Zunächst einmal herrschte eine große Sprachverwirrung, die sich als Leitmotiv durch den gesamten Abend ziehen sollte. Das ist auch nicht weiter erstaunlich: Junot Díaz ist in der Dominikanischen Republik geboren, lebt aber seit seinem sechsten Lebensjahr in den USA. Im Alltag spricht er Spanisch; seine Bücher verfasst er auf Englisch.
Konnte man es da seinem Moderator und Lektor Hans-Jürgen Balmes verdenken, dass auch er in den Sprachen hin- und hersprang, zwischen Englisch und Deutsch (das wiederum für den Autor übersetzt wurde, in welche Sprache auch immer). Das nennt man Migrantenschicksal.
Und um ein solches geht es auch in Díaz' Roman "Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao", für das der 1968 geborene Schriftsteller im vergangenen Jahr den Pulitzer-Preis erhielt, als erster Amerikaner lateinamerikanischer Herkunft. Da lag es nahe, Díaz in Frankfurt (in Kooperation mit dem Literaturhaus) in das noch junge Instituto Cervantes einzuladen, das ironischerweise zuvor Amerikahaus hieß. Ein höchst passender Ort also. "Eine epische Maschine" nannte Hans-Jürgen Balmes den Roman; ein Werk, das die unterschiedlichsten literarischen Einflüsse in sich trage, vom Comic über Science Fiction bis hin zu Tolkien und dem Ritterroman.
Die Schauspielerin Jasmin Tabatabai las eine deutsche Passage, in der der übergewichtige Held Oscar in einem College-Vorbereitungskurs auf eine lateinamerikanische Schönheit trifft und in Liebe entflammt. Doch beim ersten Kinobesuch kommt er vor Schüchternheit noch nicht einmal dazu, ihr das Halstuch auszuziehen, geschweige denn mehr, was seiner Schwester Hohngelächter entlockt. Überhaupt: die Frauen. Sie spielen eine erhebliche Rolle. Wie Díaz selbst, wächst auch sein Held in einem reinen Frauenhaushalt auf. Das prägt. Und es ist alles ganz lustig. Mehr aber auch nicht. Immer wieder, so Balmes, käme Díaz' Roman an einen Wendepunkt, an dem die Komik in Tragik umschlage. Der Titel des Buches legt das nahe, und auch der Autor erzählte, dass es Oscars Tod sei, der die Familie dazu bewege, ihr Schweigen zu brechen.
Von Tragik konnte jedoch an diesem Abend keine Rede sein - lag es am daueraufgekratzten Tonfall der Vorleserin? Oder an der Auswahl der Passagen? Während einer Reise nach Santo Domingo verliebt Oscar sich erneut - in eine ehemalige Prostituierte, die wesentlich älter ist als er. Auch hier nur heitere Folklore und putzige Szenen. Von der Komplexität der Identitätsproblematik, die im Gespräch zwischen Díaz und Balmes anklang, war wenig zu spüren.
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