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07. Februar 2016

Karten : Das schwarze Quadrat

 Von 
In Marmor und in Lissabon: Weltkarte mit einem sagenhaften Neptun und Besuchern.  Foto: rtr

Sie bilden nicht ab, sie zeigen dem Betrachter, wie die Welt funktioniert: Ein Querfeldeinritt durch die riesigen Landschaften der Karten.

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Am Anfang aller „Landkarten“ steht eine Sternenkarte. Vor etwa 18 000 Jahren hat jemand in der Halle der Stiere in der Höhle von Lascaux das Sternbild der Plejaden an die Wand gemalt. Ich übertreibe. Es sind gerade mal sechs schwarze Flecken über dem Rücken eines Auerochsen. Kein Wunder, dass nicht alle Wissenschaftler dieser astronomischen Interpretation folgen. Ähnlich umstritten ist die vorgeblich älteste „Landkarte“ der Welt. Sie wurde 1963 im anatolischen Çatalhöyük ausgegraben. Es handelt sich um eine Wandmalerei, die die Siedlung zeigt, wie sie 6200 v.u.Z. aussah. Es heißt, man erkenne darauf – aus der angenommenen „Vogelperspektive“ – die Häuser und den Doppelgipfel des Vulkans Hasan Dagi. Am Anfang der Kartographie stünde also eine Stadtansicht, insofern keine Landkarte. Aber nichts Genaues weiß man nicht.

Da man nur sieht, was man kennt, könnte es sein, dass wir niemals diese Zeichen lesen lernen. Ähnlich verhält es sich mit einer mehr als 4000 Jahre alten Tontafel, auf der manche Forscher glauben, die Darstellung eines Grundbesitzes zu erkennen. Viertausend Jahre alt ist die Himmelsscheibe von Nebra. Im Landesmuseum für Vorgeschichte Sachsen-Anhalt in Halle kann man sie, immerhin eines der wichtigsten Dokumente der Menschheitsgeschichte, besichtigen. Bei ihr ist ganz und gar unklar, ob es sich um eine bestimmte Sternenkonstellation handelt, oder nur um ein Himmelsbild ganz im Allgemeinen. Der „Stadtplan“ von Nippur dagegen, eingeritzt in eine Tonscherbe, ist zwar gerade mal dreieinhalb Tausend Jahre alt, dafür aber sind sich die Wissenschaftler einig, worum es sich hier handelt.

Eintausend Jahre jünger ist die berühmte babylonische Weltkarte. Sie ist im British Museum zu sehen und fehlt in keinem der großen Bücher zur Geschichte der Kartographie. In dem von Vadim Oswalt verfassten Reclam-Band „Weltkarten – Weltbilder“ findet sich nicht nur eine Fotografie der Tontafel, sondern auch eine sehr hilfreiche Nachzeichnung, der man entnehmen kann, dass im Zentrum Babylon steht, im Hintergrund ein Gebirge, unten „Sumpf “ und rechts Assur. Um das alles herum der die Welt umschließende Ozean. Die Karte entstand, als die Juden an den Wassern Babylons saßen und weinten. Wer auf die Website des British Museum geht, findet nicht nur eine Abbildung der Tontafel, sondern auch einen detaillierten Kommentar, der zum Beispiel darauf hinweist, dass auf der Karte das Babylon bezeichnende Rechteck nur auf der rechten Seite des Euphrat eingeritzt ist, während doch die Stadt immer sich an beiden Ufern erstreckte.

Karten bilden nicht ab. Sie erklären. Sie zeigen dem Betrachter, wie die Welt funktioniert. Ein schönes Beispiel dafür ist eine Weltkarte aus der Schedelschen Weltchronik von 1493. Im Zentrum das Universum, in dessen Mitte die Erde steht, wie auf der babylonischen Weltkarte von Wasser umkreist, dann eine Luft-, danach eine Feuersphäre, dann kommen die Sphären von Planeten und Sonne. Insgesamt sind es bei Schedel 13 Sphären. Um die herum weitet sich die Welt und wir sind im Emyreum.

Das ist keine Karte mehr, sondern ein Gemälde. Gott und die Engel umschließen das Universum. Schedel hat den Himmel nach außen verlagert. Der Weltenrichter ist sehr entrückt. Zwischen ihm und der Menschheit liegt das Universum. Das wird gewissermaßen wissenschaftlich beschrieben. Die Gestirne ziehen ihre Bahnen. Es mögen die von Gott eingerichteten sein, aber jetzt geht der Kosmos seinen Gang. Der Kartograph zeigt ihn und er zeigt uns, was ihn trägt und erhält. Die Weltkarte ist ein Weltbild.

Nichts anderes erwarten wir heute von Karten. Ich lasse mir zum Beispiel seit ein paar Wochen wöchentlich eine Karte zuschicken (von Metrocosm.com). Am 1. Februar bekam ich von Max Galka, dem Betreiber der Website, eine, die mir zeigt, wo in den USA das Bruttosozialprodukt am heftigsten gesteigert wird. Bezirk für Bezirk ist analysiert worden. Je stärker die Wirtschaftskraft, desto größer ist der Bezirk auf dieser Karte dargestellt. Groß-New York ist ein gewaltiges Massiv. Kein Wunder: Es ist die zwölftgrößte Wirtschaftsregion der Welt. Gleich nach Kanada und Russland und vor Australien und Südkorea.

Karten bilden nicht ab. Sie erklären. Sie zeigen, was nicht zu sehen ist. Bei Schedel den unsichtbaren Himmel, der den sichtbaren umschließt. Auf einer großartigen Karte von Galka sieht man eine dunkle Welt mit ein paar hellen Flecken. Die zeigen die bevölkerungsstärksten Metropolen der Welt. Die Hälfte der Weltbevölkerung lebt auf gerade mal einem Prozent der Landfläche. Auf dieser Karte sieht man mit einem Blick wo: Nordchina, Bangladesch, Nordindien. Afrika ist abgesehen von Kairo, Nairobi und Lagos bis auf ein paar gelbe Flecken ein schwarzer Kontinent. Also mit weniger als 900 Einwohnern pro Quadratmeile. Leider kann man auf dieser Karte nicht zoomen. Dann könnte man sich kleinere Zentren, wie zum Beispiel Berlin aufrufen und sehen, wie die Stadt in einer leeren Mark Brandenburg versinkt. Das Zoomen würde den Maßstab verändern. Es müssten also mehrere Karten gewissermaßen in einander geschaltet werden.

Die Wahl des Maßstabs entscheidet darüber, wie genau die Karte zeigt, was sie zeigen möchte. Eine Karte im Maßstab 1:1 – über sie haben u.a. Lewis Carroll, Jorge Luis Borges, Umberto Eco und Michael Ende nachgedacht – würde uns wenig Neues sagen über die Welt. Das Meiste von ihr würden wir, wie es ja in der wirklichen Welt auch ist, nicht sehen. Weil es zu klein oder zu weit weg ist. Eine Karte im Maßstab 1:1 würde die Welt nur verdoppeln. Ein Großteil der intellektuellen Produktion des Menschen besteht genau in dieser Verdoppelung. Er zeichnet exakt nach, was er sieht und erkennt es dadurch. Dürers Rasenstück zum Beispiel oder jedes Selbstporträt. Aber so bleiben wir in der Welt, die wir kennen. Wir sehen sie allerdings genauer. Wir erkennen im eigenen Mund plötzlich den des Vaters oder wie der von Professor Kuckuck aufgeklärte Felix Krull in einem reizenden Frauenarm „den Krallenflügel des Urvogels und die Brustflosse des Fisches“. Es gibt also keinen Grund, die Verdoppelung der Welt durch Karten im Maßstab 1:1 zu schmähen.

Aber wie explodiert unsere Wahrnehmung, wenn wir den Maßstab ändern! Die sechs dunklen Flecken aus der Höhle von Altamira zeigen, wenn sie es denn tun, das unvorstellbar weit entfernte Sternbild. Sie stellen das Unvorstellbare vor. Wir halten das gern für die Aufgabe, die Leistung der Kunst. Die Wissenschaft, denken wir, beschäftige sich nicht mit dem Unvorstellbaren, sondern mit der Wirklichkeit. Das ist ganz falsch. Wissenschaft hatte es schon immer und hat es jetzt immer mehr mit dem Unvorstellbaren zu tun. In Brechts „Galilei“ fordert dieser seine Kritiker auf, doch einfach mal einen Blick durch das Fernrohr zu werfen, dann würden sie sehen, dass er nichts Unrechtes behaupte. So sinnlich funktioniert Wissenschaft nicht, hat sie nie funktioniert. Der von Brecht geschätzte Karl Marx schrieb im dritten Band des Kapitals: „Alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen.“ Auch Karten und Kunst versuchen das zu leisten.

Es gibt ein Bild, eine Karte des englischen Theosophen Robert Fludd (1574 – 1631). Sie zeigt die Welt vor der Schöpfung. Ein schwarzes Quadrat, an dessen vier Kanten steht: Et sic in infinitum. Das schwarze Quadrat ist nicht schwarz, schwarz, schwarz. Es gibt Abstufungen des Schwarz, ja weiße Striche darin. Es ist die Abbildung, die Vergegenwärtigung einer weit entfernten Vergangenheit. Jener Zeit, wenn man sie denn Zeit nennen darf, da Licht und Finsternis noch nicht geschieden waren.

Ich bin auf dieses großartige Bild gestoßen in dem ganz und gar unverzichtbaren Buch von Michael Benson: „Cosmigraphics – Picturing Space Through Time“ (Abrams, New York). Leider gibt es darin keine Darstellung einer Welt vor dem Urknall. Das wäre ja die Parallele zu Fludds einzigartigem Bild. Es entstammt übrigens dessen Buch mit dem schönen – in mein holpriges Deutsch übertragenen – Titel: „Die metaphysische, physikalische und technische Geschichte beider Kosmen, des Makro- und des Mikrokosmos.“

Genau dazu brauchen wir Berechnungen und Karten. Sie erlauben uns nicht nur, uns das ganz Große und das ganz Kleine vorzustellen, sondern wir können es so auch in Beziehung setzen zu unserer 1:1-Welt. Karten lokalisieren den Menschen. Auf einer ist er der Wirt von Milliarden Lebewesen, auf einer anderen ist er ein Milliardelstes eines Milliardelsten einer anderen kosmischen Einheit. Fludds Welt vor der Schöpfung war unendlich groß und unendlich einförmig. Vor dem Urknall soll sie unendlich klein und voller Energie gewesen sein.

Die Weltbilder ändern sich. Aber auch die größten ihrer Verächter produzieren sie. Wir können nicht anders. Auch die Physiker, die mit ausgefeiltesten mathematischen Techniken den Bewegungen der – sagen wir einmal altmodisch – Elemente auf die Spur zu kommen versuchen, greifen doch immer wieder auf Bilder zurück. Anders können auch sie sich nicht klarmachen, was geschieht.

Friedrich von Hardenberg (1772 – 1801), Supernumerar-Amtshauptmann für den Thüringischen Kreis arbeitete 1800 mit an der ersten geologischen Vermessung der Region. Ich habe die Karten nicht gesehen, die mit seiner Hilfe entstanden sind. Im selben Jahr schrieb er das Gedicht, das in sein von Friedrich Schlegel postum veröffentlichtes Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“ Eingang fand:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren /Sind Schlüssel aller Kreaturen /Wenn die, so singen oder küssen, /Mehr als die Tiefgelehrten wissen, /Wenn sich die Welt ins freye Leben /Und in die Welt wird zurück begeben, /Wenn dann sich wieder Licht und Schatten /Zu ächter Klarheit werden gatten, /Und man in Mährchen und Gedichten /Erkennt die wahren Weltgeschichten, /Dann fliegt vor Einem geheimen Wort /Das ganze verkehrte Wesen fort.

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