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31. August 2012

Judith Butler: Fangen wir an, miteinander zu sprechen

 Von Judith Butler
Judith Butler: „In Deutschland gibt es besondere Gründe, Israel-Kritikern zu misstrauen.“  Foto: Sueddeutsche Zeitung Photo/ Jürgen Bauer

Die Adorno-Preis-Debatte und kein Ende: Die amerikanische Philosophin Judith Butler erklärt sich zu den Vorwürfen, die vom Zentralrat der Juden in Deutschland gegen sie erhoben wurden.

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Die Adorno-Preis-Debatte und kein Ende: Die amerikanische Philosophin Judith Butler erklärt sich zu den Vorwürfen, die vom Zentralrat der Juden in Deutschland gegen sie erhoben wurden.

Ich bin nicht vollkommen überrascht, dass Generalsekretär Kramer Einspruch gegen meinen Standpunkt erhoben hat. Allerdings kann ich auf der Basis dessen, was er vorgetragen hat, nicht erkennen, ob es überhaupt seine Absicht war, meine Sicht der Dinge zu verstehen, ganz zu schweigen von dem Umfang und der Tragweite meiner Ansichten. Seine Bemerkungen sind Denunziationen, sie sollen als grundsätzliche Zurückweisung meiner Position verstanden werden. Unterstellen wir Kramer eine gewisse Autorität innerhalb der deutsch-jüdischen Gemeinde, dann soll seine Denunziation, so vermute ich, auch diese Autorität unterstreichen und gleichzeitig mich im Namen der ganzen Gemeinde ausgrenzen.

Im Versuch eine Denunziation wie diese zu begreifen, finden sich eigentlich keine Gründe, aus denen hervorginge, warum Einspruch gegen mich erhoben wird. Deswegen bin ich auch nicht in der Lage, auf direktem Wege zu antworten. Eine Debatte oder ein Streitgespräch setzt voraus, dass wir Gründe nennen, und zwar so gut, wie wir nur können – selbst wenn wir wütend sind. Aber diese Denunziation, so glaube ich, will zu verstehen geben, dass es keine Debatte gibt und das Thema auch nicht debattierbar ist. Man könnte mir widersprechen, auch auf heftige Weise, und dabei immer noch eine Debatte mit mir führen. Dazu gehörte allerdings das Geben und Nehmen von Gründen.

Thema: Umstrittene Preisverleihung an Judith Butler

Lesen Sie mehr über die Verleihung des Adorno-Preises an die Philosophin Judith Butler - und warum sie den Zentralrat der Juden auf den Plan ruft. 

Zur Sache

Am Montag dieser Woche hat der Zentralrat der Juden in Deutschland gegen die bevorstehende Verleihung des Frankfurter Adorno-Preises an die amerikanische Philosophin Judith Butler (56) protestiert. Es sei empörend, dass in Butler ausgerechnet jemand geehrt werde, der zum Boykott gegen Israel aufrufe und Organisationen wie Hamas und Hisbollah als legitime soziale Bewegungen bezeichne, erklärte Generalsekretär Stephan J. Kramer am Montag in Berlin. Unter anderem bezeichnete er die jüdische Philosophin, die an der University of California in Berkeley lehrt, als „eine bekennende Israel-Hasserin“. Inzwischen hat sich auch der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und Vizepräsident des Zentralrats, Salomon Korn, zu Wort gemeldet und einen Boykott der Preisverleihung am 11. September erwogen.

Wir haben Judith Butler daraufhin um eine Stellungnahme gebeten. Selbstverständlich wollten wir von ihr wissen, ob sie die neuerlichen Vorwürfe, insbesondere die Angriffe auf ihre Person, überraschen und was sie ihnen entgegnen möchte. Außerdem baten wir die Philosophin um eine Klarstellung in Hinblick auf ihre Äußerungen zu Hamas und Hisbollah sowie ihre Unterstützung der Initiative „Boycott, Divestment and Sanction“. Schließlich haben wir sie gefragt, wie sie ihr politisches Engagement im israelisch-palästinensischen Konflikt sieht. Als Antwort schickte uns Butler den folgenden Essay, in dem sie sich auch ausführlich zum Thema Antisemitismus äußert.

Ich vermute, der Grund dafür, dass Kramer seine Vorwürfe nicht belegt, liegt nicht nur darin, mithilfe einer machtvollen Denunziation jede Diskussion im Keime zu ersticken – sondern auch jedem, der es trotzdem wagt, eine Diskussion anzufangen, von vornherein die Berechtigung dazu abzusprechen. Ich nehme den Angriff gegen mich insofern auch nicht persönlich; vielmehr richtet er sich gegen alle, die Israel und seine gegenwärtige Politik kritisch beurteilen. Eben diese Form der Kritik soll außerhalb jeder Debatte liegen. Ein probates Mittel, einen Sprecher oder eine Sprecherin als „außerhalb der Grenzen einer vernünftigen Debatte“ stehend darzustellen, besteht in der Denunziation, in der Dämonisierung und der De-Legitimation.

Mit anderen Worten, solange es keine Argumente gibt, auf die ich etwas entgegnen kann, bleibt mir nichts anderes übrig, als diesen besonderen Sprechakt, diese Denunziation, zu analysieren, und zwar in Hinblick auf die mit ihm verbundenen politischen Effekte. Dennoch verstehe ich sehr wohl, warum viele Juden und insbesondere deutsche Juden sehr abwehrend auf jedwede Kritik am Staate Israel reagieren. Denn immer drängt sich die Frage auf: Hegt diese Person tatsächlich gute Absichten oder bedient sie sich der Kritik nur, um antisemitischen Ressentiments nachzugehen?

Gegen Antisemitismus vorgehen

Wenn aber jede Kritik an Israel als Täuschung verdächtigt wird, als bloße Tarnung antisemitischer Motive, dann wird es bei einer Reihe von Themen keine aufrichtige Debatte geben. Selbstverständlich wäre die ganze Angelegenheit erheblich einfacher zu handhaben, wenn wir davon ausgehen dürften, dass wir den Antisemitismus am besten loswerden, indem wir jede Debatte einer strengen Zensur unterwerfen. So einfach ist es aber nicht.

Vielmehr besteht die Notwendigkeit, den Antisemitismus in der Vielfalt seiner Erscheinungen zu erkennen und zu bekämpfen, etwa in Hinblick auf die rechtsgerichteten Extremisten und selbsterklärten Nazis, die ins Europäische Parlament gewählt wurden. Auch dass bei den letzten Wahlen in Griechenland bekennende Nazis gewählt wurden, ist erschreckend und hätte die internationale Gemeinschaft zu Gegenmaßnahmen herausfordern müssen. Ebenso müssen in Deutschland die NPD und ihre Aktivitäten als Antisemitismus und Rassismus erkannt und bekämpft werden. Die Anschläge auf jüdische Schulen in Frankreich und anderswo müssen wir als (den beinahe schon alltäglichen) Antisemitismus erkennen und bekämpfen. Und ebenso müssen wir alle Formen des Geschichtsrevisionismus, die darauf hinauslaufen, die Gräueltaten des nationalsozialistischen Genozids zu bestreiten oder auch nur zu verharmlosen, energisch und öffentlich als Antisemitismus bekämpfen.

Wir sollten uns also in aller Deutlichkeit vergegenwärtigen, wo überall Antisemitismus existiert, und gegen ihn mit allem Nachdruck vorgehen, ganz gleich, wo er in Erscheinung tritt. Ich weiß natürlich auch, dass es in Deutschland besondere Gründe gibt, Israel-Kritiker des Antisemitismus zu verdächtigen. Wenn wir Israel als eine Art heilige Stätte (sanctuary) für all jene Juden begreifen, die aus Europa während des Zweiten Weltkriegs fliehen mussten, und nach dem Zweiten Weltkrieg für die Überlebenden der Konzentrationslager – dann erscheint jede Opposition gegenüber Israel so, als würde den Juden ihr Zufluchtsort (sanctuary) genommen. Das wiederum bedeutete, dass sie erneut in ihrer Existenz angegriffen werden und von der Vernichtung bedroht sind. Dies ist eine sehr tiefsitzende Überzeugung und einer der Gründe, warum die Israel-Kritik mit der möglichen Vernichtung der Juden gleichgesetzt wird oder mit Gleichgültigkeit gegenüber dem nationalsozialistischen Genozid oder der Verletzbarkeit Israels gegenüber solchen Staaten wie dem Iran, die ihre Vernichtungsabsichten deutlich formuliert haben.

Wir wissen allerdings auch, dass der Vorwurf des Antisemitismus ein Vorwand sein kann. So hat die anti-deutsche Linke eine deutliche Kritik an dem entwickelt, was gemeinhin anti-imperialistische Linke genannt wird. Sie zielt genau darauf, dass jede Kritik an Israel in einem deutschen Kontext den virulenten Antisemitismus zu neuem Leben erweckt, insoweit er mit dem deutschen Nationalismus verknüpft ist. Diese Form der Kritik ist sehr wichtig, weil sie deutlich macht, auf welch verquere und versteckte Weise sich Antisemitismus äußern kann: Wer Israel einfach nur als imperialistischen Staat kritisiert, verkennt, welche historische Bedeutung dieser Staat als Zufluchtsstätte für die Juden hat und wie sehr der fortbestehende Antisemitismus die Existenz des Staates Israel in seiner gegenwärtigen Form und mit seiner gegenwärtigen Politik als politische Notwendigkeit rechtfertigt.

Diaspora-geprägte Gemeinschaft

In diesem Sinne haben die deutschen Anti-Imperialisten bei ihrer Analyse des deutschen Nationalismus und seinen impliziten wie expliziten Formen des Antisemitismus versagt. Und ich möchte hinzufügen: Neben einer Kritik des deutschen Nationalismus ist ebenso eine Kritik des Eurozentrismus als Spielart des Antisemitismus und Rassismus dringend notwendig; betroffen sind hier vor allem Einwanderer aus der Türkei, dem Nahen Osten und Nordafrika.

Also ja, ich verstehe durchaus die Kritik an meinen Positionen, obwohl sie nicht immer auf angemessene Weise vorgebracht wird. Eine der vielen Schwierigkeiten auch unserer Diskussion besteht in der Unterstellung, „das jüdische Volk“ und „der Staat Israel“ seien ein- und dasselbe, oder dieser Staat sei der einzige politisch legitimierte „Repräsentant der Juden“. Dabei gab es in der Geschichte des Judentums – inklusive der frühen Phase des Zionismus, der keineswegs staatszentriert war – Formen des Internationalismus, die strikt anti-nationalistisch waren, und auch diasporische Formen jüdischen Lebens, die dauerhafte Gemeinschaften in multikulturellen Umgebungen hervorgebracht haben.

Meine Großeltern verließen Russland und Ost-Europa nach einer Reihe von Pogromen und angesichts des bevorstehenden Genozids. Ich wuchs in einer Diaspora-geprägten jüdischen Familie auf, in der wir uns nicht nur gegen Antisemitismus zu behaupten hatten, sondern gegen alle Formen des Rassismus. Dies wird immer der Kern meines jüdischen Selbstverständnisses sein. Es wären größere Debatten über den jüdischen Nationalismus und die jüdische Kritik des Nationalismus zu führen, doch werden solche Debatten kaum weiterführen, wenn wir mit der Unterstellung beginnen, die Juden seien eine einzige Nation mit einer einzigen Meinung, und der Staat Israel sei historisch oder politisch der einzig legitimierte Repräsentant des Judentums.

Juden, die eher dem linken Spektrum zuzuordnen sind, haben ohnehin einiges am jüdischen Nationalismus zu kritisieren, zumal sie befürchten, der Nationalismus führe geradewegs zum Rassismus: Eine kritische Perspektive auf einen Staat zu werfen, dessen Nationalismus Israel weniger zu einer Zufluchtsstätte (sanctuary) denn zu einem Schlachtfeld werden ließe, tut dringend Not.

Ich bin mir gleichwohl nicht ganz sicher, ob ich mich einer „globalen Linken“ zurechnen kann. Es gibt viele Dimensionen dessen, was wir als „links“ bezeichnen, mit denen ich nicht übereinstimme und auch niemals übereingestimmt habe. Schon gar nicht spreche ich als Repräsentantin der Linken. Ich selber ordne mich eher dem links-liberalen Spektrum zu, unterstütze die Idee der rechtsstaatlichen Verfassung und der parlamentarische Demokratie. Als ich in Berkeley bei einer Diskussion gefragt wurde, ob Hamas und Hisbollah der „globalen Linken“ zuzurechnen sei, ging ich davon aus, dass ich nach meiner Einschätzung gefragt wurde. Und so gab ich zur Antwort, dass selbst dann, wenn beide Organisationen Teil der globalen Linken seien, dies noch lange kein Grund ist, diese auch zu unterstützen.

In der Tat, ich würde nie einfach mal so eine „linke Gruppierung“ unterstützen, nur weil sie in irgendeinem Sinne „links“ ist. Das reicht nicht. Schon gar nicht bin ich so blind, dass ich jeder „linken Position“ vorbehaltlos applaudiere, nur weil sie „links“ ist. Das wäre wohl sehr unkritisch und machte mich überdies unglaubwürdig. In Berkeley antwortete ich entsprechend, indem ich erklärte, man könne Hamas und Hisbollah durchaus der „globalen Linken“ zuordnen, aber das hieße noch lange nicht, sie deswegen auch zu unterstützen. Niemand fragte mich übrigens, was denn nun eine globale Linke ausmachen sollte – ich hätte dann wohl über die Notwendigkeit gesprochen, Allianzen zu bilden, um die Armut zu bekämpfen.

Als ich in Berkeley über meine Vorbehalte gegenüber staatlicher Gewalt gesprochen und meine Ansicht zu den Formen nicht-gewaltförmigen Widerstands vorgestellt hatte, schien es mir nicht weiter notwendig zu sein, noch mehr darüber zu sagen. Meine klar formulierte Haltung, die strikte Ablehnung von Gewalt, schien allerdings später niemanden mehr zu interessieren, und so wurden ein paar Zitate aus dem Zusammenhang gerissen und in den Umlauf gebracht. Im Ergebnis kam es zu einer völlig verzerrten Darstellung meiner Haltung.

Fehler als Professorin

Nun könnte man immerhin einwenden: Nobilitiere oder legitimiere ich solche Gruppierungen wie Hamas und Hisbollah nicht schon allein dadurch, dass ich sie als Teil der „globalen Linken“ oder „soziale Bewegungen“ beschreibe? Ich vermute einmal, dass selbst die Israelische Armee versucht, diese Organisationen politisch einzuordnen, um sich im Kampf gegen sie Vorteile zu verschaffen. Hamas und Hisbollah werden von Freund und Feind untersucht; das Untersuchen allein sagt also nichts über die Unterstützung ihrer Ziele aus. Darüber hinaus können beide Gruppierungen auch aus rein akademischem Interesse betrachtet werden: Dann erweist sich das Wort von der „globalen Linken“ als Raster der Analyse, um das politische Spektrum einer politischen Bewegung zu beschreiben. Mein Fehler in Berkeley war möglicherweise, dass ich als Professorin eine akademische Antwort gab, statt unmissverständlich zu erklären, was ich von der Gewalt auf palästinensischer Seite halte. Noch deutlicher: Ich habe weder Hamas noch Hisbollah jemals unterstützt.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch noch einmal auf meine Haltung gegenüber der Frage nach einem Boykott Israels zu sprechen kommen. Auch hier habe ich mich bereits deutlich erklärt: Ich unterstütze die Initiative „Boycott, Divestment and Sanction“ (BDS) nicht ohne Vorbehalte. Zwar arbeite ich nicht mit israelischen Institutionen zusammen, die sich nicht gegen die israelische Besatzungspolitik aussprechen. Anders als der BDS lehne ich aber die Diskriminierung einzelner Personen aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit ab. Das heißt in aller Deutlichkeit: Ich arbeite mit Israelis in zahlreichen akademischen Projekten zusammen und ich boykottiere keine Individuen; ich halte es aber für wichtig und richtig, auf nicht-gewalttätige Weise zu versuchen, Staaten dazu zu bewegen, sich an das internationale Recht, zumal an Menschen- und Völkerrechte zu halten.

Kurzum, ich verstehe die Vorbehalte in Deutschland und dass hier die erste und wichtigste Frage lautet, ob sich hinter der Kritik an Israel nicht eine Form des Antisemitismus verbirgt. Ich glaube allerdings, dass ich eine andere Fragestellung in die Debatte einbringe: Warum sind in Europa, Australien und den Vereinigten Staaten so viele jüdische Gruppierungen entstanden, die für sich beanspruchen, eine „unabhängige Stimme“ gegenüber Israel zu erheben? Eine Stimme, die nach der Legitimität der israelischen Besatzungspolitik fragt, nach den ungleichen Rechten für die in Israel lebenden Palästinenser und auch nach der Politik der Enteignung der Palästinenser im Jahre 1948? Zu diesen Gruppierungen gehören übrigens auch die „Independent Jewish Voices“ in Großbritannien und „Jewish Voice for Peace“ (JVP) in den USA mit einem rabbinischen Gemeinderat und einer Jugendorganisation, der „Young, Jewish, Proud“. Um auch hier Klarheit zu schaffen: Ich sitze im Beirat des JVP. Außerdem bin ich Vorstandsmitglied der „Faculty for Israel-Palestinian Peace in the US“. Und ich gehöre der Kehillah-Synagoge im kalifornischen Oakland an.

Vor diesem Hintergrund möchte ich mein Engagement verstanden wissen. Ich sympathisiere mit solchen Projekten, die ihr Sprechen und Handeln mit der ethisch inspirierten Hoffnung verbinden, dass es eine politische Zukunft für Israel-Palästina gibt, in der die Grundprinzipien einer Demokratie verwirklicht sind: Gleichheit, Recht und Freiheit für alle, die hier leben und die aus ihrer Heimat vertrieben wurden. In dieser Richtung weiter zu denken wird schwierig bleiben, solange (a) jede Kritik an Israel als antisemitisch verdächtigt wird und (b) der Antisemitismus in der Vielfalt seiner Erscheinungen fortbesteht. Man findet sich hier stets in einem Zwielicht wieder: Selbst wenn die Israel-Kritik berechtigt ist, könnte sie doch antisemitische Tendenzen verstärken. Aber sollten wir deswegen schweigen? Die Antwort kann nur sein, dass jede Kritik am israelischen Staat oder seiner Politik überzeugende Gründe nennen muss und sich gegen jede Form des Antisemitismus zu verwahren hat – den anti-arabischen Rassismus eingeschlossen.

Unterschiedliche Meinungen

Ich glaube, es ist für die meisten Deutschen nur schwer vorstellbar, dass bei fast jedem jüdischen Abendessen ein Streit ausbricht über die israelische Politik; übrigens in den USA genauso wie in Israel. Ich mache immer den Witz, dass man gut feststellen kann, ob man an einem jüdischen Dinner teilnimmt, weil es dabei niemals zu einem Einvernehmen über Israel kommt, ganz gleich ob man sich über militärische Angriffe in Gaza oder im Libanon oder über den Zionismus als solchen streitet. Wenn jemand behauptet, er sei „für“ oder „gegen“ Israel, und das ließe doch erkennen, ob er „für“ oder „gegen“ die Juden sei, dann muss ihm eine Diskussion unter uns Juden wie ein einziges Wirrwarr vorkommen, das mit einer „vernünftigen“ Diskussion rein gar nichts zu tun hat.

Was aber wäre, wenn Juden, wie alle anderen Menschen auch, ganz verschiedene, sehr unterschiedliche Meinungen und Haltungen zu einem Thema haben und dieses konfliktreiche, mitunter streitsüchtige Durcheinander von Beginn an zum jüdischen Leben gehört? Wenn einige Angehörige der deutschen Linken denken, dass eine reflexhafte Verteidigung Israels das einzige Mittel gegen den Antisemitismus sei, dann müssten sie augenblicklich jeden Kontakt mit der jüdischen Linken abbrechen. Eine etwas paradoxe Konsequenz, aber nur so könnten sie wirklich sicher sein.

Es gibt hunderte von Gruppen, die versuchen, für die vielgestaltige, in unübersehbar viele Fraktionen zersplittere jüdische Linke eine einheitliche Position zu finden, eine Position, die sich sowohl gegen den Antisemitismus verwahrt als auch gegen die Ungerechtigkeit, die vom israelischen Staat begangen wird. Es hat nichts mit jüdischem Selbsthass zu tun, sich hier zu engagieren, sondern mit einem Prinzip Hoffnung, einer Sehnsucht nach Frieden und Gleichheit. Für mich ist es ein typisch jüdischer Kampf um soziale und politische Gerechtigkeit, ein Kampf, der nun erfolgreich geführt werden kann, wenn sich auch Nicht-Juden an ihm beteiligen. Dann nämlich ist er schon ein Teil dessen, was er doch erst erreichen will: ein pluralistisch demokratisches Projekt.

Vielleicht wäre aus dem „Streit“ um meine Ansichten zu lernen, dass Juden einfach komplizierte Menschen sind, dass sie nur selten miteinander übereinstimmen, dass ihre Streitlust Teil einer wertvollen talmudischen Tradition ist und dass eine aufrichtige Diskussion gewiss der beste Weg ist, um innerjüdische Debatten produktiv werden zu lassen. Abgesehen von dem unerfreulichen und verletzenden Charakter des „Streits“ in den letzten Tagen, lässt mich genau das hoffen, wenn ich jetzt nach Deutschland kommen werde.

Übersetzung: Christian Schlüter

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