Yosl Feinbroyt geht nicht ins Café, um Kaffee zu trinken, sondern um Geräusche des Essens und Trinkens zu transkribieren. Wo andere sich belästigt fühlen, sieht Feinbroyt eine eigene Sprache merkwürdiger Buchstabenkombinationen im Raum sich ausbreiten: "Zhaloup", "Choup". Bisher waren Comics eher für Onomatopöien wie Zack, Roooaar, Wumm berüchtigt, ihre schriftlichen Übersetzungen der Geräusche galten als sichtbarer Ausdruck wachsenden Analphabetismus in einer von Bildern bestimmten Welt.
In seinem Meisterwerk "Der Jude von New York" spielt Ben Katchor mit diesen Klischees und macht sich dabei nicht nur über Vorurteile über Comics lustig. Seine Figur Feinbroyt notiert die Wörter, die im Panel zu lesen sind, als ständen diese tatsächlich ganz materiell im Raum.
Ben Katchor: Der Jude von New York. Avant-Verlag 2009.
Die identische Wiederholung der Klangworte in Bild und Schrift macht jeden Zweifel an ihrer Wirklichkeit obsolet - und gerade deshalb amüsieren Katchors Behauptungen. Als einer der Gäste rülpst - "Grepts" - fällt Feinbroyt vor Begeisterung in Trance. Er sieht sich am Ende einer großen Halle vor einem Vorhang, auf den dieses Wort, "der ewige Klang der Erleichterung", in hebräischen und lateinischen Buchstaben gestickt ist. Zwischen Bild und Schrift erzeugt der Comic eine komisch instabile Wahrheit: Grepts.
Solche theologischen Anspielungen sind kein Zufall. "Der Jude von New York" ist ein Comic im Wissen um das jüdische Bilderverbot und in seinen Strategien ein jüdischer Comic. Der New Yorker Zeichner reflektiert die Verehrung von Götzenbildern. Keines seiner Bilder kommt ohne Text aus. Immer geht es um die Spannung zwischen Sehen und Lesen. Katchor ist Autor und Zeichner. Und doch ist das keine Graphic Novel, die Episoden bleiben anekdotisch. Katchor nimmt das Wort Comic ernst, "Der Jude von New York" ist innerhalb der Geschichte zugleich eine Komödie, die an einem Broadway-Theater aufgeführt wird, an dem nur der Bühnenbildner jüdisch ist.
Nicht zuletzt gemahnt das Seitenlayout gelegentlich an den Talmud. Wie dessen Wort genau gelesen und ausgelegt werden muss, sind es bei Katchor seine Scherze, die studiert sein wollen, eine Praxis, bei der sich die Unterhaltsamkeit des Comics nur steigert.
Die Geschichte ist in einer Zeit angesiedelt, die in der populären Erinnerung eher vernachlässigt ist: im New York der 1820er Jahre. Die Wolkenkratzer fehlen ebenso wie die Superhelden, die zwischen ihnen Spinnennetze spannen oder Verbrecher jagen. Der historische Bezug besagt auch, dass es sich hier - im Gegensatz zu vielen anderen Comics jüdischer Zeichner wie Art Spiegelman oder Aline Kominsky - um keine autobiographische Erzählung handelt.
Katchor ist vielmehr an einer versunkenen Welt interessiert, in der manche glaubten, die Indianer stammten in direkter Linie von einem der jüdischen Stämme ab, andere eine neue Heimstatt für die Juden im Staat New York gründen wollen oder den Lake Erie in Sodawasser verwandeln möchten, um es gewinnbringend zu verkaufen. Alle diese sich kreuzenden Geschichten klingen unwahrscheinlich, und doch erzählt Katchor sie so, als seien sie akkurat recherchiert und hätten genau so stattgefunden.
In "Der Jude von New York" sind historischer Fakt und Fiktion nicht zu unterscheiden. Und doch warnt der Zeichner in einer Anekdote davor, der Beliebigkeit anheimzufallen und fiktive Bilder mit der Wirklichkeit zu verwechseln. Der aus der Wildnis zurückgekehrte, einem Biber ähnlich gewordene Ketzelbourd betet eine Schauspielerin an und bringt bei der Aufführung der Komödie "Der Jude von New York" ihren Verehrer auf der Bühne um - sogleich wird er selbst erschossen und später als seltene Spezies ausgestellt: Katchor reflektiert hier in seinen vielen Bildern, was in der fetischistischen Verehrung eines Bildes geschehen kann.
So bizarr, so unwahrscheinlich vieles erscheint, was Katchor erzählt, es ist wahr, weil es möglich gewesen ist oder für möglich gehalten wurde. "Der Jude von New York" erzählt so eine Geschichte messianischer Hoffnungen, einer Phantasieproduktion mit historischen Auswirkungen. Sie hat heute an Aktualität nichts verloren, weil Katchor mit seinem schonungslosen Blick dem theologischen Ernst mit ausgesprochener Komik begegnet und so eine Wahrheit über den Comic als Medium von Geschichte artikuliert: Grepts.
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