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25. März 2016

Jüdisches Ghetto in Venedig: Im Namen christlicher Hassprediger

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Im ehemaligen jüdischen Ghetto von Venedig, hier eine Verbindungsbrücke zwischen dem alten und neuen Teil des Viertels.  Foto: © epd-bild / Andrea Panegrossi

Man wollte die Juden haben und gleichzeitig nicht haben: Im März 1516 richteten die Venezianer das Ghetto ein, Ort der Diskriminierung, aber auch des Schutzes.

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Am 29. März 1516 veröffentlichte der Senat von Venedig ein Dekret, das die Einrichtung eines jüdischen Wohnbezirks verkündete. Juden sollten nur noch auf dem Gelände des Ghetto Novo, einer alten Festung im Stadtteil San Gerolamo, wohnen dürfen. Der jüdische Wohnbezirk sollte von zwei hohen Mauern umgeben werden. Türen und Fenster der Außengebäude wurden zugemauert. Wachpersonal sollte die Aus- und Zugänge zum Ghetto – wie es bald hieß – Tag und Nacht bewachen. Die beiden Boote, die in den Kanälen der Umgebung patrouillierten, waren von der jüdischen Gemeinde zu bezahlen.

Zur Vorgeschichte dieses Dekretes gehören wie immer und überall Welt- und Lokalgeschichte gleichermaßen. 1492 ist ein wichtiges Datum. Für Juden wie für Venedig. Die Entdeckung Amerikas verlagerte den Welthandel aus dem Mittelmeer an den Atlantik. Venedig, einst eine Großmacht, verlor Jahr um Jahr an Bedeutung. Hinzu kam, dass auch ein Großteil des traditionellen Orienthandels nicht mehr über Land und damit über die Seidenstraßen bis an den Rand des Mittelmeers ging, wo er dann von venezianischen, genuesischen Schiffen nach Westeuropa weiter transportiert wurde. Portugiesische und spanische Schiffe hatten sich den Seeweg nach Indien gebahnt und verdarben den Venezianern die Geschäfte. Auch den Osmanen. Der Kuchen wurde kleiner – also nahmen die Auseinandersetzungen im östlichen Mittelmeer wieder einmal zu. Die epochale Verschiebung des Welthandels aus dem Mittelmeer auf den Atlantik machte Großbritannien zu einer Weltmacht.

Diese Verschiebung der europäischen und nahöstlichen Machtkonstellationen war zustande gekommen durch die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus. Der Conquistador hatte auf die Niederlage der Mauren gewartet, weil ihm die spanische Krone versprochen hatte, wenn Granada in ihre Macht käme, bekäme Kolumbus die Gelegenheit einer großen Expedition zur Auskundschaftung des Seewegs nach Indien. Am 17. April 1492, wenige Wochen, nachdem der letzte muslimische Befehlshaber Granadas – nach 800 Jahren – die Stadt den Truppen Isabellas I. von Kastilien und Ferdinands II. von Aragon – die beiden waren ein Ehepaar – übergeben hatte, unterschrieben sie und Kolumbus den Vertrag, der Amerika auf die Weltkarte katapultieren sollte.

Noch waren nicht alle Muslime von der iberischen Halbinsel vertrieben, da hatten am 31. März 1492 die katholischen Majestäten den Juden bereits die Pistole auf die Brust gesetzt. Jeder Jude, der nicht innerhalb der nächsten vier Monate sich taufen ließ, hatte alle unter spanischer Herrschaft stehenden Gegenden zu verlassen. Also auch Sardinien und Sizilien.

1496 tat der portugiesische König es seinen spanischen Kollegen nach und wies die Juden auch aus Portugal. Gegen die Juden, die unter diesem Druck zum Christentum übergetreten waren, die Marranen („Schweine“) genannt wurden, fanden immer wieder Verfolgungen statt. Nicht mehr allein im Namen Gottes und der Religion, sondern auch in dem der „limpieza de sangre“, der Reinheit des Blutes.

Unterschlupf in Venedig

Zehntausende, die nicht bereit waren, sich taufen zu lassen, flohen sofort aus dem neu entstandenen christliches Gottesstaat auf der iberischen Halbinsel. Sie flohen von einem Land, von einer Stadt zur anderen. In dieser Konstellation entstand die Legende vom Ewigen Juden, der unstet, wurzellos unterwegs ist.

Die jüdischen Flüchtlinge suchten auch in Venedig Unterschlupf. Nicht in der Stadt selbst. Die hatte die Juden bereits 1395 vertrieben. Gleichzeitig aber hatte die venezianische Stadtverwaltung geregelt, dass die Juden zwar Venedig verlassen müssten, aber in andern Städten, die Venedig unterstanden, leben und arbeiten durften. Zum Beispiel auch in Mestre – der Stadt auf dem Festland Venedig gegenüber.

Immer wieder wurden in langen Verhandlungen Verträge zwischen den Stadtverwaltungen und den jüdischen Gemeinden geschlossen. Zum Beispiel wurde festgelegt, dass Juden von Gründonnerstag bis Ostersonntag in ihren Häusern zu bleiben hätten, um diesen höchsten christlichen Feiertag nicht durch ihren Anblick zu entweihen. Juden durften – mal kürzer, mal länger – zu Besuch nach Venedig. Taten sie das, mussten sie aber einen gelben Fleck weithin sichtbar auf ihrer Kleidung tragen, um als Juden kenntlich zu sein.

Auf die Einhaltung dieser Regelungen achteten nicht einmal in erster Linie die Behörden. Bei der Judenverfolgung taten sich die christlichen Orden besonders hervor. Auch die Franziskaner, die sich heute einer so guten Presse erfreuen. Immer wieder riefen Hassprediger von den Kanzeln herab dazu auf, gegen die Juden vorzugehen, ihnen zu nehmen, was sie hatten – und sei es das Leben – sei kein Verbrechen, predigte zum Beispiel Bruder Rufino. In Trento wurde mit der Begründung, ein christliches Kind sei – an Ostersonntag – einem jüdischen „Ritualmord“ zum Opfer gefallen, ein Pogrom veranstaltet, der dazu führte, dass Jahrhunderte lang keine Juden in Trento lebten. Das angebliche Opfer wurde in die Liste christlicher Märtyrer aufgenommen, obwohl damals schon eine päpstliche Untersuchungsdelegation die Juden von allen Vorwürfen freisprach. Erst 1965 – das Vatikanum II hatte seine zivilisierende Arbeit aufgenommen – distanzierte sich die katholische Kirche vom Kult des kleinen Simone aus Trento.

Zur antijüdischen Hetze der christlichen Hassprediger gehörte auch ihr soziales Engagement. Bruder Bernardino da Feltre zum Beispiel zog von Ort zu Ort, erklärte den Christen, die die Juden verteidigten, sie sollten endlich begreifen, dass die Juden ihr Unglück seien, versuchte die Städte „judenrein“ zu machen. Das gelang ihm erschreckend oft, aber nie langfristig. Waren die Juden vertrieben, richtete er einen sogenannten „Monte di Pietá“ ein, eine christliche Pfandleihanstalt, die die Armen mit Minikrediten versorgten. In den Jahren 1484 bis 1492 hatte er zweiundzwanzig solcher Institute allein auf dem Territorien Venedigs etabliert.

Die Verbindung von Sozialversorgung und religiös fundierter Menschenverachtung ist keine Erfindung islamistischer Gruppierungen des 20. Jahrhunderts. Diese christlichen Einrichtungen betrieben im Laufe der Jahre immer mehr Geldgeschäfte, wie Juden es getan hatten. Die älteste heute bestehende Bank ist die „Banca Monte dei Paschi di Siena“. Sie wurde 1472 als „Monte di Pietà“ gegründet. Ihren jetzigen Namen trägt sie seit 1624, nachdem die Bank auch die Einnahmen aus den Domänenweiden in der Maremma, die sogenannten Paschi, als Sicherheit akzeptieren durfte.

Krieg gegen Venedig

Zu dem die Geschichte des Abendlandes durchziehenden Krieg zwischen Christen und Juden gehörte immer wieder auch die Auseinandersetzung darüber, was Juden duften, was sie nicht durften. Viele Ärzte etwa waren Juden. Sie waren begehrt, weil sie zum Beispiel in Kairo oder Damaskus die viel weiter entwickelte muslimische Medizin studiert hatten. Für manche Hassprediger ein weiterer Grund, gegen jüdische Ärzte vorzugehen, die entweder dem natürlichen, gottgewollten Schicksal entgegentraten oder aber als Teil einer Verschwörung den christlichen Volkskörper zu schädigen suchten.

Zu den lokalen Entwicklungen, die 1516 zur Errichtung des Ghetto führten, gehörten die Kriege, die Venedig um 1500 führte. Die Stadt war auf das jüdische Kapital angewiesen. Also wurden den Juden wieder größere Freiheiten gestattet. Also wuchs die Wut der christlichen Fundamentalisten. Je präsenter die Juden wieder in der Stadt waren, desto schamloser und erbitterter entfalteten sich die Hassprediger auf den Kanzeln der Kirchen, desto häufiger kam es zu Überfällen auf Juden und jüdische Einrichtungen. Das ging so weit, dass den Juden erlaubt wurde, auf die Kennzeichnung ihrer Kleidung zu verzichten, dass sie sogar Waffen tragen durften, um sich gegen Überfälle zu schützen.

1508 begannen Papst Julius II. – das berühmte Porträt, das Raffael von ihm malte, entstand 1511 –, Kaiser Maximilian und König Ferdinand von Spanien gemeinsam gegen Venedig in den Krieg zu ziehen. Sehr schnell verlor Venedig seine Besitzungen auf dem Festland. Große Teile der Bevölkerung flohen nach Venedig. Darunter auch viele Juden. Mit einem Schlag vermehrte sich die Bevölkerung Venedigs um ein Vielfaches. Am Ende wurde selbst Mestre geräumt, und viele Familien, die über ein Jahrhundert dort gelebt hatten, flohen nach Venedig.

Im Mai 1509 standen die Truppen der antivenezianischen Allianz am andern Ufer der Lagune. Der Stadt drohte der Untergang. Die Hassprediger wussten auch warum: Die Niederlage war die Strafe Gottes dafür, dass man die Juden wieder hineingelassen hatte in die Stadt, dass sie hier ihren Geschäften nachgehen konnten. 1513 und 1514 wütete die Pest in Venedig. Auch das, so die Hassprediger, Schuld der Juden. Es kam zu Brandstiftungen.

Die Stadt aber brauchte Geld. Also brauchte sie die Juden. In jenen Jahren kam die Idee auf, die Juden, wie das andernorts schon geschehen war, in einem bestimmten Stadtteil zu konzentrieren. So konnte man sie haben und gleichzeitig nicht haben. Es wurde darum gestritten, wo dieser Bezirk eingerichtet werden sollte. Einige plädierten für die Giudecca. Die Juden votierten für Murano. In einer Sitzung des Collegio dei Savi wetterte am 20. März 1516 Zaccaria Dolfin gegen die Juden. Sie seien ein Fremdkörper und gehörten separiert. Sonst könne man für nichts garantieren.

Dolfin war der Mann, der für die Finanzen der Stadt zuständig war. Seine Tirade hatte Erfolg. Der Doge Loredano lenkte ein, nahm den Vorschlag auf, und so ordnete der Senat der Stadt eine Woche später die Einrichtung eines jüdischen Bezirks auf dem Gelände der ehemaligen Festung an. Dergleichen hatte es schon immer mal wieder gegeben. Aber jetzt war die Sache auch auf ihren Begriff gebracht worden.

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