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11. März 2015

Karl Jaspers: Mythen moderner Meinungsvielfalt

 Von Klaus Lüderssen
Er nahm keine Rücksicht auf kategoriale Vorgaben der Philosophie. Und er sagte das auch: Karl Jaspers (1883 – 1969).  Foto: imago/ZUMA/Keystone

Was man heute noch im Großen und Kleinen von dem Philosophen Karl Jaspers lernen kann - zum Beispiel auch über Pegida.

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Ein Chaos an Problemen - aber kein Chaos an Meinungen, sondern ein riesiges Reservoir von jeweils mit Überzeugung vertretenen Standpunkten. Wohin man auch sieht – Genmanipulationen, humanitäre Intervention, soziale Marktwirtschaft, Islam in Europa, Klimaschutz, aber auch Rettungsfolter, Datenvorratsspeicherung, Aufforderungen zum Kauf von Steuer-CDs, bis hin zu neuen Verdachtsformen: Wer erlaubte Pornos hat, versucht auch unerlaubte zu bekommen.

Jeder weiß, was richtig ist, und kann es auch begründen. Und mehr noch: Zunächst opportunistisch-pragmatische und ähnlich begrenzt gültige Argumente werden zusätzlich auf Prinzipien gestützt. Im nachmetaphysischen Zeitalter ist das einigermaßen seltsam. Man könnte achselzuckend darüber hinweggehen mit der resignierenden Kommentierung, den Menschen sei eben nicht zu helfen, sie müssen etwas haben, woran sie glauben.

Aber das ginge an der schmerzhaften Wahrnehmung vorbei, dass die Schärfe und Gefährlichkeit der Auseinandersetzungen über die kontroversen Fragen gerade durch ihre Orientierung an Prinzipien ganz wesentlich beeinflusst ist. Freilich nicht offen und bewusst, doch das macht es nicht besser; im Gegenteil, die erforderliche Aufdeckung des Unausgesprochenen spitzt die Diskussion zu, man muss sich ihr stellen.

Aber wie? Es geht um zwei Fragen. Einmal darum, was richtig ist. Zum anderen, warum es für richtig gehalten wird. Die erste Frage gilt den Sachargumenten, die zweite den Motiven. An die Konkurrenz der Sachargumente ist man gewöhnt, nicht aber an die der Motive. Sie stehen deshalb hier im Vordergrund, nach der (trivialen) Devise „Was für eine Philosophie man wähle , hängt davon ab, was man für ein Mensch ist“, schrieb Fichte.

Philosophie als Handlungsanweisung gibt es nicht, und die Philosophen sind auch ganz froh darüber. Wenn sie sich trotzdem melden, so wie Herbert Schnädelbach vor drei Jahren („Was Philosophen wissen und was man von ihnen lernen kann“), so geht der Ehrgeiz nicht weiter, als Plausibilität dort zu vermitteln, wo man sie vielleicht nicht erwartet. Eine neue Qualität der Argumente, oder gar eine neue Kategorie ist nicht sichtbar und wird auch nicht abgefragt.

Dass ein bleibendes Defizit im Geistesleben vorliegt, traut sich niemand zu behaupten. Oder doch?

Vielleicht hat es Karl Jaspers getan mit jenem Buch über „Die Psychologie der Weltanschauungen“, das in ihren geläufigen Kanon der Philosophiegeschichte unterzubringen der Zunft bisher noch nicht gelungen ist. Vielmehr scheinen die Rezensionen eine Art Bogen zu machen um etwas Unheimliches, aus dem Rahmen Fallendes.

Jaspers zentrale These ist: „dass die Grenzen des Erkennens nicht Grenzen des Lebens bedeuten, und dass das Erkennen selbst einen unerkannten Lebensgrund in sich trägt“. Gegen die Ratlosigkeit, die er damit verbreitet, machen sich die zeitgenössischen Kollegen auf verschiedene Weise Luft. Einer der prominentesten Vertreter des Wiener Kreises, Moritz Schlick, bescheinigte Jaspers, dass er zu viel verlange von der Philosophie. Er tat das auf sehr liebenswürdige Weise, indem er Einfallsreichtum, Sprache und Weitsicht und auch den Sinn für die Auswirkungen der Philosophie auf das konkrete Leben pries. Ein wunderbarer Text.

Die entgegengesetzte Lesart, Jaspers wieder loszuwerden, bestand in der Rüge, dass er die Bedeutung des „Ganzen“ verkenne, dass er es auflöse in einzelne Aggregate mehr oder weniger zufälliger politischer Natur, und dass er damit weit zurückbleibe hinter den eigentlichen Aufgaben der Philosophie. Das waren große Gebärden Heideggers, schwer erträglich.

Das Material, das Jaspers zur Unterstützung seiner Position zusammenträgt, nimmt keine Rücksicht auf kategoriale Vorgaben der Philosophie. Er sagt das auch. Er meint nicht einen Beitrag zur Philosophie zu leisten, sondern etwas sui generis. Er dringt tief und umfassend in die Wissenssoziologie ein. Hören wir ihn selbst. Er beginnt mit dem Hinweis auf Aristoteles: „Die Seele ist gleichsam alles“ und meint, er könne sich mit gutem Gewissen unter dem Namen der Psychologie mit allem beschäftigen“.Den Stoff teilt er ein in „Die Einstellungen“, „Weltbilder“ und „Das Leben des Geistes“. Bei den Einstellungen unterscheidet er gegenständliche Einstellungen von selbstreflektierten, und diese wieder von enthusiastischen. Die Weltbilder sind sinnlich räumlich oder seelisch kulturell oder metaphysisch, und beim Leben des Geistes sieht er Skeptizismus und Nihilismus, dann in deutlichen Grenzen „Die Gehäuse“ einerseits, und den Halt im Unendlichen andererseits. Den Halt im Begrenzten sieht er vor allem in einem mannigfaltigen Rationalismus. Im Einzelnen beschäftigt er sich mit dem Geist zwischen Gegensätzen, also zum Beispiel mit dem Geist zwischen Chaos und Form, zwischen Vereinzelung und Allgemeinheit, und dann speziell mit dem Werden des Selbst. Man sieht schon jetzt, dass die geläufigen Kategorien des philosophischen Betriebes hier nicht ohne weiteres gelten sollen.

Will man das ändern, so scheint am nächsten die Frage zu liegen nach dem Zusammenhang von Genesis und Geltung. Die herrschende Lehre verneint ihn kategorisch, aber da ist diese mehrdeutige Adorno-Stelle aus den dreißiger Jahren ( „Metakritik der Erkenntnistheorie“), die zur Vorsicht mahnt: „Daraus, dass Entstehung und Rechtfertigung von Urteilen nicht miteinander zu verwechseln seien, sondern dass Geltung etwas anderes heißt als Genesis“, folge keineswegs, dass der „Sinn eines Satzes nicht auf genetische Momente zurückweist als auf ihre notwendige Bedingung“.

Adorno ist nicht der einzige, dem diese terra incognita aufgefallen ist. Vielmehr hat vor ihm schon Emil Lask (1875-1915), in dessen Vorlesungen Jaspers gesessen und den er später viele Male getroffen hat, das Problem wie folgt formuliert: „Es war der Fehler des naturrechtlichen Apriorismus, dass er den dunklen, vom Werte niemals durchleuchtbaren Inhaltsüberschuss der unberechenbaren Faktizität nicht respektierte und so vermaß sich die reine Vernunft, anstatt die ganze Wirklichkeit sich zu unterwerfen, sich selbst zur ganzen Wirklichkeit aufzuwerfen.“

Was der ältere Lask vermisst, bietet nun womöglich der jüngere Jaspers mit seiner „Psychologie der Weltanschauungen“. Und dies ist die Stelle, endlich vom Mythos zu reden, etwas, was nicht gezielt entsteht und trotzdem wirkt. Jaspers hält hier – deutlich auf den Spuren Goethes – das Stichwort „dämonisch“ bereit: „Das Dämonische ist eben ein positives, schaffendes, aber auch … Es ist fühlbar anlässlich des Antilogischen, nach gewöhnlicher Auffassung Zufälligen, fühlbar im Unbewussten, fühlbar in der ‚Konstellation‘. Es ist unberechenbar, nur erahnt, nicht begriffen. Es ist nicht zu analysieren, aber übermächtig. Es ist nicht selbstanschaulich, sondern nur in seinen Manifestationen. Es steckt im Menschen, in der Anlage, und auch im Schicksal, oder vielleicht in beidem zugleich: Im Schicksal und in der Individualität als einer Verbundenheit. Es ist nicht das Grausliche, sondern es steckt in den Erschütterungen der tiefgreifendsten Realitäten unseres Daseins. Es ist nicht eine wunderliche Welt neben der normalen, sondern es ist eine Kraft, die zu den bewegendsten Faktoren allen Daseins gehört“. Vielleicht ist das die bisher beste Erklärung für die Lask’schen Enigmata, aber der Weg von ihnen zur Deutung des Zustandekommens der Meinungen, die die Welt gegenwärtig erschüttern, ist weit. Was Gesine Schwan oder Werner J. Patzelt in Zeitungsartikeln über Pegida andeuten, worüber man bei den Beteiligten nachdenken und wonach man bei ihnen suchen müsste, liegt ganz auf der Linie, die Jaspers zwischen Erklären und Verstehen, zwischen Philosophie und Literatur gezogen hat.

Die akademischen Fächer versagen also, aber in der Literatur gibt es eine steigende Tendenz das zu tun, was Tschechow in seinem berühmten Buch über die Halbinsel Sachalin geleistet hat; da spannt sich ein großer Bogen bis hin zu Juli Zeh und T. C. Boyle, Jonathan Frantzen, Michel Houellebecq, Jonathan Littell, Ian McEwan, oder, populärer, Dan Brown, schließlich der arabischen Schriftstellerin, Raja Alem wird. Hinzu treten Filme wie „Zero Dark Thirty“ von Kathryn Bigelow.

Ob die Philosophie einen neuen Wissenszweig eröffnet haben könnte, wenn sie sich rechtzeitig um Jaspers’ Anregungen gekümmert hätte, ob man ihr das sogar wünschen möchte, mit dem Zusatz, noch sei es nicht zu spät, ist mehr als ungewiss. Jaspers revisited könnte der Beginn sein, eine Lücke zu schließen. Literaturwissenschaftlich gefragt ist es die Rolle des Fiktiven als Beitrag zur Erforschung der Realität. Als isolierbares Thema längst fixiert, müsste es in unsere Problemstellung eingebracht werden, einschließlich der moralischen Frage, ob es tunlich ist, Unglücke zu erfinden oder die Beteiligung daran, um neue Einsichten zu gewinnen. Der Streit um die „falschen“ Erinnerungen von Stephan Hermlin hat einen Vorgeschmack davon geliefert, was jetzt angesichts der Romane über erfundene KZ-Erlebnisse erneut und leidenschaftlicher diskutiert wird. Womöglich würde die Literatur diesen Ausweg nicht suchen, wenn die Philosophie den Platz besetzt hätte.

Jaspers wird zu den Existenz-Philosophen gerechnet. In den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts spielten sie eine große Rolle, Sartre gehörte dazu und – groteskerweise – auch Martin Heidegger und der christlich geprägte Gabriel Marcel aus Frankreich. Das ist alles in den Hintergrund getreten, aber vielleicht – weil man die Verbindungslinien zur Soziologie nicht sieht – zu Unrecht, und daran gemahnt die frühe Schrift von Jaspers.

Klaus Lüderssen, Jg. 1932, ist emeritierter Professor für Strafrecht, Rechtsphilosophie und Rechtssoziologie an der Frankfurter Goethe-Universität. Er ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher und essayistischer Publikationen.

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