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13. April 2012

Karikaturist Kurt Westergaard: "Mein Grundgefühl ist Zorn"

Proteste in London im Februar 2006, ein halbes Jahr nach Veröffentlichung der Karikatur.  Foto: Getty Images/Scott Barbour

Der Präsident der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck, spricht mit Kurt Westergaard, dessen Mohammed-Karikatur 2005 international für eine heftige Kontroverse gesorgt hat. Damals hatte er nicht mit einer solchen Reaktionen gerechnet. Heute lebt Westergaard unter Polizeischutz.

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Die Gesprächspartner
        

dpa

Klaus Staeck, Jg. 1938, machte sich Anfang der 1970er-Jahre als Plakatkünstler einen Namen und provozierte mit seinen satirischen Fotomontagen. Staeck, seit 2006 Präsident der Berliner Akademie der Künste, ist Kolumnist der Frankfurter Rundschau.
Kurt Westergaard, Jg. 1935, wuchs in christlich-fundamentalistischen Verhältnissen auf und arbeitete zunächst als Lehrer. Mitte der 1980er- Jahre wurde Westergaard Karikaturist der dänischen Zeitung Jyllands-Posten.

Am 30. September 2005 veröffentlichte die dänische Tageszeitung Jyllands-Posten unter dem Titel „Das Gesicht Mohammeds“ eine Karikatur Kurt Westergaards. Sie zeigte den Propheten Mohammed mit einer Bombe als Turban. Die Darstellung löste international eine heftige Kontroverse aus. In islamischen Ländern kam es zu teilweise organisierten und gewalttätigen Protesten. Westergaard geriet ins Fadenkreuz fanatischer Islamisten und lebt wegen Mordaufrufen unter Polizeischutz. Mit Westergaard sprach Klaus Staeck, der Präsident der Berliner Akademie der Künste, die immer wieder Künstler und Autoren unterstützt, die das Recht auf Meinungsfreiheit auch unter Lebensgefahr in Anspruch nehmen. So unterstützte die Akademie zuletzt den Chinesen Ai Weiwei, iranische Filmemacher oder deutsch-türkische Autoren. Am kommenden Dienstag beginnt in Kopenhagen der Prozess gegen die vier Islamisten, die auf die Redaktion von Jyllands-Posten einen terroristischen Anschlag verübten.

Es ist eine wichtige Aufgabe der Akademie, auch international tätig zu werden. Welche Erfahrungen hast du gemacht? Seit der Veröffentlichung deiner Mohammed-Karikaturen lebst du unter Polizeischutz. Hast du damals mit diesen scharfen Reaktionen gerechnet oder hast du sie nicht vorausgesehen?

Nein, niemand hatte diese weltweite Reaktion vorausgesehen. Ganz klar. Das war eine Überraschung für uns alle, auch für die Zeitungen. Die Probleme entstanden, als dänische Imame in den Mittleren Osten reisten. Es waren Diktatoren verschiedener Art, die meine Zeichnung für ihr eigenes Spiel benutzt haben. Es ging gar nicht mehr um die Zeichnung, sondern um deren Interessen und Konflikte.

Du hast einmal gesagt, die dänische Satire schont niemanden – nicht die Königin, nicht den Premier, den Bischof, Jesus, auch nicht Mohammed. Ist das ein Credo für deine Arbeit oder für die gesamte dänische Karikaturisten-Szene?Es gilt für die meisten dänischen Karikaturen-Zeichner, denn die Freiheit für Karikaturisten und Satiriker ist deshalb groß, weil die Dänen wissen: Es handelt sich um Karikatur und Satire und befindet sich in einer bestimmten Öffentlichkeit.

Du hast immer betont, dass die Mohammed-Karikatur keine bewusste Provokation war und du nur deine Arbeit als Karikaturist gemacht hast. Ich habe eine Story, die du vielleicht kennst, die alte Anekdote von Picasso. Während des spanischen Bürgerkriegs hatten deutsche Bomber die kleine Stadt Guernica ausradiert. Und Picasso machte dann dieses große Guernica-Gemälde, das noch im selben Jahr auf der Weltausstellung in Paris ausgestellt wurde. Picasso begegnete nach der Okkupation Frankreichs einem deutschen Luftwaffenoffizier. Der Deutsche fragt ihn: „Haben Sie Guernica gemacht?“ Picasso antwortete: Nein, Sie haben Guernica gemacht!“ Das ist eine sehr gute Anekdote.

Bist du für die dänische Gesellschaft eher ein Nestbeschmutzer oder sind die Dänen auch ein wenig stolz?

Es ist mir fast nur Sympathie begegnet. Aber es gab auch in Dänemark eine breite Diskussion über den Druck meiner Zeichnung in Jyllands-Posten.

Auch im Alltag, so wie jetzt bei einer Ausstellungseröffnung?Aber ja – vielleicht haben einige der Politiker negativ reagiert. Du hast Jyllands-Posten zitiert. Vielleicht ist es interessant, dass die Zeitung einige Positionen verändert hat. Ursprünglich haben sie mich verteidigt und Politiken, die kulturradikale Zeitung, hatte Abstand genommen. Sehr kräftig sogar. Jetzt hat sich das geändert. Jyllands-Posten ist jetzt eine Zeitung mit kulturradikaler Haltung, was Religion betrifft. Und Politiken ist kulturliberal. Das ist schon sehr merkwürdig.

Das schöne Wort Solidarität – warst du mit deinen dänischen Kollegen zufrieden?Von meinen Kollegen, die auch mit ihren Zeichnungen auf der Zeitungsseite vertreten waren, haben jetzt einige Zweifel: war das richtig? Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, wie die Lage ist. Aber ich glaube, wir haben ein Problem mit der Selbstzensur. Heute würde sicher kein dänischer Cartoonist mehr meine Zeichnung von Mohammed mit der Bombe veröffentlichen.

Suchst du die Öffentlichkeit oder ziehst du dich selbst immer mehr zurück? Ein Besuch hier, ist das für dich wichtig? Ein Hauch von Normalität?

Meine Frau und ich leben ja „normal“. Wir können überall hingehen. Wir haben nur diese kleine „Gesellschaft“ dabei, unsere Sicherheitsleute, die uns überall hin begleiten.

Wir hatten gerade Roberto Saviano in der Akademie, der ein wichtiges Buch gegen die Camorra geschrieben hat. Auch er lebt seitdem unter ständiger Bewachung, letztlich im Untergrund. Ich habe den Eindruck, dass für ihn jetzt trotzdem so eine Art Gewöhnung eingetreten ist. Leidest du unter dieser ständigen Bedrohung oder geht es dir ähnlich? Mein Grundgefühl ist Zorn.

Zorn oder auch Wut?

Wut darüber, dass ich bedroht werde. Das ist ein gutes Gefühl. Wir brauchen kein Mitleid. Wir haben ein gutes Leben. Und meine Frau war immer solidarisch mit mir.

Du sagst, Satire ist immer Provokation. Doch wo ist die Grenze?

Ich habe einen Amerikaner getroffen. Der sagte, es vergingen etwa hundert Jahre, bis man die Witze über Abraham Lincolns Frau erzählen konnte. Nach dem Kennedy-Mord vergingen 10 Jahre. Drei Wochen nach dem Angriff am 11. September sagte ein Standup-Comedian, „morgen fliege ich nach San Francisco, und ich bin sehr gespannt, ob wir beim Empire State Building einen Stopp machen“. Er wurde ausgebuht. Das ging zu weit. Das Schlüsselwort ist ja „Provokation“. Wann kann man sich erlauben, was und wo zu sagen. Da gibt es keine festen Regeln. Wir hatten einen sehr begabten Künstler, Jens Joergen Thorsen. Er arbeitete viele Jahre an einem Film über Jesus. Er malte Jesus mit erigiertem Penis auf ein Haus. Natürlich war das für viele Christen unerträglich. Für mich war es nur eine Provokation. Denn das Problem mit einem erigierten Penis kennen ja viele 30-jährige Männer.

Hast du dich schon oft dem Thema Religion gewidmet?Ich weiß ja aus meinem eigenen Leben, dass religiöse Themen sehr heikel sind. Ich habe für einen Artikel über den Kapitalismus in einer Zeitung folgende Illustration gezeichnet: Jesus hat das Kreuz verlassen und läuft im Armani-Dress mit dem kleinen Koffer davon. Auf dem Kreuz ein Schild mit dem Text: Sprechzeit jeden Sonntag 10 – 11 und 14 -15 Uhr. Dadurch fühlten sich viele Christen beleidigt.

Sie waren beleidigt, aber es gab keine Morddrohungen.

Nein.

Das ist entscheidend. Muslime haben anscheinend keine Aufklärung gehabt. Wir dagegen haben unsere Freiheiten mühsam über Jahrhunderte erkämpft in kritischer Diskussion mit der christlichen Kultur. Müssen wir jetzt unsere Freiheiten zurücknehmen mit Rücksicht auf die Muslime? Oder können wir nicht erwarten, dass die Muslime zumindest ein Verständnis von unserer Auffassung von Freiheit bekommen? Sie müssen sie nicht teilen. Es reicht ja, wenn sie sagen und akzeptieren, im Westen ist das eben anders.Ich muss auch über Symbole sprechen. Sie haben eine sehr große Bedeutung für viele Menschen.

Das Kreuz zum Beispiel.

Ja, ich sollte einmal etwas über die Lage der Palästinenser in Israel illustrieren. Dieser Artikel war pro Palästinenser. Ich habe einen Mann aus dem Nahen Osten gezeichnet, und auf seiner Brust gab es einen gelben Judenstern, aber es stand darauf nicht mehr „Jude“, sondern „Araber“. Da wurden Juden ganz wütend. Ich habe ein stundenlanges Telefongespräch mit einem der Repräsentanten der jüdischen Gesellschaft gehabt. Ich wurde nicht bedroht.

Die Bombe im Turban war dann der Sündenfall. Du hattest also schon vorher Ärger mit deinen Karikaturen?

Weil die Leser die Zeichnungen als blasphemisch erlebt haben.

Dir ist einmal vorgeworfen worden, dass du Hass schüren würdest. Man kann ja einfach alles umdrehen und sagen, indem du die Meinungsfreiheit wahrgenommen hast, haben das andere ausgelegt, als würdest du den Hass schüren. Was kann man darauf antworten? Dass ich meine Meinungsfreiheit benutzt habe, und dass Freiheit immer auch Freiheit für Andersdenkende ist. Aber auch ich weiß, ich bin weder ein Rassist noch ein Nationalist. Ich repräsentiere eine Familie mit Mitgliedern der großen Religionen, des Katholizismus, des Protestantismus, auch ein Mitglied mit islamischem Hintergrund. Wir sind eine sehr tolerante Familie. Ich muss sagen, dass der praktizierte Sexualglobalismus der Familie die schönsten Enkelkinder gebracht hat. Mit braunen Augen und blonden Haaren. Vielleicht ist das ein angenehmes Mittel gegen Rassismus.

Anfang März wurde gegen vier Verdächtige, die den Anschlag gegen Jyllands-Posten geplant haben, Anklage erhoben. Der Prozess soll jetzt stattfinden. Jyllands-Posten – gesichert durch einen hohen Metallzaun – ist offenbar immer noch bedroht? Nicht nur du.

Auch in Kopenhagen hatte ein amerikanischer Tourist das Redaktionsgebäude von Jyllands-Posten und Politiken aufgesucht, um später einen Anschlag auszuführen. Zur selben Zeit war ich in Amerika, in Yale und Princeton, um eine Vorlesung über die dänische Meinungsfreiheit zu halten. Als ich nach Hause kam, sagte der Chefredakteur, du sollst einen Urlaub nehmen. Die Leute hier sind sehr ängstlich geworden. So bekam ich erst ein halbes Jahr Urlaub und verabschiedete mich endgültig in gutem Einvernehmen vom Chefredakteur.

Arbeitest du jetzt noch für eine Zeitung? Nein, nicht für eine Zeitung. Ich arbeite für mich selbst. Ich habe das große Vergnügen, keine Deadline mehr zu haben.

Es ist keine Flucht, jetzt Hans Christian Andersens Märchen zu illustrieren? Deine Energie ist noch dieselbe. So erfahre ich dich jetzt.Für mich geht es jetzt unter anderem um Charity, Wohltätigkeitsspenden. Wir haben 250 000 Kronen für einen Schulbau in Haiti eingesammelt. Auch 20 000 Euro für eine Fußballmannschaft in Ghana.

Du hast einmal gesagt, du wolltest in Dänemark den Schleier der political correctness zerreißen, der über allem liegt, was mit dem Islam zu tun hat. Was glaubst du, ist es dir gelungen? Oder ist eher das Gegenteil eingetreten, wenn es um diese Themen geht? Wir haben eine sehr notwendige Diskussion über Meinungsfreiheit angefangen. Es war ganz notwendig, glaube ich. Sie hätte auch durch ein Buch oder eine TV-Sendung angestoßen werden können.

Diese Debatte zu beginnen, war notwendig. Dir war jedoch am Anfang die ganz große Provokation nicht bewusst, mit der du die Debatte ausgelöst hast. Manchmal entsteht ja auch beiläufig etwas, eher ungewollt. So, wie viele meiner Plakate auch Debatten ausgelöst haben, die ich gar nicht voraussehen konnte. Du hast einen Preis bekommen von unserer Bundeskanzlerin. Wäre es dir eigentlich lieber gewesen, wenn das in einer öffentlichen Veranstaltung passiert wäre? Das war doch recht privat.

Ja, ja.

Würdest du, wenn wir dich zu einer öffentlichen Veranstaltung einladen, wieder nach Deutschland kommen?

Ja, gib mir deine Adresse.

Kurt, ich danke dir.

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