kalaydo.de Anzeigen

Keine Krokodilstränen: Wir haben Märklin auf dem Gewissen

Nicht allein die unglücklichen Göppinger Manager oder die sturen Banker - wir alle sind schuld. Auch ich, wenn ich mit dem Kauf einer Lok warte, bis sich die Internet-Anbieter eine Preisschlacht liefern. Von Burkhard Spinnen

Die Krokodil war einst die begehrteste Lok der Märklin-Modelleisenbahnen. Schon seit 1895 stellte der Göppinger Familienbetrieb seine Fabrikate her.
"Die Krokodil" war einst die begehrteste Lok der Märklin-Modelleisenbahnen. Schon seit 1895 stellte der Göppinger Familienbetrieb seine Fabrikate her.
Foto: märklin

Ich kann es mir lebhaft vorstellen: Ausgerechnet auf der 60. Spielwarenmesse in Nürnberg hätte man so gerne den 150. Geburtstag der Firma Märklin gefeiert. Mehr noch: Die ganze Modellbahnbranche hätte sich gerne gefeiert: "Schaut her, der Phönix Modelleisenbahn ist mal wieder aus seiner Asche auferstanden." Doch nun wird nichts aus der Feier. Nachdem in den letzten Jahren die Mitbewerber reihenweise in den Konkurs gegangen sind, verkauft oder zwangsfusioniert wurden, meldet jetzt die Mutter aller Modellbahnen Insolvenz an.

Und da stockt uns der Atem. Momentan warten wir auf den "richtigen" Ausbruch der Krise, so wie man auf den angekündigten Abgang einer Lawine wartet. Wir warten und hoffen dabei, dass nichts passiert. Manch einen treffe ich, der sagt: "Ist vielleicht nur so ein Hype, die Krise." Also bloß eine Meldung, die sich im Medienkosmos selbstständig fortpflanzt und dabei aufbläht. Ein Sturm über dem Atlantik, den die katastrophenverliebten Meteorologen auf Stärke 8 hochreden und der dann bloß als Brise aufs Festland trifft.

Der Autor

Burkhard Spinnen, Jahrgang 1956, lebt als Schriftsteller in Münster. Schon in einer seiner frühen Erzählungen verstrickt der Modelleisenbahnbau in eine bedrohliche Ausnahmesituation. In der Reihe "Kleine Philosophie der Passionen" veröffentlichte Spinnen ein Buch zum Thema "Modelleisenbahn" (Deutscher Taschenbuch Verlag). Zuletzt kam sein Roman "Mehrkampf" im Frankfurter Verlag Schöffling & Co heraus. Dort wird in diesem Monat auch sein zweiter Kinder- und Jugendroman "Müller doch Drei" erscheinen.

Doch mit solchem Optimismus ist jetzt Schluss. Die Einschläge kommen nicht nur näher - sie sitzen auch genau in den empfindlichen Partien. Mit Märklin geht ja nicht irgendein mittelständisches Unternehmen wegen knapper Finanzen in die Knie, nein: Hier wird ein Zeichen gesetzt, ein denkbar schlechtes dazu. Denn wofür steht Märklin?

Kurz gesagt: für eine Identität von Geschichte, Region und Qualität. Die Banken mögen hier eine Firma wie viele andere sehen; 120 Millionen Umsatz, das ist nun wirklich nicht die Welt. Aber für uns Nicht-Banker ist Märklin der Name für ökonomische Kontinuität, für die Verbindung von Region und Produktivität sowie für die Weltgeltung hiesiger Qualitätsprodukte.

Wir müssen keine Modellbahner sein, wir können die Modellbahn sogar lächerlich finden - und dennoch konstruieren wir über Firmen wie Märklin unsere Generalidentifikation mit der Heimat als Produktionsraum.

Autos von Volkswagen, Maschinen von Siemens, Zwieback von Brandt, Modelleisenbahnen von Märklin: So bevölkern wir unser inneres Heimatmuseum, in dem Natur bloß noch als schützenswertes Biotop vorkommt, während die Dinge und Marken für das eigentlich Heimische sorgen.

Geht das jetzt zu Ende? Liefert Märklin ein Beispiel für das Ende der Folklore im Industriezeitalter? Oder ist diese Insolvenz sogar ein Menetekel für die kommende Wirtschaftskrise? Ich höre, wie man jetzt nicht nur in den Gängen der Nürnberger Spielwarenmesse, sondern in allen deutschen Denkspielzimmern zu ergründen sucht, ob dies hier ein bedauerlicher Einzelfall, eine "hausgemachte" Schlappe oder aber das Resultat allgemeiner und weitreichender Veränderungen ist.

Dabei sind die wesentlichen Argumente längst durchgearbeitet. Schon seit drei Jahren ist Märklin kein Familienunternehmen mehr, 2006 wurde es an einen englischen Investor verkauft, nachdem sich die Besitzerfamilie nicht auf ein neues Geschäftskonzept hatte einigen können.

Schon lange hat Märklin keine Vorstände mehr, die mit kindlichem Stolz vor ihren Produkten stehen und dabei aussehen, als hätten sie ihre Leidenschaft zu ihrem Beruf gemacht. Stattdessen kamen Manager, die zuvor dies und jenes gemacht hatten; wenn sie rasch wieder gingen, dann aus "persönlichen Gründen".

Und die Produkte selbst: Für massentaugliche Spielzeuge mittlerweile viel zu sensibel und zu teuer, auf Druck der von "Nietenzählern" gesteuerten Fachpresse zu preziösen Sammlerstücken geworden, mit denen man zwar viel Bewunderung auslösen, aber keine nennenswerte Stückzahl mehr erreichen kann.

Dazu sind alle Modellbahnhersteller in den letzten Jahren in ein doppeltes Loch gefallen: Die Bahn hat insbesondere bei der jüngeren Generation ihren Nimbus als Verkörperung des technischen Fortschritts verloren; überdies dünnt sich die jüngere Generation immer weiter aus.

Das alles spräche für eine "Göppinger Erklärung", also für den Abstieg einer Firma, die ihre Führung, ihre Produkte und ihren Markt, kurz: ihre Identität verloren hat. Kein Wunder, wenn sich dann auch die Banken abwenden. Die haben ja momentan wirklich nichts zu verschenken.

Doch obwohl ich die Katastrophenverliebtheit gerne als Achte Todsünde etabliert wüsste, glaube ich nicht so recht an die "Göppinger Erklärung". Ich glaube, der Fall Märklin ist mehr als die Krise eines einzelnen Produktes. Er macht uns vielmehr schmerzlich klar, wie wir alle mit unserem ganz normalen alltäglichen Konsumverhalten eine andere Produktwelt schaffen.

Zum Beispiel, indem wir bei den Geschenken für unsere Kinder bereits einkalkulieren, dass den Status des Geschenks heute der Beschenkte festlegt. Das klingt, wenn ich es so formuliere, durchaus angemessen: Man soll doch Kindern keine Vorschriften machen, womit zu spielen sei! Aber was bewirkt solch korrektes Verhalten in der ökonomischen Praxis?

Es bedeutet zum Beispiel, dass ich beim Kauf einer Modellbahn bereits deren Ablehnung und anschließende Überflüssigkeit einkalkuliere, und zwar durch meine Orientierung am Preis. Der Kauf ist keine "Anschaffung" mehr, sondern ein "Angebot", das möglicherweise (oder eher: wahrscheinlich) ausgeschlagen wird. Das Kinderzimmer ist eh gerammelt voll.

1 von 2
Nächste Seite »
Autor:  Burkhard Spinnen
Datum:  7 | 2 | 2009
Seiten:  1 2
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Theatertreffen 2012
Der Ausnahmefall: „Borkman“ an der Volksbühne.

Alles rund ums bedeutendste deutsche Theaterfestival, das Theatertreffen vom 4.-21. Mai 2012 in Berlin.

Anzeige

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Medien
Das Fünf-Sterne-Hotel
Polen und Ukraine im TV 
Reinhard Mirmseker mit Manuela Wolf in der „Wernesgrüner Musikantenschenke“.
Korruption 
Twitter wird für den Erfolg von Kinofilmen immer wichtiger.
Soziale Netzwerke entscheiden über Kino-Erfolge 
Wie beliebt wir in den sozialen Netzwerken sind, hat immer mehr Auswirkungen auf das
Facebook, Twitter und Co. 
Theatertreffen

Video

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen


Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Meistgeklickt
        

Petra Roth spricht über das Buch, das Matthias Arning (rechts) geschrieben hat.
Petra Roth 
Das DFB-Bundesgericht mit dem Vorsitzenden Goetz Eilers hat entschieden: Das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC wird nicht wiederholt.
Kein Wiederholungsspiel zwischen Düsseldorf und Berlin 
Diese Schilddrüse ist eindeutig krank.
Skandal am Klinikum Hildesheim 
Die Politik entscheidet am Freitag über die Organspende-Reform. Doch wissen wir wirklich, wann ein Mensch definitiv tot ist?
Interview Organspende-Regelung 
 
 
 
 
 
 
 
 
World Press Photo
Das beste Pressefoto 2012: Eine jemenitische Frau hält einen verwundeten Verwandten in ihren Armen.

Beeindruckende Aufnahmen: FR-online.de präsentiert interaktiv die Pressefotos des Jahres.

Anzeige

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.

ANZEIGE
- Informationen finden, um die Main Metropole Frankfurt entdecken und erleben zu können.
- Fragen & Antworten
- Bei HOH finden Sie Hardware, Computer und aktuelle Software zu günstigen Preisen.
- Kauftipps!
Quiz
Dezember 2006.

Thomas Gottschalk hat sich bei "Wetten, dass..." verabschiedet. Er bewegt die TV-Nation. Testen Sie Ihr Wissen.