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15. August 2012

Jugendgewalt in französischer Vorstadt: Der Zorn der Jugend

 Von Christian Siepmann
Ein ausgebranntes Auto in Amiens nach den Straßenschlachten zwischen Polizei und Jugendlichen – Auslöser der Unruhen war die Kontrolle eines Falschfahrers. dpa 

Willkür, Rassismus und Gewalt: In dieser Manier handeln die Beamten der Spezialeinheit „Brigade Anticriminalité“ (BAC). Der französische Anthropologe Didier Fassin macht dies für die Wut auf die Polizei in französischen Vorstädten verantwortlich.

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In Amiens ist die Ruhe erst einmal zurück. 250 zusätzliche Polizisten, Wasserwerfer und ein Hubschrauber sollen sie sichern, nachdem sich von Montag auf Dienstag in den nördlichen Vierteln der Großstadt in der Picardie rund hundert Jugendlichen und die Polizei eine ganze Nacht lang bekriegt hatten. 16 Beamte wurden verletzt, am Dienstag besuchte der französische Innenminister Manuel Valls den Ort und beeilte sich – nachdem er die Beschimpfungen von Anwohnern überstanden hatte – die Botschaft vom starken Staat auszusenden.

Der Auslöser des Zorns der jugendlichen Straßenkämpfer war ein Polizeieinsatz am Sonntag. Beamte der Spezialeinheit „Brigade Anticriminalité“ (BAC) hatten einen Fahrer gestoppt, der eine Einbahnstraße in entgegengesetzter Richtung befahren hatte – an einer Stelle, die als sozialer Brennpunkt bekannt ist, und wo an diesem Tag zudem eine Familie um einen Sohn trauerte, der bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen war. Der offenbar harte Polizeieinsatz soll Behördenangaben zufolge die Trauergemeinde so erbost haben, dass aus diesem Konflikt der Beginn der Straßenschlachten wurde.

Die Verkettung der Umstände erscheint erst einmal nur unglücklich, die Wut der Jugendlichen kaum nachvollziehbar. Weniger unglücklich und besser nachvollziehbar werden die Vorkommnisse von Amiens, wenn man sie als ein weiteres Beispiel einer verfehlten Innenpolitik versteht, die der an der Princeton-Universität lehrende französische Anthropologe Didier Fassin in seinem Buch „La force de l’ordre“ („Die Sicherheitskraft“) diagnostiziert.

"Postkoloniale" Situation in Vorstädten

In einem einzigartigen Forschungsprojekt hat Fassin 15 Monate lang Polizisten in einer Pariser Vorstadtsiedlung begleitet, und zwar insbesondere Beamte jener BAC. Es handelt sich dabei um eine Truppe, die in den 1990er-Jahren speziell für den Vorstadt-Einsatz geschaffen wurde und nach eigenem Verständnis besonders hart durchgreift. Als Fassins Buch 2011 erschien, schockte es Frankreich, denn seine Analyse war vernichtend.

Ihr zufolge hat die BAC in den Vorstädten den Ausnahmezustand verewigt. Sie ist eine Polizei, die sich im Krieg wähnt. Die Einheit, die Fassin beobachtet hat, wendet dabei diskriminierende Praktiken jeder Art an. Ihre Angehörigen sind gewalttätig und häufig rechtsextrem. Dabei ist die BAC völlig ineffektiv im Kampf gegen Kriminalität. „Postkolonial“ ist Fassin zufolge die Situation der Vorstädte, wie sie auch die Nordviertel von Amiens bilden. An den Rändern der Ballungsräume konzentriert sich hier – als Ergebnis verfehlter Politik – eine Bevölkerung, die deutlich ärmer als der Durchschnittsfranzose ist und deutlich farbiger, denn die meisten Bewohner gehören einer ethnischen Minderheit an. Seit 20 Jahren verbindet der politische Diskurs die Vorstadt und ihre Bewohner mit Kriminalität – zu Unrecht, wie Fassin mit Statistiken belegt. Deren Repression soll mit der BAC eine Polizei übernehmen, die fast ausschließlich aus weißen Männern besteht, aufgewachsen zumeist in Dörfern. Ihnen wird bereits in ihrer Ausbildung die Vorstadt als „Dschungel“ und ihre Bewohner als „Wilde“ präsentiert.

Lächerlichkeit und Grausamkeit

Spezialpolizisten sind diese Männer geworden, weil sie „Diebe und Schurken“ fangen wollten – ihr Alltag aber ist Langeweile. Untersuchungen haben seit den 60er Jahren gezeigt, dass ihr zielloses Umherstreifen in Zivil keine wirksame Polizeiarbeit ist. Weil Politiker aber Erfolgszahlen fordern, erfüllen die verhinderten Helden ihr Verhaftungssoll, indem sie auf dem nächsten Bahnhof nach Ausländern ohne Aufenthaltserlaubnis suchen oder Jugendliche nach Drogen filzen. Die häufigen willkürlichen – und illegalen – Personenkontrollen durch die Ordnungskräfte dienen Fassin zufolge nicht der Kriminalitätsbekämpfung, sondern der sozialen Unterordnung der Kontrollierten.

Lächerlichkeit und Grausamkeit wechseln sich dabei ab. Im März 2007 ist Fassin dabei, als Polizisten einem Hubschrauber halsbrecherisch hinterherjagen, der ihrer Überzeugung nach einer Gefängnisflucht dient – um dann festzustellen, dass es sich um den örtlichen Rettungshubschrauber handelt. Ebenso anschaulich schildert er, wie die Polizisten einen dunkelhäutigen 15-Jährigen auf dem Schulweg rassistisch provozieren, um ihn durchsuchen und verhaften zu können. „Sie mögen uns nicht, diese Bastarde. Aber wir mögen sie auch nicht“, beschreibt ein Beamter seine Weltsicht. Opposition dagegen gibt es in der Truppe nicht.

Keine Unterschiede

Fassins Buch hat die Republik der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit getroffen. „Die Unordnungs-Kraft“ titelte Libération, „Was nur tut die Polizei?“ Le Monde. Frankreich diskutierte. Im Netz debattierten die Bürger. Soziologen würdigten Fassins Mühen, bemängeln aber Verallgemeinerungen. Fassin selbst antwortete in Meinungsartikeln.

Sein wichtigstes Ziel hatte er so erreicht, nämlich „dass sich endlich eine längst überfällig Debatte in der französischen Gesellschaft entwickelt“. Sein Antrieb war auch ein persönlicher: Zehn Jahre Kindheit verbrachte der Princeton-Professor in einer Vorstadt der 1960er – an Unsicherheit und Exklusion könne er sich nicht erinnern, schreibt er.

Der sozialistische Innenminister Valls hat sich bei seinem Amiens-Besuch nun zwar von der Innenpolitik der konservativen Vorgängerregierung Nicolas Sarkozys distanziert: Er sei nicht gekommen, „um das Viertel mit dem Kärcher zu reinigen“, sagte er. Die Methode, eine ganze Siedlung mit dem Hochdruckreiniger zu bearbeiten, hatte Sarkozy 2005 noch als Innenminister in einer Pariser Vorstadt angekündigt.

Fassins Analyse aber ist pessimistisch zu verstehen: Sie erkennt keine Unterschiede in der Innenpolitik der vergangenen 20 Jahre, egal ob Konservative oder Sozialisten sie verantworteten. Beide vermuteten in den Hochhaussiedlungen generell und zu Unrecht eine blühende Kriminalität, die die Polizei mit besonderer Härte bekämpfen müsse.

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