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28. September 2011

Kapitalismuskrise: Bloß keine neue Geldreligion

 Von Piotr Buras
Eine Skulptur Maurizio Cattelans vor der Mailänder Börse im Juli dieses Jahres.  Foto: Getty/Vittorio Zunino Celotto

Ein Gespräch mit dem Berliner Literaturwissenschaftler Joseph Vogl über die Zukunft des Kapitalismus, eine zweite ökonomische Aufklärung und über die Frage, ob Marx am Ende nicht doch Recht hatte.

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Mit seinem Buch „Das Gespenst des Kapitals“ hat der Berliner Literaturwissenschaftler Joseph Vogl eine brillante Kapitalismus-Kritik veröffentlicht. Der Essay stieß auf große Resonanz nicht zuletzt wegen seiner Kritik an der naturrechtlichen und moralphilosophischen Begründung eines „freien Marktes“. Mit Vogl sprach Piotr Buras. Er ist Politikwissenschaftler und Kommentator für polnische Zeitungen, darunter Gazeta Wyborcza, in Berlin.

Ist die jüngste Finanzkrise, die Unvorhersehbarkeit und Irrationalität der wirtschaftlichen Abläufe offenbarte, ein Beispiel dafür, dass der „ökonomische Mensch“ todkrank ist?

Ich würde pathologisches Vokabular gerne vermeiden, vor allem in Bezug auf die Finanzmärkte. Wenn man Krisen wie die jüngste bloß als eine Art Krankheit begreift, unterstellt man, dass Crashs nichts als Ausnahmefälle wären. Dagegen muss man wohl annehmen, dass Finanzkrisen, zumindest in den letzten drei Jahrzehnten, zum normalen Funktionieren der Finanzmärkte gehören. Sie passieren in kurzen Abständen und mit erstaunlicher Regelmäßigkeit. Und was den ökonomischen Menschen betrifft: Er wurde wohl im 18. Jahrhundert als ein Exemplar aus Fleisch und Blut gedacht, hat heute aber nurmehr die Funktion einer theoretischen Sonde, er ist zu einem reinen Rollenkonstrukt geworden. Die aktuelle Wirtschaftswissenschaft interessiert sich mehr und mehr für den „ganzen Menschen“, einschließlich seiner nicht-ökonomischen Seiten und Neigungen.

Joseph Vogl fordert eine weitere ökonomische Aufklärung.
Joseph Vogl fordert eine weitere ökonomische Aufklärung.
 Foto: Stephane Kiwitt

Die Überzeugung von der Rationalität des ökonomischen Menschen hat aber auch den liberalen Glauben an den Markt und seine Effizienz begründet. Wo hat diese Marktreligion ihren Ursprung genommen?

Der erste Ausgangspunkt in Europa ist die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg. Nach diesem Desaster ist in den entstehenden Territorialstaaten des 17. Jahrhunderts die Frage nach einem ökonomischen Regieren aufgetaucht. Die Maximen des Regierens beziehen sich nun auf die Pflege der Populationen, auf die Förderung von Handel und Gewerben, den Aufbau von Infrastrukturen, auf die Kontrolle von Gesundheit, Hygiene, öffentlicher Moral etc. In dieser Zeit entstanden Bevölkerungspolitik, Sozialstatistik, Merkantilismus, Kameralismus, Polizeiwesen – alles Projekte, die eine Vermehrung der physischen Kräfte eines Staates bezwecken. Kluge Politik ist zu einer ökonomischen Frage im weitesten Sinne geworden.

Das sind die historischen Umstände.

Ja, ein zweiter Ausgangspunkt ist allerdings ein theoretischer und betrifft das Entstehen der Nationalökonomie gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Seit der Aufklärung fragte man nach Gesetzmäßigkeiten, die den Verkehr der bürgerlichen Gesellschaft bestimmen. Mit dem Slogan „private vices – public benefits“, etwa private Laster, öffentliche Vorteile, nahm man an, dass das freie Spiel von Selbstsucht und Interesse eine Art sozialer Harmonie produziere. Und der Schauplatz dieses glücklichen Systems wäre dann der Markt. Dem Markt wird ein praktischer und moralphilosophischer Vorzug eingeräumt. Ein praktischer, weil in ihm die verschiedenen Interessen und Strebungen zum Ausgleich kommen, das wäre Adam Smiths „unsichtbare Hand“: Ohne es zu wollen, produzieren die selbstsüchtigen Subjekte auf dem Markt – gleichsam hinter ihrem Rücken – das allgemeine Wohl. Und der moralphilosophische Vorzug: Wenn nun der Markt so etwas wie soziale Ordnung oder Harmonie herstellt, wie ein Naturgesetz, so ergeht an die einzelnen Akteure der Auftrag, sich diesem Gesetz zu fügen. Man ist also aufgerufen, das Naturgesetz des Marktes zu respektieren. All das zusammen hat eine wunderbare Hoffnungsfigur ergeben – wie früher die regierende Hand Gottes für eine weise Einrichtung der Welt sorgte, so sorgt nun die „unsichtbare Hand“ des Marktes für eine weise Einrichtung der Gesellschaft. Was früher die Theodizee zu beweisen versuchte, dass nämlich die Welt trotz aller Unordnung und Leiden eigentlich gut und vernünftig organisiert sei, wird nun von der Ökonomie übernommen. Ich würde das „Oikodizee“ nennen.

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