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16. November 2012

Kino: Wie ein wilder Stier

 Von Daniel Kothenschulte
Martin Scorsese: "Ich bin jetzt in einem anderen Kapitel meines Lebens." Foto: dapd

Martin Scorsese, die ideale Verkörperung des Filmregisseurs, wird am Sonnabend siebzig Jahre alt

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Siebzig Jahre mögen alt anmuten für Rockstars, wie sie Martin Scorsese gerne in seiner dokumentarischen Arbeit porträtiert, Filmemachern allerdings steht das achte Lebensjahrzehnt oft besonders gut zu Gesicht. Und Martin Scorsese ist ja nicht nur der am höchsten angesehene Filmkünstler der USA. Er ist auch derjenige, der unser Bild von einem großen Regisseurs idealtypisch ausfüllt: streng und kompromisslos in seiner Arbeit, freundlich und geduldig im öffentlichen Auftreten. Ein Arbeiter, ein Intellektueller und ein Gentleman auf dem roten Teppich.

Er besitzt alle Lebenserfahrung eines italienischstämmigen Kinds von den Straßen Brooklyns, das die abenteuerliche und chancenreiche, aber auch harte Nachkriegsatmosphäre mit offenen Augen und Ohren in sich aufsog. Und er hat allen Kunstverstand eines alten Meisters; nicht nur über jeden Filmstil, über alle Epochen der Kulturgeschichte weiß er bestens Bescheid.

Und sieht man dann einen Scorsese-Film, dann wird aus beidem eins: Als der Kenntnis des Lebens und der der Kunst wird eine Art von Kino, die keiner dieser beiden Ressourcen die Vorherrschaft erlaubt. So sind Martin Scorseses beste Filme ebenso sehr Genrefilme wie sie Kunstfilme sind.

Allein Scorseses facettenreiche New-York-Filme repräsentieren einen einzigartigen Corpus in der Filmgeschichte. Vom harten Realismus seines ersten Mafia-Films „Hexenkessel“ (1972) führte sein Weg zu „Taxi Driver“ (1976), dem vielschichtigen Psychogramm eines vereinsamten Mannes, der zum Gewalttäter wird. Es wurde vielfach imitiert. Doch obwohl Scorsese für „Taxi Driver“ eine Goldene Palme in Cannes erhalten hatte, überging man ihn damals bei den Oscars. Ein Trauma, das auch dann noch spürbar blieb, als er im Jahre 2007 endlich für den Thriller „Departed“ geehrt wurde.

Kampf für den Erhalt des Filmerbes

„Ich war damals so enttäuscht“, erinnerte er sich. „Ich sagte zu mir: So wird es dann wohl bleiben. Was hätte ich sonst tun sollen? Hinsetzen und heulen?“ Ein regelrechtes Denkmal setzte Scorsese seiner Heimatstadt 1977 mit „New York, New York“, in dem Liza Minnelli den klassischen Song aus der Taufe hob. Zur Zeit bereitet er einen Film über den zweiten großen Interpreten des Liedes vor, Frank Sinatra.

Immer wieder umarmte Scorsese die Genres des klassischen Hollywood und machte dabei etwas völlig Neues daraus. Sein Schwarz-Weiß-Film „Wie ein wilder Stier“ (1980) besitzt alle Intensität der besten Boxerfilme aber zusätzlich auch eine ganz eigene Schönheit. Doch da war noch mehr, das den Scorsese-Stil ausmachte: Eine peitschende Ungeduld, eine Ruhelosigkeit, die der messerscharfen Brillanz seines Denkens entsprach – spürbar bis heute in seinen Reden über das Kino. Man klebt dann an seinen Lippen – zumal Martin Scorsese die meisten seiner Auftritte heute in den Dienst einer großen Sache stellt: Erfolgreich kämpfte er bei den Hollywoodriesen mit seiner Organisation „The Film Foundation“ für den Erhalt des Filmerbes. Parallel dazu fördert die von ihm mit gegründete „World Cinema Foundation“ den Erhalt von vernachlässigten Werken des Weltkinos.

Man kann durchaus sagen, dass dieser Teil von Martin Scorseses Arbeit inzwischen bedeutender geworden ist als seine Filmregie. Keine der Großproduktionen wie „Aviator“, „Gangs of New York“ oder „Departed“ besitzt den Charme seiner kleinen, aber zeitlosen Filme „King of Comedy“ und „Die Zeit nach Mitternacht“. Zu leichtfertig scheint er heute die technischen Möglichkeiten der Digitalisierung zu umarmen. „Hugo Cabret“, der zu großen Teilen computergenerierte 3D-Film über den frühen Kinozauberer Méliès, sieht jetzt schon aus, wie das High-Tech-Spielzeug vom vergangenen Weihnachtsfest, das nach drei Tagen nicht mehr interessiert. Und doch würde man für nichts in der Welt einen neuen „Scorsese“ versäumen.

„Ich bin jetzt in einem anderen Kapitel meines Lebens“, meint Scorsese, „Wie die Zeit vergeht und ich älter werde, finde ich, dass ich ruhiger und nachdenklicher werden sollte.“ Seien wir gespannt, ob hier ein neue Werkphase ihren Anfang nimmt.

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