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07. Januar 2013

Kapitalismus: Warum wird der Kapitalismus nicht geliebt?

Der US-amerikanische Dollar ist malade, aber vielleicht auf dem Weg der Besserung.  Foto: imago/blickwinkel

Der Wissenschaftshistoriker Werner Plumpe über Krisenerscheinungen, die Zukunft des Euro und Stellvertreterdebatten.

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Zur Person

Werner Plumpe, geboren 1954, lehrt Wirtschaftsgeschichte an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt. Zuletzt erschien von ihm „Wirtschaftskrisen. Geschichte und Gegenwart“ (C.H. Beck Verlag, 2010).

Plumpe vertritt die These, dass der Kapitalismus und der spezifische Wohlstand, den er schafft, ohne Krisen nicht zu haben sind. Ohne Krise gebe es keinen Fortschritt und keine Entwicklung. Dennoch sorge der Kapitalismus besser als jedes andere System dafür, dass überhaupt Wohlstand geschaffen wird.

Herr Plumpe, der Kapitalismus hat den Menschen geholfen, den Wohlstand zu mehren. Dennoch scheint der Mensch den Kapitalismus nicht zu lieben. Warum eigentlich nicht?

Der Kapitalismus ist nun einmal ein „kaltes“ Wirtschaftssystem, das weniger auf die Zustimmung der Menschen selbst als auf die Befriedigung ihrer Konsumchancen zielt. Solange er die Konsumerwartungen erfüllt, ist er unbestritten.

Im Gegensatz hierzu galt der Sozialismus als ein „warmes System“. Er legitimierte sich nicht primär über die Erfüllung von Konsumchancen, sondern über die Realisierung eines politischen Entwurfs – auch wenn er zweifellos die Erfüllung der Konsumchancen für die Zukunft immer versprach. Nur hielt er das nicht ein. Der Kapitalismus ist anders: Solange er die materiellen Bedürfnisse der Menschen einigermaßen befriedigt, kann er auch ohne Zuneigung ganz gut überleben.

Die Kapitalismuskritik hat dennoch zugenommen.

Die jetzige Kritik ist eine Art Stellvertreterdebatte, die geführt wird, um die multiplen Krisenerscheinungen der Gegenwart zu bündeln. Sie werden dem Kapitalismus als solchem angelastet. Die eigentliche Wirtschaftskrise war 2008 und 2009, sie ist folglich überwunden. Wir erleben derzeit eine Krise der Handlungsfähigkeit der Staaten wegen ihrer Überschuldung, die im Rahmen des Euro-Systems dramatische Ausmaße angenommen hat. Es ist im Grunde genommen keine Krise des Kapitalismus, sondern die Krise eines politischen Systems, das sich in seinem Handlungswillen übernommen hat.

Sie kulminiert in der Euro-Krise. Ist der Euro haltbar?

Währungen müssen ihre Funktion erfüllen, mehr nicht. Sie müssen Transaktionen ermöglichen, Sparen zulassen, als Wertmaßstab gelten. Wenn das funktioniert, ist alles in Ordnung. Das Problem ist insofern nicht der Euro, sondern die Euro-Zone, in der wirtschaftlich unterschiedlich leistungsfähige Staaten in einem Währungssystem zusammengebunden sind, dessen Regeln sie folglich ganz unterschiedlich verstehen. Das führt zu größeren Rissen, wenn die Disparitäten zwischen den Ländern größer werden.

Meine Erwartungen an den Bestand dieser Zone sind insofern realistisch. Ich glaube, sie ist überaus instabil; es wird auf jeden Fall sehr teuer, sie länger zu erhalten.

Würde mit dem Zusammenbruch des Euro auch die politische Union Europas zerbrechen?

Warum? Als im Jahr 1972/73 das System von Breton Woods zerfiel und der Dollar seine Rolle als Währungsanker aufgeben musste, sind ja auch die Beziehungen in der Nato oder über den Atlantik hinweg nicht zusammengebrochen. Es ist allerdings schon bezeichnend, wenn versucht wird, mit derartigen Katastrophenszenarien die skeptische Bevölkerung bei der Stange zu halten. Wenn man so argumentiert, erklärt man die europäische Kooperation zu einer Frage der Währungsordnung. Währungsordnungen aber sind technische Regelungen, die entweder funktionieren oder nicht. Wenn nicht, muss man nach besseren Alternativen suchen. Aber dann geht die Welt nicht unter.

Sie sagen, es gibt die eine Krise nicht. Viele Menschen sehen das anders. Befinden wir uns in einer Krisenneurose?

Wir haben eine überbordende, aus dem politischen Komplex herkommende Krisendebatte, die einen ominösen „Finanzmarktkapitalismus“ zum Sündenbock macht und damit ein umfassendes Bedrohungsszenario verbindet. Das hat schon Momente von Schadenzauber.

Es scheint stets eine Korrelation zwischen Krise und Kritik zu geben. Stehen wir vor einer neuen Dimension der Kapitalismus-Kritik?

Das halte ich für unwahrscheinlich, denn die derzeitige Kritik hat ja keine neuen Argumente. Kapitalismuskritik hat derzeit Konjunktur, weil in wirtschaftlich schwierigen Zeiten derartige Stimmen vermeintlich empirisch evident sind und Oberwasser haben. Man muss aber aufpassen, dass man das nicht zu schnell generalisiert. Denn im kapitalistischen Alltag gehören neben den Krisen- genauso die Boomphasen dazu. Der Kapitalismus ist nun einmal ein zyklisch schwankendes System. Eben so wenig wie man die Boomphasen zum Maßstab machen kann, sollte man daher auch Krisen überbewerten. Beides gehört zusammen.

Es ist gar nicht lange her, da glaubte man, dass Krisen wie die jetzige für immer erledigt seien, wie etwa Francis Fukuyama, der den Liberalismus als Sieger vom Platz gehen sah.

Das ist genau so eine der Übergeneralisierungen, diesmal nur der anderen Seite. Schon in den 1950er- und 1960er-Jahren glaubten manche, dass mit Erhards Wirtschaftspolitik die Konjunkturschwankungen überwunden seien, und es nur noch Wachstumsphasen gebe. Da folgte rasch die Ernüchterung: In den 1970er-Jahren musste man sich mit der Realität der zurückgekehrten Krisen arrangieren. Ganz ähnlich hat man in den 1990er-Jahren und nach der Jahrtausendwende geglaubt, mit der richtigen Geldpolitik könne sich eine Welt reibungslos und effizient funktionierender Märkte schaffen lassen. Das ist genau eine solche Ideologie wie die Vorstellung, der Kapitalismus befinde sich permanent auf dem Weg in den Abgrund. Sie treffen die Realität dieses Wirtschaftssystems nicht.

Keynes-Schule feiert Comeback

Dennoch feiert gerade eine der Schulen ihr Comeback: Wenn schon nicht Karl Marx, dann doch zumindest John Maynard Keynes.

Keynes wird zumindest derzeit beschworen, doch ich habe nicht das Gefühl, als ließen sich mit ihm die aktuellen Probleme lösen. Wir befinden wir uns wohl eher in einer Phase der Ratlosigkeit, was unsere Krisenwahrnehmung noch verstärkt. Dazu gehört auch, dass sowohl der Liberalismus als auch der Keynesianismus historisch gesehen ja bereits ihre Chance hatten und man um ihre jeweiligen Vorzüge, aber auch Schwächen weiß. Wenn Keynesianer gegenwärtig für eine größere Rolle des Staates plädieren, dürfte ihnen angesichts einer Staatsquote von 50 Prozent und einer Überschuldung von mehr als 80 Prozent allein hier in Deutschland wohl auch ein wenig mulmig werden. Gleiches gilt für die Liberalen. Denn die Vorstellung, deregulierte Märkte und globaler Finanzverkehr würden zu immerwährendem Glück führen, ist definitiv ruiniert. Zurzeit gibt es keine unbestrittene Vorstellung, wie man aus der Krise herauskommen kann. Das verleiht ihr in gewisser Hinsicht ihre neue Dimension.

Die Anhänger Keynes rufen dennoch: Der Meister ist zurück. Warum scheiterte der Keynesianismus in den 1970er-Jahren?

Die Vorstellung des Keynesianismus, dass das Geld nicht neutral sei, sondern positiv als Stimulanz wirke, hat sich empirisch nicht bestätigt. Hinzu kam: In der Krise wollte man mit staatlichen Initiativen die Wirtschaft stimulieren, im Aufschwung sollte der Staat sich wieder zurücknehmen. Die historische Erfahrung war freilich die, dass sich der Staat in der Krise verschuldete, im Aufschwung die Schulden aber nicht abbaute. Stagflation war die Folge. Zusätzlich kam es zu einer Kumulation von Staatstätigkeit und Staatsverschuldung. Das hat maßgeblich zu der heutigen Schulden-Situation beigetragen.

Die Frage ist dann doch, ob sich Wirtschaftssysteme überhaupt so lenken lassen, wie man es gerne hätte?

Das halte ich für eine leider weit verbreitete Illusion, die für die Zeit seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts allerdings typisch ist. Seinerzeit sagte Walther Rathenau, die Wirtschaft sei unser Schicksal. Und das war als Aufforderung gemeint. Seither dominiert die Vorstellung, die Politik müsse die Wirtschaft bändigen. Diese Vorstellung beruht jedoch auf einer ganz unangemessenen Dämonisierung der Wirtschaft, der zerstörerische Kräfte zugeschrieben werden. Sie gilt als anarchisch, sie verführe die Menschen zu Spekulation und Gier; hier komme es zu unkontrollierbaren Machtzusammenballungen, die aus Profitgier vor nichts zurückschreckten. Ihre Krisen träfen die arbeitenden Menschen, sie schaffe Armut, Ungleichheit, Entfremdung und Verelendung. Hier müsse die Politik eingreifen. Dabei hat die Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts die Politik ausgelöst, keineswegs der wirtschaftliche Strukturwandel.

Keynes hilft nicht. Aber auch die Sparpolitik reißt Länder wie Spanien und Griechenland in den Abgrund. Ist das aus historischer Perspektive sinnvoll?

Für Sparpolitik gilt das Gleiche wie zuvor. Die Vorstellung, man könne auf diese Weise eine Art Gleichgewichtszustand erreichen, ist unrealistisch. Sparen oder Investieren sollte man aus Vernunftgründen, nicht um die Welt zu verbessern. Daher steht in einem großen Teil der EU-Staaten derzeit die Anpassung der Ausgaben an die Einnahmen auf der Tagesordnung. Das ist vernünftig. Das scheinbar historisch informierte Warnen vor dem Sparen, namentlich der Verweis auf Brüning und den Aufstieg des Nationalsozialismus, sind abwegig. Der Regierung Brüning blieb keine Alternative, da sie wegen der Reparationsverpflichtungen aus dem seinerzeitigen Währungssystem, dem Goldstandard, gar nicht aussteigen konnte. Im griechischen Fall ist das aber ganz anders: Man will die Vorteile des Euro, aber nicht seine Regeln einhalten. Wenn das Sparen unzumutbar ist, steht den Griechen der Austritt frei. Eine solche Möglichkeit hatte die Regierung Brüning nicht. Im Euro gilt für alle: Wer dessen Vorteile will, sollte seine Regeln einhalten. Wenn man das nicht tut, ist es schon ziemlich verwegen, auf Brüning und die späte Weimarer Republik zu verweisen. Das zielt allein darauf, Kredite zu wollen, ohne hierfür Regeln oder Auflagen zu akzeptieren.

Viele haben den Untergang des Kapitalismus besungen. Karl Marx tat es einst – und andere folgten. Warum ist er so wandlungsfähig?

Weil er viel weniger komplex und bedeutend ist, als viele ihm unterstellen. Viele Menschen glauben, der Kapitalismus sei eine totale Welt, die alles bestimmt. Aus dieser Sicht hat es den Anschein, als sei diese Wirtschaftsordnung für alles verantwortlich, was im Leben der Menschen passiert. Das stimmt aber nicht. Man redet es sich ein. Der Kapitalismus selbst ist eine spezifische Form der Produktion von Gütern und Dienstleistungen, ihrer Vermarktung und ihres Konsums. Solange das funktioniert und die Menschen auf dieser Basis ausreichend mit Gütern und Dienstleistungen zu vertretbaren Preisen versorgt werden, wird es kaum jemanden geben, der das einfach aufgeben möchte. Wir kennen ja die Alternativen. Der Sozialismus hat genau das schlicht nicht geschafft. Die Menschen sind ihm davongelaufen. Dem Kapitalismus laufen die Menschen hingegen hinterher, wie ein Blick auf die Migrationsströme zeigt. Die Wandlungsfähigkeit selbst ergibt sich aus dem technischen Fortschritt und dem damit verbundenen Strukturwandel. Alles Neue, das sich „verwerten“ lässt, greift eine kapitalistische Wirtschaft auf. Das muss auch nicht koordiniert werden, das ist unter offenen Bedingungen ein vergleichsweise spontaner Prozess. Auf dessen Garantierung sollte die Politik sich konzentrieren.

Was wartet in den nächsten zehn Jahren auf uns?

Weltwirtschaftshistorisch gesehen erleben wir derzeit einen fundamentalen Wandel, nämlich das Schließen der „großen Divergenz“ mit Ostasien. China war bis ins 18. Jahrhundert hinein der größte gewerbliche Produzent der Welt. Es folgte der Aufstieg der westeuropäischen und nordamerikanischen Länder auf der Basis der Umstellung ihres Wirtschaftssystems auf eine kapitalistische Organisation, wodurch sie die Mittel erhielten, um weltweit dominant zu werden.

Im Moment ändert sich das, nicht zuletzt weil auch China den Kapitalismus als Ressource entdeckt hat. Statt „Great Divergence“ vollzieht sich derzeit eine „Great Convergence“, die Lücke schließt sich langsam oder wird doch kleiner. Die eurozentrische oder atlantikzentrische Welt wird sich allein auf der Basis der sich verschiebenden wirtschaftlichen Gewichte auflösen, was ich im Übrigen nicht für eine Bedrohung, sondern für eine große Chance halte. Andererseits werden trotz der positiven Effekte des chinesischen Aufschwungs die nächsten Jahre wirtschaftlich nicht leicht. Das hat nicht nur mit den strukturellen Problemen in Europa zu tun, sondern auch mit der nur geringen konjunkturellen Dynamik. Die Jahre seit Ende der 1980er-Jahre bis zur Krise waren sehr erfolgreich, zum Teil aber eben auf Pump. Nun muss man schauen, was kommt. Vor uns liegen schwierige Jahre.

Das Gespräch führte Michael Hesse.

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