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Kardinal Lehmann: Gott aber kam nicht vor

Rückkehr der Religion? Per se ist sie nichts Positives. Das neue Interesse an Religion muss daher kritisch analysiert werden: Klaus Kardinal Lehman ist Stiftungsprofessor in Mainz. Von Arno Widmann

Karl Kardinal Lehmann ist hat die zehnte Stiftungsprofessur an der Universität Mainz.
Karl Kardinal Lehmann ist hat die zehnte Stiftungsprofessur an der Universität Mainz.
Foto: dpa

Es war eine beeindruckende Vorstellung, die Karl Kardinal Lehmann vergangenen Dienstag bot. Der größte Hörsaal der Mainzer Universität reichte nicht aus, um die zu fassen, die den Kardinal zum Thema "Rückkehr der Religion? Von der Ambivalenz eines zeitdiagnostischen Schlagwortes" hören wollten.

Er ist der zehnte Johannes-Gutenberg-Stiftungsprofessor und von nun an wird es an zehn weiteren Dienstagen um die Begegnung mit den Weltreligionen gehen. Ausgewiesene Wissenschaftler werden über Säkularisierung, Islam, Buddhismus etc. vortragen und mit ihm über ihr Forschungsgebiet sprechen. Es wird sich also nicht darum drehen, mit Vertretern der verschiedenen Religionen einen Dialog zu führen, sondern der Kardinal wird die Gelegenheit ergreifen können, die Bedingungen der Möglichkeit solcher Dialoge von seinem Standpunkt aus darzulegen.

"Endlich kommen wir zur Sache", waren nach der Begrüßung der Anwesenden die ersten Worte des Kardinals. Der Saal lachte und applaudierte heftig. Zwanzig Minuten akademischer Preisreden hatte man schon hinter sich. So etwas genießt man heute offenbar zwar stundenlang bei der Verleihung von Filmpreisen, wo es aber um die Aufzählung wirklicher Verdienste geht, da wird man ungeduldig. Es konfrontiert einen zu sehr mit der eigenen Mickrigkeit.

Religion war bis ins 18. Jahrhundert hinein die, die man mehr lebte, als dass man sie hatte. Dann verschob sich der Begriff weg aus der Glaubenspraxis ins Abstrakte und immer Weitere. Diesem Begriff der Religion entspricht die Idee der "natürlichen Theologie", die Auffassung also, dass es - ganz unabhängig von den überlieferten Offenbarungen - so etwas wie einen allen Menschen angeborenen Glauben gibt. Dagegen setzte sich inzwischen die Vorstellung durch, dass am Anfang nicht die eine allgemeine Religion steht, die dann zerfiel in die vielen Glaubensüberzeugungen - vergleichbar dem Sprachzerfall beim Turmbau zu Babel -, sondern dass im Gegenteil am Anfang die Vielzahl der Religionen war.

Zur Religion gehört auch - so der Kardinal - das Unwesen der Religion, ihr Zusammengehen mit Macht und Gewalt. Das gilt auch für das Christentum. Per se ist Religion nichts Positives. Das neue Interesse an Religion muss kritisch analysiert werden. Gar zu oft geht es dabei nicht um die Wahrheit der Religion, sondern um das Gefühl davon.

Allseitige Religionsfreiheit ist zentrales Kriterium für die Möglichkeit des Dialogs zwischen den Religionen. Sie spielt auch eine zentrale Rolle bei der Ermöglichung der anderen Menschenrechte. Das ist in Dignitatis Humanae, einem der Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils, in aller Deutlichkeit dargelegt worden. Nach langen Auseinandersetzungen und harten Kämpfen.

Das zerfurchte Gesicht des Kardinals schien in diesem Moment geprägt von diesen Auseinandersetzungen, als er später erklärte, die Anfechtungen gehörten zum Glauben dazu. Der sei keine Gewissheit, die Gegenwart Gottes sei auch dem Gläubigsten nicht in jedem Augenblick geschenkt, da begann man zu ahnen, dass der Kardinal es sich nicht leicht machen will.

Andererseits aber ist es doch nicht frei von Komik, dass er seine geplante Habilitationsarbeit über den "Verborgenen Gott", also den Gott, der sich gerade nicht offenbart, der also der Vernunft der Menschen, auch der Theologie, sich entzieht, nicht schrieb, sondern stattdessen 1968, im Alter von 32 Jahren den Ruf nach Mainz auf einen Lehrstuhl für Katholische Dogmatik annahm.

An diesem Dienstag sprach der Kardinal immer wieder von der "negativen Theologie" von jener also, die nicht daran glaubt, sagen zu können, was Gott ist, sondern allenfalls, was er nicht ist. Sie sei, so meinte er, vielleicht am besten geeignet, um in einen Dialog mit den Buddhisten und ihrem Begriff der Leere eintreten zu können.

Die Gefahr des Fundamentalismus lauere in jeder Religion. Gegen sie gelte es wachsam zu sein. Religion könne leicht zu einer Ideologie werden. Sie muss die recht verstandene Freiheit des Menschen fördern. Sie muss den Menschen zur Selbstverantwortung führen.

In den fünfzig Minuten seines Vortrages gab es jede Menge solche schönen, vom Applaus durchbrochenen Sätze. Es gab aber niemals auch nur den Versuch zu sagen, was denn "die Wahrheit" sei. So betrachtet, war die Vorlesung des Kardinals eine erbauliche Rede. Das Gute und Schöne, das Edle und Anständige wurde beschworen. Gott aber kam nicht vor. Die Werte, die der Kardinal pries, waren allesamt Werte, die in den letzten zweihundert Jahren in mühsamen Kämpfen - das verschwieg der Kardinal nicht - der Kirche abgerungen wurden. Der verborgene Gott, so konnte der heitere Zuhörer den Eindruck gewinnen, ist der Gott der aufgeklärten Demokratie, in der nicht mehr die Gemeinschaft der Gläubigen, sondern die Rechte des Individuums im Zentrum stehen. Man ist gespannt, wann das liebe Jesuskind, die Jungfrau Maria, die Himmelfahrt und die Dreieinigkeit uns mit derselben freundlichen Zerknirschung angepriesen werden wie am vergangenen Dienstag die Würde des Menschen.

Mainz, Johannes Gutenberg Universität, Hörsaal RW 1: Am 5. Mai spricht der Soziologe Hans Joas zum Thema Säkularisierung und diskutiert mit Kardinal Lehmann.

Autor:  ARNO WIDMANN
Datum:  30 | 4 | 2009
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