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28. Oktober 2014

Jüdisches Museum Warschau: Mehr als nur Nachbarn

 Von Jan Opielka
Die neue Dauerstellung in dem Museum spannt einen großen Bogen und beginnt im Mittelalter.  Foto: Reuters

Warschaus Museum der Geschichte polnischer Juden öffnet die große Dauerausstellung. Für das jüdische Leben im Land ist das ein Signal.

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„Es war höchste Zeit, dass die Ausstellung fertig wird“, sagt Alina Cala. Die Historikerin forscht seit Jahrzehnten zur Geschichte polnischer Juden. Das Museum, das die am Dienstag eröffnete Dauerausstellung beherbergt, ist seit über 20 Jahren in Planung gewesen. Federführend war die gemeinnützige Gesellschaft Jüdisches Historisches Institut, bei der die 61-Jährige Vorstandsmitglied ist. „Man kann sich die Ausstellung auch spielerisch erschließen, ausgenommen natürlich den Holocaust.“ Denn Ausstellungskonzept sei auch, einen Kontrapunkt vor allem für israelische Besucher zu bieten, die bislang nur die ehemaligen Konzentrationslager besuchten.

Bereits der erste Gast der Dauerausstellung kam aus Israel. Staatspräsident Reuven Rivlin eröffnete am Dienstag gemeinsam mit seinem polnischen Amtskollegen Bronislaw Komorowski die Schau, die auf über 4000 Quadratmetern und in acht thematischen Galerien die Geschichte der Juden in Polen beleuchtet. Das Museum ist bereits seit April 2013 geöffnet, rund 400 000 Besucher haben sich die bisherigen temporären Ausstellungen angesehen.

Die mehr als 30 Millionen Euro teure Dauerausstellung finanzierten Geldgeber aus dem In- und Ausland, die Baukosten des Museums von knapp 45 Millionen Euro übernahmen das polnische Kultusministerium und die Stadt Warschau.

Das moderne Museumsgebäude steht auf dem Gebiet des ehemaligen Warschauer Ghettos, direkt gegenüber dem Denkmal der Helden des Ghettoaufstands von 1943, bei dem Bundeskanzler Willy Brandt 1970 niedergekniet war. Es ist ein imposanter Bau, im Innern ausgestaltet mit multimedialen Galerien, kunstvoll verzierten Deckenkonstruktionen, einer originalgetreuen Replik einer hölzernen Synagoge aus dem 17. Jahrhundert.

Blick in eine aus historischen Materialien nachgebaute Synagoge.  Foto: REUTERS

„Die Ausstellung erfüllt ihren Zweck, sie ist vor allem für Jugendliche und ausländische Besucher gemacht“, sagt Artur Hofman, Vorsitzender der landesweit aktiven Sozialkulturellen Gesellschaft der Juden (TSKZ) aus Warschau. Etwas zu wenig akzentuiert sei die Zeit nach dem Krieg, sagt er. Dies, räumt der 55-Jährige ein, sei aber wohl die Perspektive eines Zeitgenossen, der die letzten Jahrzehnte bewusst und aktiv miterlebt habe.

Tatsächlich hat das Museum einen größeren Anspruch, als die schon in sich komplexe Nachkriegsgeschichte umfassend zu beleuchten. Die Dauerausstellung spannt einen großen Bogen und beginnt im Mittelalter, als die ersten Juden wegen ihrer Vertreibung etwa aus deutschen Gebieten Zuflucht im damals toleranten polnischen Königreich fanden. Sie thematisiert die Rolle der Juden im feudalen System des Königreichs, als wichtige Akteure beim entstehenden Kapitalismus seit dem 19. Jahrhundert, und auch bei der Wiederentstehung des polnischen Staates 1918, für die auch Juden gekämpft hatten. Selbstverständlich wird auch der Holocaust beleuchtet. „Wir haben aber die moralische Verpflichtung, nicht nur zu erinnern, wie Juden starben, sondern auch, wie sie lebten“, sagt Barbara Kirshenblatt-Gimblett, Programmdirektorin des Museums.

So ist auch der offizielle Name des Museums – „Polin“ – an die jiddischen Bezeichnung des Landes an der Weichsel angelehnt: „Verweile hier“. Die Interpretation wird dem bedeutenden Rabbiner Moses Isserles zugerechnet. „In diesem Land“, schrieb Moses Isserles im 16. Jahrhundert, „gibt es keinen verbissenen Hass gegen uns.“

Noch in der Zwischenkriegszeit bis 1939 war Polen die Heimat für fast 3,5 Millionen Juden, in vielen Städten machten sie ein Drittel der Bevölkerung aus, in Warschau waren es im Jahr 1939 über 350 000 Personen. Etwa 250 000 polnische Juden hatten den Holocaust überlebt, doch Pogrome wie das in Kielce im Jahr 1946 und die antizionistische Politik im kommunistischen Ostblock trieb die meisten von ihnen aus dem Land. Den traurigen Höhepunkt bildete das Jahr 1968, als in einer Gegenreaktion auf Studentenproteste die kommunistische Führung in polnischen Juden den Sündenbock fand.

Besetztes Warschau: In der „Holocaust“-Galerie.  Foto: dpa

Denn im einstmals toleranten Polen war längst ein spezifisch gefärbter Antisemitismus etabliert, auf den die kommunistischen Machthaber bei ihrer Hetze zurückgreifen konnten. „Der Unterschied zu Deutschland“, sagt Historikerin Cala, „war und ist der große Einfluss der katholischen Kirche.“ Sie sei, anders als in der Bundesrepublik, Träger xenophober Einstellungen. Cala veröffentlichte 2012 das kontrovers diskutierte Buch „Der Jude – ewiger Feind“. Der Antisemitismus der Kirche, sagt sie, äußere sich etwa im klerikalen Radiosender Maryja, der jedoch unabhängig von der Amtskirche sendet.

Die katholische Amtskirche in Polen hatte ihrerseits bereits 1986 eine Kommission für den Dialog mit dem Judaismus und 1991 den Polnischen Rat der Christen und Juden ins Leben gerufen. Auch war es der 2010 verunglückte Präsident Lech Kaczynski von der kirchennahen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), der den Bau des Jüdischen Museums entscheidend vorantrieb. Und durch symbolische Gesten die jüdischen Gemeinden aufzuwerten suchte. Heute sind die rund 7000 Juden in Polen hauptsächlich in zwei großen Verbänden organisiert, der säkularen TSKZ sowie dem 1993 wiedergegründeten Verband der Jüdischen Konfessionsgemeinden. Jüdische Zeitschriften schreiben über den polnisch-jüdischen Alltag, etliche Rabbiner wirken inzwischen nicht nur in Warschau, sondern auch in Krakau oder dem oberschlesischen Katowice. Artur Hofman berichtet von Rückkehrern aus der einst erzwungenen Emigration, vom wachsenden Interesse der Polen am jüdischen Erbe des Landes. Und davon, dass der Antisemitismus eigentlich kein Thema mehr sei. „Vor dem Hintergrund von Westeuropa sticht Polen heute positiv hervor“, sagt er.

Das sieht Historikerin Cala differenzierter. Die polnische Gesellschaft sei offener geworden, doch der Staat benachteilige jüdische Gemeinden und andere konfessionelle Minderheiten etwa bei der Rückgabe von Immobilien. Zudem drohe dem Jüdischen Historischen Institut die Schließung, paradoxerweise wegen des neuen Museums, wie sie sagt. „Das neue Museum ist politisch sexy, wozu braucht man da zwei Institutionen, so die Ansicht.“

Bis auf weiteres jedoch dürften nicht etwaige Schließungspläne, sondern die neue Dauerausstellung die Aufmerksamkeit auf sich lenken. „Polin“, schreibt der Publizist Roman Pawlowski, „ist ein Ort, an den man zurückkehren möchte“.

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