Die Regierung und Behörden in Oslo hatten zur Zurückhaltung ermahnt. Doch nach einem so unvorstellbar grausamen Anschlag ist das Bedürfnis nach Erklärung und Gewissheit groß, beruhigende und tröstende Worte müssen gefunden werden. Ein Bedürfnis, das vollkommen berechtigt ist, das sich allerdings auch ideologisch bewirtschaften lässt und dessen Befriedigung die vornehme und unvermeidliche Aufgabe der Massenmedien zu sein scheint: Kaum jemand wollte sich in den ersten Reaktionen auf den Bombenanschlag die Blöße blanker Ahnungslosigkeit geben, obwohl zu diesem Zeitpunkt nicht einmal gewiss war, ob es sich um einen einzelnen oder mehrere Täter handelte. Nichts ist schlimmer, als der sinnlosen Gewalttat nicht mit Sinn begegnen zu können.
Und so wurde gegen alle Vorsicht ausgiebig über die „ideologischen Hintergründe“ des Anschlags spekuliert – und mit großer Zuverlässigkeit immer wieder über Al Kaida und Islamismus gesprochen. Rechtsradikalismus oder christlicher Fundamentalismus schienen dagegen vollkommen abwegig und wurden, wenn überhaupt, nur am Rande, gewissermaßen der ausgewogenen Vollständigkeit halber erwähnt. Obwohl es mit dem Anschlag auf Oklahoma 1995 durchaus ein historisches Vorbild gegeben hätte. Und obwohl auch Norwegen, das europäische Musterland, nicht frei von fundamentalistischen Irrläufern ist, Neonazis und Rechtspopulisten inklusive. Die fremdenfeindliche Fremskrittspartiet erhielt bei den Parlamentswahlen 2009 immerhin 22,9 Prozent der Stimmen.
Lückenbüßer der Ahnungslosen
Wie sehr das „Feindbild Islam“ zum Lückenbüßer für die allgemeine Ahnungslosigkeit geworden ist, führte das öffentlich-rechtliche Fernsehen am Freitag vor. Als die norwegischen Behörden erste Angaben über den mutmaßlichen Täter veröffentlichten, ließ sich der eilig zum „Terrorismusexperten“ ernannte Rainald Becker in den „Tagesthemen“ immer noch nicht beirren und nutzte den größten Teil seiner Ausführungen zur Beschwörung der islamistischen Gefahr: In einer kruden Mischung aus völkerkundlichen und hobbypsychologischen Stereotypen schwadronierte er von einem „großen und blonden“ Norweger, der aber zum Islam konvertiert sein könnte, was allerdings eine besondere Gefahr bedeute, weil man doch von Konvertiten wisse, dass sie besonders radikal seien.
Die öffentlich-rechtliche Irrlichterei hatte seine Entsprechung übrigens im ZDF, hier hieß der „Experte“ nur Elmar Theveßen; er zeigte sich genauso unwillig, von seiner Islamismusthese abzurücken, und verbohrte sich in wilde, kaum konsistent zu nennende Spekulationen. Einfach zuzugeben, nicht Beschied zu wissen oder abhängig von behördlich kontrollierten Informationen zu sein, oder seine Zuschauer mit einem Verzicht auf halbgares Hörensagen zu enttäuschen oder sie mit eigenen Recherchen zu überraschen – undenkbar! ARD und ZDF, aber nicht nur ihnen, kommt das fragwürdige journalistische Verdienst zu, ihre Zuschauer anstatt aufzuklären, regelrecht dümmer gemacht zu haben. Das Bedürfnis nach Sinnstiftung zu befriedigen ist verlockend, es verspricht Quote und Auflage.
Vom Islamisten zum Irren
Dabei ist das Muster dieser Sinnstiftung immer wieder dasselbe, es geht um die Konstruktion eines Feindbildes, einer Gefahr, die von Außen kommt und mit „uns“ möglichst nichts zu tun hat. Es geht also um Ausgrenzung, und die sah im Falle des norwegischen Attentäters so aus: Erst galt er als Islamist; dann als Rechtsradikaler, wobei er allerdings einer entsprechenden Gruppierung nicht richtig zuzuordnen war; auch ein christlicher Fundamentalist sollte er gewesen sein, aber das „christlich“ schien offenbar zu unheimlich, da zu nahe, und verschwand also wieder; und am Schluss blieb ein irgendwie wahnsinniger Einzeltäter, ein Sonderling, möglicherweise mit einer erheblichen Persönlichkeitsstörung, ein Psychopath. Weiter ließ sich Anders Behring Breivik wohl nicht aus unserer Mitte wegdefinieren.
Wir wissen, dass Breivik ein Massenmörder ist. Seine Tat war nicht vorhersehbar – er war der Polizei bislang nicht aufgefallen. Breivik war ein Schläfer, doch sehr wahrscheinlich ohne einem Terrornetzwerk anzugehören. Er war bis 2006 Mitglied in der Fremskrittspartiet und in rechtsextremen Internetforen unterwegs, er mag sich ansonsten im „Netzwerk“ des allgemeinen rechtspopulistischen Ressentiments aufgehoben gefühlt haben. Er soll zudem Mitglied einer Freimaurerloge und in einem Schützenverein gewesen sein, angeblich hat er Videospiele wie „World of Warcraft“ und „Modern Warfare 2“ gespielt, aber auch ein Osloer Handelsgymnasium besucht, offenbar schätzte er die Schriften von William Shakespeare, John Stuart Mill, Immanuel Kant und Richard Rorty...
Was ist das für ein – weitgehend unvollständiges – Täterprofil? Es ist in alle Richtungen offen. Es ist auch ein Teil der Selbstinszenierung Breiviks, er hat für einen entsprechenden Nachlass vor allem im Internet, vor allem auf seiner Facebookseite und in seinem Manifest „2083: Eine europäische Erklärung der Unabhängigkeit“ gesorgt, offenbar peinlich darauf bedacht, bis zuletzt das Bild zu bestimmen, das sich die Öffentlichkeit von ihm macht und mit dem er in die Geschichte eingehen will. Und tatsächlich, vieles von dem, was wir jetzt über Breivik zu wissen glauben, wissen wir von ihm selbst – als wären wir seine Nachlassverwalter. Nicht zuletzt mit seinem Manifest scheint Breivik das Drehbuch geschrieben zu haben, in dem unsere Rolle bereits festgeschrieben ist.
Die neue Islamkritik des Kleinbürgers
Eine bittere Ironie des Manifests besteht darin, dass Breivik hier eben jene Islamophobie heraufbeschwört, die zumindest in Teilen längst zum Allgemeingut geworden ist, als „Islamkritik“ beinahe schon zum guten Ton in gut- bis kleinbürgerlichen Kreisen gehört und nicht zuletzt auch dafür gesorgt hat, zuerst über einen „islamistischen Hintergrund“ der norwegischen Terroranschläge zu spekulieren. Breiviks Manifest ist voll von rechtsradikalen Stereotypen. Hier offenbaren sich die Einsichten eines modernisierten Rechtsradikalismus oder, in seiner – noch – rechtsstaatlich gezähmten Variante, des in Europa parteienförmig sich ausbreitenden Rechtspopulismus, der nicht länger antisemitisch oder antizionistisch in Erscheinung tritt, sondern im Islam den neuen Feind entdeckt hat.
Zahlreich sind in Breiviks Manifest die Verweise auf die Ideologen der neuen Rechten, etwa auf den Gründer der Webseiten „JihadWatch“ und „Dhimmiwatch“, den Amerikaner Robert Spencer, für den es „keinen klaren Unterschied zwischen friedlichen und gewalttätigen oder moderaten und radikalen Moslems“ gibt und der unter anderem Verbindungen zum rechtspopulistischen Vlaams Belang in Belgien unterhält. Oder auf das fremdenfeindliche Internetforum „Gates of Vienna“ und damit auch auf Elisabeth Sabaditsch-Wolff, für die „der Islam feindselig (ist). Der Koran ist böse. Muslime hassen uns und sind im Dauerkrieg mit uns.“ Auch Sabaditsch-Wolff ist gut vernetzt, hat gute Beziehungen zu anderen europäischen Rechtspopulisten wie Geert Wilders und hält regelmäßig Vorträge auf Veranstaltungen der FPÖ.
In Deutschland warnen „Islamkritiker“ wie Henryk M. Broder, auf den im Manifest verwiesen wird, oder Necla Kelek in drastischen Worten vor der Kapitulation des Westens angesichts der islamischen Bedrohung. Doch eine entscheidende Frage lautete immer: Worauf wollen sie hinaus? Was folgt aus ihrer Kritik? Was soll aus den Muslimen in Europa und ihrem „nicht-reformierbaren Islam“ werden? Breivik hat mit seinem Massenmord eine sehr praktische Antwort gegeben. Auch in seinem Manifest finden sich detaillierte Pläne für die große Deportation. Dabei sei es besser, so schreibt er, „zu viele Muslime umzubringen als zu wenig“ – bis dann eine „neue Ritterschaft“ wiederauferstanden sein wird, im Zeichen des roten Kreuzes, das sein Manifest schmückt.
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