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Kinostart "Gigante": Vom Liebreiz Schwarz auf Weiß

Adrián Biniez Spielfilmdebüt "Gigante" reflektiert überraschend vielschichtig das Phänomen der Videoüberwachung. Als Romanze, Thriller, Komödie und Sittenspiegel zugleich. Von Heike Kühn ( mit Video)

Im Kino bevorzugt der Wachmann Jara (Horacio Camandulle) Horrorfilme, um seinem grauen Leben etwas Blut zu verleihen.
Im Kino bevorzugt der Wachmann Jara (Horacio Camandulle) Horrorfilme, um seinem grauen Leben etwas Blut zu verleihen.
Foto: Neue Visionen Filmverleih

Wer ins Kino geht, bezahlt dafür, nicht selbst agieren zu müssen. Andererseits haben zahllose Filme die Faszination des Kino-Voyeurs reflektiert und den Zuschauer zum Protagonisten gemacht. Von "Peeping Tom" bis zu "Amelie" sind dabei Facetten des obsessiven Hin(weg)sehen durchexerziert worden.

Der Mörder, der in "Peeping Tom" vorgibt, Photos zu "schießen", aber im Moment der Aufnahme ein an der Kamera befestigtes Messer ausfährt, beschreibt den Teufelskreis einer buchstäblich tödlichen Wahrnehmung. Hoffnung lieg erst in der Aufgabe des Zuschauersessels wie für den alen Mann in "Amelie": Perversion und Einsamkeit, sie liegen im Moment der distanzierenden Betrachtung nahe beieinander.

Aber was ist mit der Grauzone der Bilder, in der - ohne Inszenierung - der Film des Lebens spielt? Immer mehr Filme beschäftigen sich mit dem Phänomen der allgegenwärtigen Überwachungskameras, die uns ohne unsere Einwilligung zum Bild machen. Wer sind die professionellen Betrachter in den Kontrollräumen?

Gigante, Trailer. Uruguay, Argentinien, Deutschland, Spanien 2009

Adrián Biniez hat mit seinem Spielfilmdebüt "Gigante" einen überraschend vielschichtigen Weg gefunden, die Betrachtung eines professionellen Betrachters als Romanze, Thriller, Komödie und Sittenspiegel anzulegen. Auf den diesjährigen Berliner Filmfestspielen wurde er dafür mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet.

"Gigante" spielt in Montevideo, Uruguay, und könnte im Filmtitel auf die kolossale Gestalt der Hauptfigur Jara zugeschnitten sein. Doch der 35-jährige Wachmann, der in Nachtschichten vor den Bildschirmen eines Supermarktüberwachungssystems sitzt, ist nicht deshalb gigantisch, weil seine Physiognomie ihm einen zusätzlichen Job als Rausschmeißer ermöglicht. Jara ist ein Gefühls-Riese.

Schüchtern, wortkarg und mit einem altmodischen Gespür für die Intimsphäre der Anderen, hebt er sich von seinen Kollegen ab: Wenn die anderen Überwachungsmänner den Hintern einer Putzfrau herbeizoomen, schaltet Jara um. Die Supermarkt-Welt, die er zu sehen bekommt, ist Schwarz und Weiß, das Licht, das die Monitore abstrahlen, taucht den Überwachungsraum in ein unterseeisch flackerndes Blau. Wer überwacht, sagt diese klaustrophobische Szenerie, ist nicht von dieser Welt.

Wenn Jara ins Kino geht, bevorzugt er Horrorfilme. Sie spenden der unwirklichen Monotonie seines Lebens künstliches Blut. Im Supermarkt geschieht nie etwas. Bis Jara sich verliebt. Für ihn allein hebt sich die neue Putzfrau Julia von dem grauen Bildschirm-Geflimmer ab, das wie die Wiederholung einer höllischen Soap aussieht: Müde, unterbezahlte Frauen, ein überheblicher Abteilungsleiter, Berge von Waren, die zu teuer sind und deshalb so manche Putzkraft zum Stehlen verleiten. Wenn wir den Supermarkt später im Licht des täglichen Konsumversprechens sehen, schmerzen die grellen Farben in den Augen. Selbst die Kittel der Putzfrauen sind pink.

Jaras Leistung ist es, Julias Liebreiz Schwarz auf Weiß zu erkennen - gerade so wie in alten Liebesfilmen. Vom Olymp der Überwachungszentrale aus steht er ihr in Krisen bei und löst sogar einen Alarm aus, um einen Konkurrenten auszuschalten. Doch mag sich Jara auch wie ein eifersüchtiger Gott gebärden, der dank einer übergeordneten Perspektive das Schicksal der Begehrten umzulenken vermag, auf Augenhöhe kann er ihr nicht begegnen.

Wird der Voyeur zum Stalker, der Bildbesessene zum Körperfeind? Biniez spielt hinreißend mit den Zeichen des Bösen, doch trägt Horacio Camandulle in der Rolle des Jara so schwer an seiner Redlichkeit, dass man keinen Moment glaubt, er könne aus dem Rahmen dieser kunstvoll verlangsamten und ungeheuer komisch vom üblichen Drama losgelösten Liebesgeschichte fallen.

Nicht nur die Supermarkt-Kameras produzieren statische Einstellungen, auch Jaras eigene Wahrnehmung funktioniert so, dass er gleichsam von einem Bild zum nächsten umschalten muss. Dazwischen muss sich etwas abspielen, was wir nicht sehen können: Der Entschluss, in den Augen der Liebsten ein Bild abzugeben. Aber wir sind ja auch nur Zuschauer.

Gigante, Regie: Adrián Biniez, Uruguay/Deutschland/Argen. 2009, 88 Minuten.

Autor:  Heike Kühn
Datum:  30 | 9 | 2009
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