Und nicht nur das Kinderzimmer. Auch unsere anderen Denk- und Lebensräume präsentieren nicht mehr eine spezielle Auswahl, sondern nach Möglichkeit die Summe dessen, aus dem wir in Zukunft auswählen wollen. Die Wahl zu haben: dieses Hauptversprechen der Demokratie ist längst auch in unseren Konsumalltag diffundiert. "Jetzt kann sich jeder alles leisten", lautet der aktuelle Werbespruch eines Elektronikanbieters.
Notfalls ermöglichen es eben ein paar günstige Kleinkredite, die Ausstattung unseres Zuhauses der des Geschäftes vollends anzugleichen. Die Wahl habe ich dann nicht allein beim Kaufakt, sondern praktisch immer.
Freilich darf ein Produkt, zu dem ich auch die neun Alternativen besitzen möchte, nur ein Zehntel dessen kosten, was ich ansonsten dafür ausgegeben hätte. Woraus folgt, dass es zum Beispiel nicht mehr da hergestellt werden kann, wo es gekauft wird, sondern in Billiglohnländern: das Fahrrad für 100 Euro, der PC für 300, das Radio für 19. Und die Modellbahn-Startpackung für 21,90. Auspacken, ausprobieren, aussondern. Danach bleiben noch etwa 180 Euro übrig, die es zusätzlich gebraucht hätte, um die letzte Starterset-Marktinitiative von Märklin zu unterstützen, die auf den rührend-verzweifelten Titel "Papa komm spielen" hört. Papa kommt aber nicht spielen, dafür hat Papa keine Zeit, er muss stattdessen für Alternativen sorgen.
Oder ganz deutlich: Nicht allein die unglücklichen Göppinger Manager oder die sturen Göppinger Banker - wir alle haben Märklin auf dem Gewissen. Auch ich, wenn ich mit dem Kauf einer Lok warte, bis sich die Internet-Anbieter eine Preisschlacht liefern. Mit unserer Kaufstrategie, uns nicht etwas Bestimmtes und Verbindliches, sondern eine möglichst große Fülle zuzulegen, haben wir Produkte wie die von Märklin ins Hintertreffen geraten lassen.
Wer jetzt den Fall Märklin bedauert, sollte also, wenn ich mir den Kalauer erlauben darf, keine Krokodilstränen vergießen. Das Sortiment wird sicher erhalten bleiben, wenigstens eine Weile. Doch nicht deswegen bitte ich um wohlbegrenzte Verzweiflung. Sondern wegen unser alle Beitrag zur Veränderung der Produktwelt. Täglich stimmen wir an den Kassen ab und sind, zu Recht, stolz auf die Macht als Kunde. Doch dann dürfen wir auch nicht klagen, wenn wir in Zukunft nur noch bekommen, was wir wollen. Und vielleicht gehört dazu auch, ganz und gar unverlangt: die große Krise.
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