergang mittlerweile vollzogen ist.

Sein Tod ist eine der ergreifendsten Textpassagen, die ich überhaupt kenne. Ich hatte mich gefragt, ob so einer wie Harry überhaupt sterben kann, ob er nicht zu einem unendlichen, aber auch unendlich unbefriedigenden Leben jenseits des Schicksals verdammt ist. Aber Updike hat schließlich ein Einsehen mit seiner Figur. Er lässt den unförmig gewordenen Jedermann nicht einfach sang- und klanglos abtreten. Harry stirbt vielmehr da, wo er einmal ein altmodischer Held war, auf dem Basketballplatz: im Kampf gegen einen jungen Schwarzen und nach einem letzten Korbwurf, dem kein Zuschauer applaudiert.

Diesen Tod hat er sich verdient, und in diesem Tod ist alles, der ganze Harry: die Sehnsucht nach der Überschreitung der eigenen Person und die Verhaftung im Mittelmaß.

Jetzt ist, zu unser aller Kummer, sein Schöpfer John Updike gestorben. Und wenn ich ihm etwas nachsagen dürfte, dann dies, dass er nicht nur ein großer Schriftsteller, sondern auch ein großer Menschenfreund war.

Burkhard Spinnen, Jg. 1956, lebt als Schriftsteller in Münster. Er veröffentlichte zuletzt den Roman "Mehrkampf" (Schöffling & Co). Von 2000 bis 2006 war er Mitglied der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises, im vergangenen Jahr ihr Vorsitzender.

Autor:  Burkhard Spinnen
Datum:  29 | 1 | 2009
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