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28. Januar 2016

Jüdisches Museum: „Es gibt ein Unwohlsein“

 Von 
„Museen sind in erster Linie Gedächtnisorganisationen“, so Mirjam Wenzel.  Foto: christoph boeckheler*

Mirjam Wenzel, die neue Leiterin des Jüdischen Museums in Frankfurt, spricht im Interview mit der FR über Antisemitismus und die Aufgaben von Museen als Gedächtnisorganisation.

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Frau Wenzel, Sie sind seit dem 1. Januar Direktorin des Jüdischen Museums in Frankfurt. Sie vermeiden aber das Wort Museum und sprechen stattdessen von einem Zentrum der jüdischen Kultur und Geschichte.
In der ersten Presseerklärung nach meiner Wahl zur Direktorin durch den Magistrat habe ich den Ausdruck „Zentrum für jüdische Kultur in Geschichte und Gegenwart“ verwendet, um das Zusammenspiel der beiden grundlegend neu gestalteten Häuser, des Museums Judengasse und des um einen Neubau erweiterten Jüdischen Museums, mit den zukünftigen Online-Aktivitäten zu betonen. Ich möchte gerne das zukünftige neue Jüdische Museum von Vorstellungen befreien, die mit dem pejorativen Ausdruck des Musealen verbunden sind. Ich verstehe das Museum als einen sozialen Ort, an dem man sich von den gezeigten Dingen inspirieren lässt, miteinander diskutiert und zum Nachdenken angeregt wird.

Sie beziehen aber auch politisch Stellung. Bei der ersten von Ihnen verantworteten Veranstaltung ging es um die Sicherheit der Juden in Deutschland heute, ein sehr politisches Thema.
Die Podiumsdiskussion mit Herrn Professor Korn und Herrn de Maizière wurde vor langer Zeit von Seiten unseres Förderkreises geplant. Sie bezog nicht etwa Stellung, sondern bot ein Forum der Reflexion über dieses aktuelle Thema an. Das Jüdische Museum hingegen hat eine andere Aufgabe. Jüdische Museen in Deutschland wurden mit dem Auftrag gegründet, die Zeugnisse jüdischen Lebens aus der Zeit vor dem Holocaust zu sammeln, zu bewahren und zu zeigen. Dieser Auftrag bezieht sich auf die kulturhistorische Tradition des deutschen Judentums, die von der nationalsozialistischen Herrschaft gewaltsam beendet wurde. In den letzten beiden Jahrzehnten hat dieser Auftrag nun einen anderen Charakter bekommen: Durch die Einwanderung von russischen Juden und zunehmend auch von Israelis nach Deutschland haben wir hier heute ein reiches, plurales jüdisches Leben. Das muss sich auch in unserer Arbeit widerspiegeln. Die Gegenwart ist auch gekennzeichnet von vielen Spannungen. Juden fühlen sich oftmals in einer prekären Lage und sind ständig konfrontiert mit Fragen, die mit Diversität und der Relevanz von Religion zu tun haben.

Einige Juden in Deutschland sprechen darüber, das Land zu verlassen wegen des neuen Antisemitismus.
Es gab in Deutschland nach 1945 eigentlich immer Juden, die sich hier unsicher fühlten. Das ist historisch gar nicht anders denkbar. Sicher hat sich dieses Gefühl durch die Vorfälle im Sommer 2014 bei einigen revitalisiert. In Frankreich ist die Angst allerdings sehr viel virulenter.

Zur Person

Mirjam Wenzel, 43, führt seit dem 1. Januar das Jüdische Museum in Frankfurt. Die Literaturwissenschaftlerin leitete zuvor die Medienabteilung des Jüdischen Museums in Berlin, dabei ging es ihr vor allem um den Internetauftritt des Hauses, den sie erneuerte. Sie kuratierte ebenfalls zahlreiche Ausstellungen.

Eine Direktorin ohne Haus ist Wenzel derzeit. Denn das 1988 eröffnete Jüdische Museum im Rothschildpalais wird von Grund auf saniert und erhält einen Erweiterungsbau nach dem Entwurf des Berliner Büros Staab Architekten.

Ein Konzept für eine neue Dauerausstellung des Museums erarbeitet Wenzel derzeit mit ihrem Team. Das Haus soll 2018 wieder eröffnet werden. Auf 1500 Quadratmetern Fläche soll dabei unter anderem die Geschichte bedeutender jüdischer Familien erzählt werden.

Der Nachlass der Familie von Anne Frank wurde vor kurzem dem Jüdischen Museum überlassen. Er soll in der neuen Dauerausstellung zum Teil präsentiert werden. (jg)

Dort verlassen bereits Juden das Land.
Aus Frankreich sollen im letzten Jahr schätzungsweise 8000 Juden nach Israel emigriert sein.

Eine vergleichbare Auswanderungsbewegung gibt es in Deutschland nicht.
Es gibt keine vergleichbare Bewegung. Es gibt aber in Deutschland sehr wohl ein Unwohlsein. Und es wird eine Diskussion darüber geführt, inwieweit mit dem Zustrom von Flüchtlingen auch der Nahostkonflikt nach Deutschland importiert wird.

Glauben Sie an diesen Import?
Das ist doch keine Glaubensfrage. Die Demonstrationen im Sommer 2014 haben gezeigt, dass es eine Korrelation zwischen der Situation im Nahen Osten und der Wahrnehmung von Juden in Deutschland gibt. Es ist ein globales Phänomen, dass der im Nahen Osten verbreitete Hass gegen Israel sich mittlerweile auch andernorts in judenfeindlichen Äußerungen oder gar tätlichen Angriffen auf Juden zeigt. Hinzu kommt, dass europaweit ein Erstarken rechter nationalistischer Bewegungen zu beobachten ist, die ebenfalls antisemitische und rassistische Vorstellungen artikulieren. Im Windschatten dieser Bewegungen kommt es auch in der Mitte der deutschen Gesellschaft zu Äußerungen über Israel im Besonderen und über Juden im Allgemeinen, die sehr problematisch sind.

Die jüngste bundesweite Meinungsumfrage in Deutschland zeigt 10 Prozent für die rechtspopulistische Alternative für Deutschland, in Sachsen erreicht sie mehr als 20 Prozent. Fühlen Sie sich da herausgefordert, Stellung zu beziehen? Werden Sie das tun, etwa mit Veranstaltungen?
Ein Museum ist ein Ort der Reflexion über die Gegenwart. Tagespolitik fließt gewiss in die Arbeit mit hinein, etwa durch die Fragen der Besucher. Im Unterschied zu einer politischen Stiftung oder bestimmten Orten der Erwachsenenbildung aber ist ein Museum keine Einrichtung, deren Aufgabe darin besteht, Stellung zu tagespolitischen Fragen zu beziehen.

Aber ein Ort der Aufklärung und der Bildung?
Natürlich, und das, wie bereits gesagt, in historischer Perspektive, denn Museen sind in erster Linie Gedächtnisorganisationen, die Kulturgüter sammeln, bewahren, zugänglich machen und in Ausstellungen so interpretieren, dass sie für die Gegenwart interessant sind. Für Jüdische Museen in Deutschland haben die interessanten politischen Fragen gegenwärtig mit Migration zu tun bzw. mit dem Wandel der deutschen Gesellschaft in eine Einwanderungsgesellschaft und dem, was man als Postsäkularität bezeichnet, einer Rückbesinnung auf religiöse Traditionen als Fundament von ethischen Werten und alltäglichen Handlungen.

Wie werden Sie Ihr Haus da einbringen?
Neben Veranstaltungen, einem Bildungsprogramm für Kinder, Schüler und Erwachsene, Publikationen und digitalen Angeboten konzentriert sich die Arbeit eines Museums auf Ausstellungen. Insofern müssen sich die bereits erwähnten Fragen auch im Ausstellungsprogramm des Jüdischen Museums widerspiegeln. Dieses ist allerdings im Moment noch Zukunftsmusik. Nichtsdestotrotz gibt es bereits erste Planungen für Ausstellungen in den neuen Räumen des wieder eröffneten Museums im Jahr 2018. Vor dem Hintergrund des Wiedererstarkens von Religion denke ich etwa über eine Ausstellung zur Kulturgeschichte des Märtyrers nach. Der Begriff spielt in der jüdischen Kultur der Gegenwart keine bedeutende Rolle, war aber in der Antike und im Mittelalter relevant. So galten etwa diejenigen als Märtyrer, die die Festung Masada im „jüdischen Krieg“ gegen die Römer im Jahr 73/74 nach unserer Zeitrechnung verteidigten und sich laut Josephus Flavius selbst umbrachten, als die Eroberung bevorstand. Angesichts solcher und anderer Bespiele steht dann die Frage im Raum, worum geht es heute bei den Märtyrern im Islam?

Das Jüdische Museum in Frankfurt.  Foto: imago stock&people

Eine Terrorbewegung wie der Islamische Staat behauptet, in seinen Reihen gebe es Märtyrer.
Das sind die Bilder und Geschichten, an die man denkt, wenn man heute das Wort Märtyrer hört. Vor dem Hintergrund dieser Bilder im Kopf interessiert es mich, den Blick auf die jüdische Kulturgeschichte des Märtyrers zu richten und auch den Märtyrer-Begriff des Christentums zu thematisieren. Eine solche historisch informierte Perspektive ist das, was ein Museum gegenüber aktuellen Phänomenen ins Spiel bringen kann.

Das ist eine Veränderung gegenüber dem bisherigen Selbstverständnis des Jüdischen Museums. Fühlen Sie sich in diesem Vorgehen von Ihrem Dienstherrn, der Stadt Frankfurt, unterstützt?
Ich habe meine Vorstellungen über das Profil des zukünftigen Jüdischen Museums vor meinem Dienstantritt ausführlich mit dem Kulturdezernenten Herrn Professor Semmelroth besprochen und auch dem Magistrat dargelegt. Im Übrigen meine ich, dass die Veränderungen des Museumsprogramms weniger groß sind, als Sie denken. Mein Vorgänger Professor Raphael Gross hat ja bereits viele Ausstellungen gemacht, die sich kontroversen Themen zuwendeten. Die gezeigt haben, wie spannungsreich das deutsch-jüdische Beziehungsgeflecht der Nachkriegszeit war. Ich werde die Arbeit von Gross fortführen, nur mit einer Akzentverschiebung hin zu kulturgeschichtlichen und religionsphilosophischen Fragen. Bislang hat die Stadt die Arbeit dieses Museums auf hervorragende Art und Weise unterstützt und ich baue darauf, dass sie dies auch in Zukunft tun wird.

Wie wichtig ist da die Unterstützung des Zentralrates der Juden in Deutschland?
Das Jüdische Museum ist eine Einrichtung der Stadt Frankfurt. Also unabhängig vom Zentralrat der Juden und der Jüdischen Gemeinde. Man kann aber ein Jüdisches Museum nicht als einen lebendigen Ort gestalten, wenn man nicht einen engen und guten Kontakt zur Jüdischen Gemeinde hat.

Das Bild der Juden, gerade hier in Frankfurt, ist stets geprägt worden von einigen namhaften Familien wie etwa den Rothschilds oder den Franks. Sie wollen in Ihrer neuen Dauerausstellung dagegen auch an jüdische Familien erinnern, die für einen anderen Teil des Spektrums stehen, etwa die Sengers....
....das war eine Familie, in der es auch Kommunisten gab. Das öffentliche Interesse an den Rothschilds und den Franks ist keines, was das Jüdische Museum erzeugt oder befördert hat. Die Geschichte der Familie Rothschild ist für das Museum auch und vor allem deshalb von Bedeutung, weil es sich in einem Haus befindet, das früher der Familie gehörte, dem Rothschild-Palais. Aber natürlich spielte sich jüdisches Leben in allen Gesellschaftsschichten ab, nicht nur unter den Reichen und Einflussreichen...

...aber um die ging es bisher vor allem.
Diese Wahrnehmung ist Teil einer antisemitischen Vorurteils-Struktur: Dass Juden besonders viel Geld und Einfluss haben.

Sie arbeiten künftig im Museum mit dem Nachlass der Familie Frank.
Die Dokumente wurden inzwischen vollständig nach Frankfurt überführt ebenso wie die Alltags-Objekte. Beides wird in der Dauerausstellung in Auswahl zu sehen sein. In einem eigenen Raum. Wir arbeiten auch den Briefwechsel auf. Dieser wird in Zukunft in der neu gestalteten Bibliothek der Forschung zugänglich gemacht.

Wird es auch Veröffentlichungen dazu geben?
Zurzeit wird eine historisch-kritische Edition des Tagebuches von Anne Frank vorbereitet, in beiden Fassungen A und B, die unter anderem von Raphael Gross mitherausgegeben wird. Diese Edition soll im Jahr 2017 erscheinen.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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