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13. März 2013

Kapitalismus: Der Abschied ist bitter notwendig

 Von Artur Becker
In der Masse wurde das Erhabene zum Profanen: Public Viewing auf der Seebühne von Bregenz während der Fußballeuropameisterschaft 2008.  Foto: Getty Images/Johannes Simon

Können wir uns eine Welt vorstellen, in der Politiker kein Geld verdienen und Großkonzerne ihre Gewinne der Allgemeinheit geben? Schriftsteller Artur Becker über die schwere Geburt einer neuen Epoche.

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Können wir uns eine Welt vorstellen, in der Politiker kein Geld verdienen und Großkonzerne ihre Gewinne der Allgemeinheit geben? Schriftsteller Artur Becker über die schwere Geburt einer neuen Epoche.

In unserer Übergangszeit, am Anfang des 21. Jahrhunderts, fällt auf, dass wir die Lösbarkeit der meisten Probleme, die wir in der Politik, Wirtschaft und Kultur haben, in erster Linie von den finanziellen Mitteln abhängig machen, die einem in einer bestimmten Situation zur Verfügung stehen. Der Satz „Das rechnet sich nicht!“ wird schnell zum Todesurteil, möge auch ein bestimmtes Projekt noch so genial sein.

Zur Person

Artur Becker, 1968 geboren als Sohn polnisch-deutscher Eltern in Bartoszyce (Bartenstein, Masuren), lebt seit 1985 in Deutschland. Er schreibt Romane, Erzählungen, Gedichte, Aufsätze und ist auch als Übersetzer tätig. Artur Becker ist Mitglied im P.E.N.-Zentrum Deutschland und im Exil-P.E.N.-Club sowie im Verband deutscher Schriftsteller (VS).


Sein 2010 bei weissbooks in Frankfurt erschienener Roman „Der Lippenstift meiner Mutter“ ist jetzt auch als Taschenbuch erhältlich.

Die alte Leier kennt jeder: Der böse Kapitalismus sei schuld, lautet dann meist die Antwort der Enttäuschten, Gescheiterten und Verlierer. Wenn also ein bekannter und umstrittener Politiker, ein Querdenker in seiner eigenen, allgemein als konservativ geltenden Partei und ein schwieriger Gesprächspartner für seine Feinde, behauptet, dass der Kapitalismus keine Zukunft mehr habe und eine Revolution notwendig sei, so ist das nur die halbe Wahrheit, hinter der sich eine romantische Sehnsucht verbirgt.

Eschatologische Religionen wie das Christentum oder laizis-tische Erlösungslehren wie beispielsweise der Marxismus besit-zen zwar ein erhabenes utopisches Ziel, aber dessen Realisierung scheitert an der Dialektik unseres irdischen Daseins, an der Trennung zwischen dem Leben und dem Tod, dem Irdischen und dem Himmlischen, dem Rationalen und dem Irrationalen. Dieses Schisma stellt zumindest für die breite Masse eine Hürde dar, die unüberwindbar zu sein scheint.

Am Horizont keine Verlockung

Wie soll denn der Kapitalismus, eingeflochten in demokratische Gesetze und Strukturen sowie in gescheiterte religiöse oder laizistische Eschatologien, abgeschafft werden, wenn es am Horizont keine verlockenden Glaubenssysteme mehr zu sehen gibt?

Revolutionen der Massen sind meistens blutig und entstehen aus der Not heraus, wenn Hunger, Versklavung, Beraubung der Meinungsfreiheit keine Zukunftsperspektiven mehr geben, während geistige, bewusstseinserweiternde und technische Revolutionen zunächst einmal im Stillen und Verborgenen aufkeimen und in der Berührung mit der Masse oft ihren Zauber einbüßen. Wo findet sich also ein Glaubenssystem, möge es auch laizistische Grundlagen haben, das mit all den genannten Widersprüchen fertig wird?

Ein uneigennütziges Denken im Dienste für seine Nächsten, und zwar bei jedem Individuum und Mitglied eines organisierten Kollektivs, wäre die Grundvoraussetzung für die Schaffung einer utopischen Gesellschaft, die nicht nur nach einem materiellen, sondern vor allem nach einem geistigen Wohlstand streben würde. Können wir uns also eine Welt vorstellen, in der Politiker und Prominente kein Geld verdienen und die Großkonzerne ihre Gewinne überwiegend der Allgemeinheit zur Verfügung stellen?

Um solch eine Utopie zu realisieren, müsste das menschliche Bewusstsein wahrlich eine Revolution erleben: Es müsste ein kosmisches Bewusstsein werden, das gänzlich andere Ziele verfolgen würde als bisher. Die kühnsten Träume und Visionen der Mystiker, von denen Dichter, Künstler, Philosophen und Wissenschaftler schwärmen, würden dann in den Dienst der Allgemeinheit gestellt werden, damit eine spirituelle Gesellschaft entstehen könnte. Der Kapitalismus hätte nach solch einer Revolution schlechte Karten, weil er ganz einfach als eine veraltete Form des kreativen Ausdrucks des egozentrischen Menschen angesehen werden würde: Wozu nach einem ptolemäischen Weltbild leben, wenn jedes Kind längst von der kopernikanischen Wende erfahren hat?

Der russische Philosoph Nikolai Alexandrowitsch Berdjajew (1874 – 1948) behauptete in seinen Schriften, dass die Menschheit schon seit Langem in einer Übergangsphase von einem ma-teriellen in ein geistiges Zeitalter lebe. Solch eine Zeit des Übergangs birgt in sich eine große Chance und gehört zum Aufregendsten, was ein Individuum in einem Kollektiv erleben kann. Es ist auch klar, dass in dieser Übergangsphase falsche Propheten nicht schlafen, im Gegenteil, sie werden erst richtig lebendig und aktiv. So schrieb Wladimir Sergejewitsch Solowjow (1853 – 1900), ein anderer russischer Denker, bereits 1900 in seiner berühmten „Kurzen Erzählung vom Antichrist“, dass in der sogenannten Endzeit endlich der wahre Christus erscheinen werde, ein Wohltäter, der alle Krankheiten, den Hunger und die Armut besiegen werde. Dass dann auch noch ein weltweiter Frieden herrschen werde, in einer vereinigten Welt und unter einer einzigen Regierung, versteht sich von selbst.

Kommunismus - Himmel auf Erden?

Den Himmel auf Erden zu schaffen, war auch eine der wichtigsten eschatologischen Aufgaben des Kommunismus, das hatte schon Dostojewski in seinem Roman „Die Brüder Karamasow“ ausreichend kritisch thematisiert und Berdjajew für seine philosophischen Schriften über die Dialektik unserer Existenz exzellenten Stoff geliefert.

Berdjajew hat in seinem Werk den messianischen Charakter des Christentums und des Marxismus genau unter die Lupe genommen. Er schreibt von dem ewigen Konflikt zwischen der Masse, „dem Großen Tier“ bei Platon, und einer utopischen Erlösungslehre, auch wenn er optimistisch ist: „Es ist richtig“, heißt es in seinem Buch „Existenzielle Dialektik des Göttlichen und des Menschlichen“ von 1952, „dass die Offenbarung keine soziale Rolle hätte erfüllen, keine bewegende Kraft der Geschichte hätte werden können, wenn man sie nicht objektiviert, d. h. sozialisiert, dem Niveau der Massen angepasst hätte. Man steht da einem Widerspruch gegenüber, der sich in den Grenzen der Erscheinungswelt nicht lösen lässt. Obwohl eine Entstellung des Geistigen, ist die Vergegenständlichung ein Prozess, der zur Verwirklichung des Schicksals der Menschheit und der Welt, für den Fortschritt zum Reich des Geistes notwendig ist.“

Die Entzauberung einer Offenbarungslehre durch die Anpas-sung an Massen, zum Beispiel der Ausverkauf der marxistischen Eschatologie, hat zu einer Vulgarisierung geführt: In der Masse wurde das Erhabene und Ungewöhnliche zum Profanen und Gewöhnlichen, und das Problem der Vulgarisierung der eigenen Erlösungslehre erlebt heute besonders schmerzhaft die katholische Kirche, die mit der Apostasie in den westlichen, wohlhabenden Gesellschaften einfach nicht mehr fertig wird: Für die Masse spielt das intellektuelle und theologische Angebot der kosmischen Erlösungslehre der vatikanischen Kirche keine Rolle mehr.

Dem Alten nicht nachtrauern

In unserer Übergangsphase ist deshalb Mut zum unkonventionellen und systemunabhängigen Denken gefragt, das sich dem Rationalen und Erprobten entgegensetzt und somit Raum für einen Neubeginn schafft. Sämtliche apokalyptische und pessimistische Prognosen dienen letztendlich zur Erhaltung des scheinbar perfekt funktionierenden Systems, weil man Angst vor dem Unbekannten, vor dem Verlust seiner Identität und seines gesellschaftlichen und ökonomischen Ansehens hat.

Wir sollten dem Alten, Vergehenden und Verschwindenden nicht nachtrauern; wir sollten nicht versuchen, dem Sterben geweihte Ideen oder Institutionen künstlich am Leben zu erhalten, um unseren Verstand zu beruhigen und unsere Ängste abzubauen. Wenn ein angesehener Verlag, der fast ein halbes Jahrhundert das intellektuelle Denken eines Landes entscheidend mitgeprägt hat, im Begriff ist, das Zeitliche zu segnen oder eine Metamorphose durchzumachen, werden finanzielle Mittel und deren schöpferisches Potenzial sowie die Klärung der Besitzrechte keine Lösung bringen.

Platz für neue Ideen

Es muss Platz für neue Ideen und neue kreative Geister geschaffen werden, die ein Kind ihrer eigenen Zeit gebären werden. Man kann natürlich auch den Kopf in den Sand stecken und „nach mir die Sintflut“ rufen. Um von wirklich wichtigen Problemen abzulenken, kann man auch die Massen lange Zeit mit dem Ostrazismus beschäftigen, indem man von verschiedenen spektakulären Jagden auf suspekte Doktortitel oder korrupte Politiker berichtet, doch letztendlich geht selbst diese Übergangsphase zu Ende, eine Zeit der Ablenkung und des Starrsinns, aber auch eine Zeit der unerschöpflichen Möglichkeiten und Chancen. Und „dem Wagenden hilft das Glück“, so viel steht fest, auch für die kommende Epoche, deren Geburt wir zur Zeit erleben.

Der Abschied vom 20. Jahrhundert fällt schwer, aber er ist mittlerweile bitter notwendig, und je länger wir diesen schmerz-lichen Abschied hinauszögern, desto schwieriger wird die Geburt der neuen, bereits hier und da sichtbar gewordenen Zeit werden. Viele geistige, kulturgeschichtliche und wirtschaftliche Probleme, mit denen wir uns tagtäglich herumschlagen müssen, resultieren letztendlich daraus, dass wir an vollkommen überalterten Lösungen festhalten, die in Wahrheit für eine apokalyptische und pessimistische Stimmung sorgen. Für unsere Psyche und unsere Zukunftsvisionen ist solch eine Entwicklung gefährlich, da wir uns noch mehr verzetteln und das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, noch stärker verdrängen: Wir wollen ja glücklich sein, selbst wenn wir uns dabei belügen müssen ...

Abschied ist nie einfach

Ein Abschied ist nie einfach, und schon gar nicht von einem Jahrhundert, das so viel Leid über die Völker gebracht hat wie das letzte. Der polnische Dichter Czeslaw Milosz (1911 – 2004) hat in seinem Essayband „Das Land Ulro“ von 1977 verschiedene Überlegungen zu mystischen, eschatologischen, philosophischen und religiösen Themen angestellt, wenn er die Überbetonung des Rationalen in seinem Jahrhundert anprangert und den kalten Verstand auf die Anklagebank schickt. Nietzsches Kritik an der Mitleidsphilosophie des Christentums hielt er für falsch. Der kalte Verstand, der zum Mitleid unfähig ist, kennt nämlich keine Gnade und ist im Namen einer Ideologie zu jedem Verbrechen fähig, wie man es im Falle des Kommunismus oder Nationalsozialismus sehen kann. Milosz’ Aversion gegen die intellektuellen Produkte des positivistischen oder nihilistischen Denkens beruht darauf, dass er kein Bewohner des Landes Ulro mehr sein wollte, eines höllischen Staates in der Symbolik des Dichters William Blake, in dem zwar wunderbare und eloquente Zeitgenossen wohnen, doch mit dem Dasein hadern, weil sie die menschliche Existenz als absurd empfinden.

Der Kapitalismus hat für Zweifler jedweder Art mehr oder weniger eine provisorische Lösung geschaffen: die Ablenkung durch Konsum, Dauerentertainment im Fernsehen, Blockbuster-Kino und Popmusikindustrie. Aber nicht Homo consumens, sondern Homo metaphysicus oder spiritualis müsste eigentlich der Mensch heißen, weil, wie Berdjajew träumt, das Ziel der Menschheit nur eines sein könne der Fortschritt des menschlichen Geistes bzw. das Errichten einer Epoche des Geistes und der Schönheit.

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