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01. Januar 2013

Kino : Jack jagt Zec

 Von Anke Westphal
"Jack Reacher" erzählt ohne jede Hektik, in oft langen Einstellungen und mit Referenzen an das Kino der 1970er-Jahre. Foto: dpa

In "Jack Reacher" spielt Tom Cruise einen anti-glamourösen Helden, der mit Opa-Hose und in billigen Turnschuhen Gangster jagt. Sein Gegner ist ein alter Bekannter.

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In "Jack Reacher" spielt Tom Cruise einen anti-glamourösen Helden, der mit Opa-Hose und in billigen Turnschuhen Gangster jagt. Sein Gegner ist ein alter Bekannter.

Schöner könnte der Tag nicht sein, mittags im Park der Stadt. Die Sonne scheint, die Menschen atmen durch. Und ein Scharfschütze sucht sich Ziele. Das Kindermädchen mit seinem kleinen Schützling, die Witwe eines Bauunternehmers, zwei Angestellte, die eine heimliche Affäre pflegen, und die Joggerin – sie alle ahnen in dieser Stunde nichts von ihrem bevorstehenden Tod. Es scheint, als hätte der Mörder seine Opfer zufällig ausgewählt. Bald hat die Polizei einen Verdächtigen: einen ehemaligen Soldaten, ein Sniper mit entsprechender Vorbelastung. Aber der Mann sagt nicht aus. Er will nur einen Zettel. Darauf schreibt er genau drei Worte: „Holt Jack Reacher“.

Wer ist Jack Reacher? Millionen Leser kennen ihn aus den Bestsellern von Lee Childs, und auch die Polizisten in dem neuen Film von Christopher McQuarrie haben den Namen natürlich schon einmal gehört. Denn Jack Reacher ist eine Legende, und außerdem ist er so gut wie unerreichbar. Man kann ihn nicht finden – vielmehr ist es so, dass Jack zu einem kommt. Wenn er will.

Jack Reacher hat keinen festen Wohnsitz, er hat kein Bankkonto, kein Handy und kein tolles Auto. Er lebt mal in diesem, mal in jenem schäbigen Motel und bezahlt immer bar. Seine Kleidung ist rein praktisch und vor allem unauffällig. Sein Haarschnitt ist eine Zumutung.

"Analoge Figur in einer digitalen Welt"

Früher war Jack Reacher Militärpolizist – jeder seiner Verdächtigen war also ein ausgebildeter Killer. Irgendwann ist etwas passiert in seinem Leben. Seither arbeitet Jack als Einzelkämpfer, der nicht zum Establishment gehört und außerhalb des Systems operiert, für Recht und Ordnung. Es trifft sich gut, dass er noch immer ein begnadeter Nahkämpfer ist. Was diesen Jack von anderen Action-Helden unterscheidet? Die völlige Aufgabe irgendeiner Art von gesellschaftlicher Verankerung natürlich. Nicht aufzufinden zu sein war für Jack einst nur eine Trainingsübung, die dann zur Sucht wurde.

Tom Cruise hat Jack Reacher als eine analoge Figur in einer digitalen Welt bezeichnet. Cruise muss es wissen, schließlich verkörpert er diesen urbanen Law-&-Order-Nomaden in McQuarries Thriller „Jack Reacher“. Wenn der Hollywood-Star darin zum ersten Mal die Szenerie betritt, ist man schwer irritiert. Denn Mr. Cool hat sich als Durchschnittsamerikaner maskiert, abzüglich des üblichen Übergewichts. Man sieht einmal, zweimal hin und glaubt es irgendwie nicht, aber es ist doch Tom Cruise, der sich da in billigen Turnschuhen, Opa-hafter Hose und einer etwa 20 Jahre alten Joppe eines Kriminalfalls annimmt, natürlich „off the records“ und mit den eigentlichen Ermittlern konkurrierend.

Das stumpfe Haar, die stoische Miene und der Realismus, der hinter sentimentalen Annahmen die Wahrheit sieht – das alles ist Tom Cruise. Möglicherweise ist es auch das Helden-Rollenmodell des noch jungen Jahres 2013: In einer Ära, da sich jeder ständig selbst optimieren soll, die eigenen Masken eingeschlossen, hat letztlich der die besten Chancen, der unsichtbar bleibt und dessen Strategien nicht erkannt werden können.

Anti-glamouröser Held

Einige US-Filme – man denke nur an Ryan Gosling in „Drive“ – haben bereits hingeführt zu diesem anti-glamourösen Heldentypus des hellwachen Wächters, der sich aufgrund seiner Erfahrungen für das Abseits entscheidet, diese Außenseiterposition aber sehr erfolgreich nutzt. Wenn er muss.

Letztlich repräsentiert dieser Typus eine alte Utopie von Selbstbestimmung. Und so „analog“ wie Jack Reacher lebt, ist auch dieser Film erzählt: ohne jede Hektik, mit Gespür für Dialoge, in oft langen Einstellungen und mit Referenzen an das Kino der 1970er-Jahre. Die finden dann in der Besetzung einer wichtigen Nebenrolle mit dem Schauspieler Robert Duvall ihren schönsten, zärtlichsten Ausdruck. „M.A.S.H.“, „Der Pate“, „Network“, „Der Clan“ oder auch „Apocalypse Now“ – all diese Filme hat Robert Duvall in den 1970ern gedreht. Als Redneck und Schießplatzbesitzer Cash hält er nun dem Analytiker und Aufräumer Jack Reacher bei der Begegnung mit dem Bösen den Rücken frei.

Und hier treffen noch einmal zwei Welten aufeinander, wenn Tom Cruise als Guter und Werner Herzog als Bösewicht im Kabuff einer Kiesgrube zusammenkommen. Es ist fast wie eine Versöhnung Hollywoods mit dem Autorenkino, die zwar gar nicht notwendig erscheint – sie sind längst oft ein Paar –, aber um so anrührender wirkt. Und sogar etwas heiter stimmt, wenn Herzog als The Zec von seinen furchtbaren Erlebnissen während einer Gefangenschaft in Sibirien berichtet, die ihn zu einem Tier gemacht haben, das nur eines will – überleben.

Denn der gebürtige Bayer Herzog spricht ausgesprochen melodisch, ja fast feierlich getragen. Und das bringt unerwartet eine poetische Dissonanz in diesen Film, der das Böse dort stellt, wo es am schädlichsten wirkt – an den Fundamenten der Gesellschaft.

Jack Reacher USA 2012. Buch & Regie: Christopher McQuarrie, Kamera: Caleb Deschanel, Darsteller: Tom Cruise, Rosamund Pike, Richard Jenkins, David Oyelowo, Werner Herzog, Robert Duvall u. a.; 131 Minuten, Farbe. FSK ab 16.

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