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Jüdische Sportlerinnen vor 1936: Hitlers diabolische Spiele

Eine Ausstellung über jüdische Sportlerinnen vor den Olympischen Spielen 1936: Sie wurden gesperrt, zur Besänftigung des Auslands benutzt - und später auch ermordet. Von Harry Nutt

Die deutsch-jüdische Leichtathletin Gretel Bergmann 1931.
Die deutsch-jüdische Leichtathletin Gretel Bergmann 1931.
Foto: Hazel Shore

Was der Ausdruck "vor Glück platzen" bedeutet, meinte die 16-jährige Gretel Bergmann während eines Trainingslagers im Schwarzwald erfahren zu haben. Trotz enormer körperlicher Anstrengungen ging die begabte Sportlerin ganz in ihrem Bewegungsdrang auf. Doch einige Jahre später wurde dieser jäh gebremst.

Der Ulmer Fußballverein (UFV), dem die Leichtathletin seit früher Jugend angehörte hatte, schloss sie kurz vor ihrem 19. Geburtstag im Frühjahr 1933 aus, und die Deutsche Hochschule für Leibesübungen verweigerte ihr den bereits zugesagten Studienplatz. Wegen ihrer jüdischen Herkunft sollte Gretel Bergmann ihre Talente fortan nicht mehr für die deutsche Volksgemeinschaft einsetzen dürfen.

Bergmann gab deswegen ihre sportlichen Aktivitäten nicht auf. Sie ging nach England und wurde dort 1934 britische Meisterin im Hochsprung. Eine Nominierung für die britische Olympiamannschaft schien nicht ausgeschlossen. Gretel Bergmann, die heute unter dem Namen Lambert in New York lebt, konnte dem Holocaust entkommen, aber ein Opfer des Nationalsozialismus wurde sie dennoch.

Die deutschen Behörden zwangen sie im Jahre 1935 zur Rückkehr und stellten ihr auch einen Platz im deutschen Olympia-Team in Aussicht. Sie wurde so zur Alibijüdin im Hitlers außenpolitischen Scharaden.

Als die Amerikaner wegen des deutschen Antisemitismus' mit einem Olympiaboykott drohten, führte der Olympiaorganisator Carl Diem jüdische Sportler wie die Fechterin Helen Mayer und die Leichtathletin Gretel Bergmann an, um den fairen deutschen Sportsgeist unter Beweis zu stellen.

Einen Tag, nachdem das US-Team in See gestochen war, wurde Bergmann aus der Mannschaft ausgeschlossen. Die NS-Medien berichteten nicht darüber, das IOC schwieg.

Die Geschichte der Gretel Bergmann ist eine von drei Fallgeschichten, die nun im Berlin Centrum Judaicum in einer Ausstellung dargestellt werden. "Vergessene Rekorde. Jüdische Leichtathletinnen vor und nach 1933" ist mehr als nur eine Begleitausstellung zu den im August beginnenden Leichtathletikweltmeisterschaften in Berlin.

Auf eindrucksvolle Weise widerlegt die Ausstellung die historische Lesart, der zufolge der staatliche Antisemitismus bis 1936 doch eher unsystematisch betrieben wurde.

So schreibt denn auch der Sporthistoriker Hans Joachim Teichler im lesenswerten Begleitband: "Der Interpretation, dass Hitler in der Judenfrage vor 1936 eine begrenzte und eher mäßigende als radikalisierende direkte Rolle spielte, muss aus Sicht der Sportgeschichte daher widersprochen werden." Gretel Bergmanns Biografie zeigt, dass die Nazis der Weltöffentlichkeit eine Normalität vorgaukelten, die sie gleichzeitig zynisch kalkulierend hintertrieben.

Nicht alle kamen wie Gretel Bergmann - wenn auch um den Ruhm betrogen - mit dem Leben davon. Lilli Henoch, die mit insgesamt zehn deutschen Meistertiteln und fünf Weltrekorden zur erfolgreichsten Leichtathletin der 20er Jahre aufstieg, wurde 1933 aus der Mitgliederliste des Berliner Sport Clubs gestrichen. Sie engagierte sich daraufhin im Jüdischen Turn- und Sportclub 1905 und baute dort unter schwierigen Bedingungen eine Handballmannschaft auf.

Am 5. September 1942 wurde Henoch aus Berlin deportiert und wenig später in der Nähe von Riga ermordet.

Henochs Geschichte ist in der Ausstellung zugleich ein Verweis auf die rege jüdische Sportbewegung, die deutlich vor 1933 ein konfessionell orientiertes Selbstbewusstsein entwickelt hatte, sich aber später nicht dagegen wehren konnte, von den sportpolitischen Nazi-Manövern instrumentalisiert zu werden.

Die Ausstellung und der Dokumentationsband rufen ein bislang kaum bemerktes Kapitel Alltagsgeschichte in Erinnerung, das zeigt, wie sehr der organisierte Antisemitismus alle Lebensbereiche durchdrang.

Dass Teichler im Vorwort darum bemüht ist, die Berliner Leichtathletikszene vor dem Verdacht des besonders ausgeprägten Judenhasses in Schutz zu nehmen, erweist sich dagegen als ein überflüssiges Manöver zur nachträglichen Selbstberuhigung. Die Ausstellung zeigt, wie sehr gerade auch der Sport und seine Institutionen als Rädchen in der nationalsozialistischen Maschinerie funktionierten.

Berlin, Centrum Judaicum. Bis zum 15. August. Der Katalog "Vergessene Rekorde. Jüdische Leichtathletinnen vor und nach 1933" ist im vbb (Verlag für Berlin-Brandenburg) erschienen und kostet 16,90 Euro.

Autor:  HARRY NUTT
Datum:  6 | 7 | 2009
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