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Unter Tieren: Josh, Emil, Julchen

Dass man Tiere hält, die ohne Nutzen sind, zumal sie „Nutztiere“ heißen, scheint vielen Leuten gewöhnungsbedürftig. Als ich auf den kleinen Hof in der

Hilal Sezgin und ihr Freund Jonas.
Hilal Sezgin und ihr Freund Jonas.
Foto: privat

Ich kam zu den Schafen wie die Jungfrau zum Kinde. In meinem Fall also zu 39 Kindern. Das sind mehrere zierliche Kamerunschafe, die, wenn sie es eilig haben, eher trippeln als laufen; ein Merinolandschaf mit einem Gesicht so sanft wie eine Madonna; ein Vertreter der beinahe ausgestorbenen Rasse der Jakobs- oder Vierhornschafe, dessen leicht diabolisches vierhörniges Erscheinungsbild in größtem Kontrast zu seinem Anlehnungsbedürfnis steht; schließlich sämtliche Mischformen in Unzahl.

Einige von ihnen lebten bereits hier, bevor ich vor ein paar Jahren beschloss, meinen Hof in der Lüneburger Heide zu beziehen. Ich kam aus der Stadt, kannte die an sich scheue Spezies Schaf nur von Postkarten oder als Unterrubrik der Gattung Wolke. Plötzlich waren sie meine nächsten Nachbarn. Ihre früheren Nachbarn waren weitergezogen. Wir waren auf uns gestellt. Kaum hatte ich mich etwas eingerichtet, musste ich ein neugeborenes Lamm beerdigen, seit langem meine erste Begegnung mit dem Tod. Als die Herde nach einem nassen Winter zu humpeln begann, wegen einer Klauenentzündung, lernte ich mit Klauenschere und Spritze umzugehen. Als eine Mutter nicht genug Milch hatte für ihre Drillinge, erinnerte ich mich an Lisa aus Bullerbü und gab ihnen die Flasche(n). Und als es immer mehr Schafe zu werden drohten, bat ich den einstigen Besitzer um seine Einwilligung und ließ alle Böcke kastrieren. Da waren es schon so viele Lämmer, im Frühling ging es zu wie im Streichelzoo.

Die Nachbarn aus dem Ort karrten Buggys voller Kinder vor die Stalltür, und diese Kinder quietschten vor Entzücken. Die zutraulichsten Lämmer ließen sich auf den Arm nehmen und streicheln. Und mitten hinein in dieses Idyll fragte mancher Erwachsene: „Und schlachten Sie die dann auch zu Ostern?“ Etwa meine Flaschenkinder Josh, Emil und Julchen? Oder Jamina Roo, jenes Lamm, das hüpfen lernte, bevor es den ersten normalen Schritt tat, oder vielleicht jenes namenlose schwarze Lamm, das einmal unter einer Buche eingenickt und von der Mutter vergessen worden war, so dass sie nur mit dem anderen Kinde zum Stall zurückkehrte? Es war ein matschiger Märztag, ich erwartete Freundinnen aus Berlin; als sie da waren, warf ich ihnen Gummistiefel zu und suchte mit ihnen nach dem verlorenen Lämmchen…

Nein, Schlachten kommt nicht in Frage. Ob ich wenigstens Käse mache? Nein, auch nicht. „Aber was machen Sie denn dann mit denen?“ Nichts! Ich mache gar nichts mit „denen“. Außer dass ich mich, wenn ich vom Schreibtisch hochblicke, an den Tupfern auf der Weide erfreue. Gelegentlich muss ich ihnen nachjagen, weil wir unterschiedlicher Ansicht sind, was Zäune angeht. Abends, nach der Arbeit, setze ich mich in den Stall; leise malmen sie beim Wiederkäuen; manche seufzen, wenn es ihnen gelungen ist, die Gliedmaßen komfortabel zu strecken; andere traben herüber und fordern mich auf, sie am Hals zu kraulen. Wenn ich nach einer Reise aus dem Auto steige, recken sich zwei, drei Köpfe aus der Stalltür, und das sanfte Merinolandschaf Jana begrüßt mich mit einem warmen, satten Bass ...

Dass man Tiere hält, die ohne Nutzen sind, zumal sie „Nutztiere“ heißen, scheint vielen Leuten gewöhnungsbedürftig. Wobei ich nicht sicher bin, ob ich die Schafe „halte“. Sie sind. Ich bin. Wir sind befreundet. Ihnen einen bestimmten Nutzen abzuringen, sehe ich mich weder berufen noch berechtigt. Auch ich bin zu nichts Speziellem Nutze. Muss Leben denn zu etwas Nutze sein? Ein Osterlamm ist bei seiner Schlachtung etwa zwei bis drei Monate, ein gesundes Schaf kann bis zu 15 Jahre alt werden. Dann allerdings…

Nie werde ich den entsetzten Gesichtsausdruck jener Frau vergessen, die es fast für grausam hielt, Schafe nicht zu verwerten. Langsam ahnte sie, auf welch entsetzliches Ende das hinauslief: „Aber wenn Sie nicht schlachten… dann müssen die Schafe ja alt werden … und sterben!!!“ Ganz genau. Und bis dahin sind sie einfach am Leben, wie wir.

Hilal Sezgin lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Zuletzt erschien der Roman „Mihriban pfeift auf Gott“ im DuMont Buchverlag. Ihre Kolumne erscheint künftig einmal im Monat.

Autor:  Hilal Sezgin
Datum:  2 | 8 | 2010
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