Aktuell: Fußball-EM 2016 | Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kultur
Nachrichten, Kritiken, Interviews aus Kultur, Feuilleton, Literatur, Kunst

25. September 2015

Kirche und Schuld: Wir haben schwer gesündigt

 Von 
Papst Hadrian VI. auf einem alten Stich.  Foto: imago/Leemage

Es gibt Fortschritte in der katholischen Kirche. Aber der Rückschritt zum Sündenbekenntnis von Papst Hadrian VI. aus dem Jahre 1523 wäre der größte. Warum das denn? Lesen Sie selbst!

Drucken per Mail

Unser Gedächtnis ist kurz. Wir staunen über Papst Franziskus. „So einen hat die Welt noch nicht gesehen“, heißt es. Das stimmt natürlich. Jeder von uns ist einmalig. Keinen von uns gibt es doppelt. Wer allerdings die Meinung hegt, kein Papst sei in der Kritik am Papsttum jemals so weit gegangen wie der heute amtierende Papst, der sei erinnert an zwei Vorgänger.

Zunächst einmal an das „Mea Culpa“ von Johannes Paul II., ausgesprochen am Sonntag zu Beginn der Passionszeit im Heiligen Jahr 2000. Der Papst hatte bei einem feierlichen Gottesdienst im Petersdom in Rom um Vergebung gebeten für den Einsatz von Gewalt „im Dienst der Wahrheit“ und Feindschaft gegen Gläubige anderer Religionen.

Johannes Paul II. erinnerte an die „traurigen Wechselfälle der Geschichte“ ebenso wie an die „Verantwortung der Christen für die heutigen Übel“ – darunter Verweltlichung, Verletzung des Rechts auf Leben und Gleichgültigkeit der Armut gegenüber.

In anschließenden Fürbitten bat Johannes Paul II. um Verzeihung für das den Juden zugefügte Leid und äußerte seine Hoffnung auf „eine wahrhaftige Brüderlichkeit“ mit den jüdischen Gemeinden. Entgegen der Hoffnung jüdischer Organisation erwähnte der Papst aber nicht das Schweigen der Kirchen während des Holocausts. Als weitere Gruppe, die besonders zu leiden gehabt hatte, nannte er die Sinti und Roma.

Schuldig gemacht habe sich die katholische Kirche auch in der verächtlichen Behandlung fremder Kulturen und religiöser Traditionen, sagte der Papst in Anspielung an die maßgeblich von der Kirche betriebene Kolonialisierung in Lateinamerika. Weiter wies er auf Verfehlungen in der Einstellung gegenüber den Frauen hin, „die viel zu oft gedemütigt und an den Rand gedrängt werden“.

Auch für die Spaltungen in der Christenheit bat der 79-Jährige um Vergebung. An der Schwelle des neuen Jahrtausends gehe es darum, die Erinnerung der Christenheit zu reinigen.

Johannes Paul II. wollte, dass Gott ihm verzieh

Der damalige Vatikan-Sprecher Joaquín Navarro-Valls, Mitglied der Laienorganisation Opus Dei, betonte in den Erläuterungen zur „Mea Culpa“-Erklärung des Papstes sofort, die Bitte des Papstes um Vergebung richte sich an Gott, nicht an bestimmte Gruppen von Menschen, denen Unrecht zugefügt worden sei.

Dem Aufruf des Papstes, die eigene Schuld einzugestehen, folgten die Kirchenführungen in vielen Staaten der Welt. Der Erzbischof von Boston sagte in der Samstagabendmesse: „Lasst uns vor Gott niederknien und reuevoll das Scheitern in der Vergangenheit anerkennen und um Vergebung für unsere Sünden und Versäumnisse bitten.“ An dem Gottesdienst nahmen auch zahlreiche Juden und Moslems teil, die um Vergebung für Intoleranz und Verfolgung gebeten wurden.

Mit Blick auf die Geschichte seiner Erzdiözese bekannte der Kardinal, dass die katholische Kirche in den Vereinigten Staaten in der Billigung der Sklaverei, bei sexuellem Missbrauch durch Priester, im Antisemitismus und in der ungerechten Behandlung von Frauen Schuld auf sich geladen habe. Andersgläubige Teilnehmer der Messe in der Kathedrale zum Heiligen Kreuz würdigten das offene Schuldeingeständnis des Erzbischofs. So berichtete „Der Spiegel“ im März 2000.

Das umfassendste Sündenbekenntnis eines Papstes stammt freilich aus dem Jahre 1523. Hadrian VI. (1459–1523) überlebte sein Eingeständnis der Verantwortung seiner Kirche für viele Menschheitsverbrechen nur um wenige Monate. Es wurde am 3. Januar auf dem Reichstag zu Nürnberg verlesen. Am 14. September starb der in Utrecht geborene Papst. Ob am Sumpffieber oder an Gift – darüber streiten sich die Historiker.

Im Heiligen Jahr 2000 hatte Papst Johannes Paul II. um Vergebung gebeten.  Foto: Reuters

Er war der letzte Nicht-Italiener auf dem Thron Petri vor Johannes Paul II., der im Oktober 1978 Papst wurde. Der Erzbischof von Krakau wurde im vergangenen April von Papst Franziskus heiliggesprochen. Für Papst Hadrian wird gerade mal die Einleitung eines Seligsprechungsverfahrens erwogen.

Im Juni 1490 wurde Hadrian zum Priester geweiht. An der Universität Löwen war er ein berühmter Professor für Theologie. Unter seinen Hörern war Erasmus von Rotterdam. Hadrian ging als Berater Margaretes von Österreich an ihren Hof. 1507 bestellte ihn Kaiser Maximilian zum Lehrer seines Enkels, des späteren Kaisers Karl V., um diesen in den klassischen Sprachen zu unterrichten. 1509 gab Hadrian seine akademischen Ämter zugunsten seiner Tätigkeit am Hofe endgültig auf. Hadrian war Generalinquisitor für die spanischen Provinzen Aragonien, Navarra, León und Kastilien und Inquisitor für ganz Spanien. In seiner politischen Karriere brachte er es bis zum spanischen Statthalter des Königs.

Papst wurde er am 31. August 1522, weil weder der französische König noch Kaiser Karl ihre Kandidaten durchsetzen konnten. Er war der Mann, auf den beide Parteien sich einigen konnten. Wohl weil er keine Rolle darin spielte. Auch gegen die Osmanen war er machtlos. Die eroberten Ende 1522 Rhodos. Die römische Bevölkerung verachtete ihn, schon weil er ein „deutscher“ Papst war.

Der römische Klerus stellte sich gegen ihn, als er dessen Luxusleben einschränkte. Mit einer durchgreifenden Reform der Kirche versuchte Hadrian, die Auswirkungen der Reformation aufzuhalten. Zu diesen Bemühungen gehört auch das Schuldbekenntnis, das er am 3. Januar 1523 durch seinen Legaten auf dem Reichstag in Nürnberg verlesen ließ. Aber er kam zu spät.

Auf seinem Grabmal in der Kirche Santa Maria dell’Anima in Rom steht der, der Legende nach von ihm selbst formulierte Grabspruch: „Ach, wie viel hängt doch davon ab, in welche Zeit auch des besten Mannes Wirken fällt!“ (Soweit Wikipedia.)

Es ist eine Welt, in der es noch die Vorstellung von den Besten gab. Von Männern und Frauen also, die zu gut waren für ihre Welt, für ihre Zeit. Das sind Menschen, an denen die Geschichte scheitert. „Umso schlimmer für die Wirklichkeit“, formulierte Hegel. Der bekennende Linkshegelianer Theodor W. Adorno glaubte weniger an den Menschen. Er sprach nicht von Männern und Frauen, die ihrer Zeit widerstanden, sondern von einer Theorie, die nur noch als Flaschenpost durch eine widrige Gegenwart geschmuggelt werden konnte.

Politik ist etwas anderes. Sie betrachtet sich als „die Kunst des Möglichen“. So soll sich Otto von Bismarck am 11. August 1867 geäußert haben, in einem Gespräch mit Friedrich Meyer von Waldeck, einem Redakteur der St. Petersburgischen Zeitung (1727–1915, seit 1991 wiederaufgelegt).

Politik ist nur dann gut, wenn sie aus der jeweiligen Lage das Beste macht. So gesehen gibt es keine andere Politik als Realpolitik. Es geht also nicht um ein richtiges Leben im falschen, sondern ein besseres im wirklichen. Der erfahrene Politiker Hadrian VI. mag Letzteres versucht haben. Er scheiterte.

Flaschenpost vom Papst

Vielleicht hat Adorno recht, und es gibt Zeiten, in denen die Theorie sich nicht mehr verbinden kann mit der Wirklichkeit, in der einem klugen Kopf nichts bleibt als der Verzicht auf Politik, in denen einem nichts mehr bleibt, als eine darum stets auch verzweifelt klingende Flaschenpost aufzugeben.

Hier ist die, die Papst Hadrian VI. am 3. Januar 1523 auf dem Reichstag zur Nürnberg abschicken ließ. Sie wurde damals vorgelesen. Aber keiner hörte auf sie. Nicht die Vertreter der katholischen Kirche, nicht die rebellierenden Gefolgsleute Martin Luthers. Bis heute hat die Flaschenpost Hadrian VI. ihre Adressaten nicht erreicht.

„Du (nämlich der päpstliche Legat) sollst auch sagen, dass wir es frei bekennen, dass Gott diese Verfolgung der Kirche geschehen lässt wegen der Menschen und sonderlich der Priester und Prälaten Sünden; denn gewiss ist die Hand des Herrn nicht verkürzt, dass er uns nicht retten könnte, aber die Sünde scheidet uns von ihm, so dass er uns nicht erhört. Die Hl. Schrift verkündet laut, dass die Sünden des Volkes in den Sünden der Geistlichkeit ihren Ursprung haben; deshalb ging, wie Chrysostomus hervorhebt, unser Heiland, als er die kranke Stadt Jerusalem reinigen wollte, zuerst in den Tempel, um vor allem der Priester Sünden zu strafen, gleich einem guten Arzt, welcher die Krankheit in der Wurzel heilt. Wir wissen wohl, dass auch bei diesem heiligen Stuhl schon seit manchem Jahr viel Verabscheuungswürdiges vorgekommen, Missbräuche in geistlichen Sachen, Übertretungen der Gebote, ja, dass alles sich zum Argen verkehrt hat. So ist es nicht zu verwundern, dass die Krankheit sich vom Haupt auf die Glieder, von den Päpsten auf die Prälaten verpflanzt hat.

Wir alle, Prälaten und Geistliche, sind vom Weg des Rechtes abgewichen, und es gab schon lange keinen einzigen, der Gutes tat. Deshalb müssen wir alle Gott die Ehre geben und uns vor ihm demütigen; ein jeder von uns soll betrachten, weshalb er gefallen, und sich lieber selbst richten, als dass er von Gott am Tage seines Zornes gerichtet werde. Deshalb sollst Du in unserem Namen versprechen, dass wir allen Fleiß anwenden wollen, damit zuerst der Römische Hof, von welchem vielleicht alle die Übel ihren Anfang genommen, gebessert werde; dann wird, wie von hier die Krankheit ausgegangen ist, auch von hier die Gesundung beginnen.

Solches zu vollziehen, halten wir uns umso mehr verpflichtet, weil die ganze Welt eine solche Reform begehrt. Wir haben nicht nach der päpstlichen Würde getrachtet und hätten unsere Tage lieber in der Einsamkeit des Privatlebens beschlossen; gerne hätten wir die Tiara ausgeschlagen; nur die Furcht vor Gott, die Legitimität der Wahl und die Gefahr eines Schismas haben uns zur Übernahme des obersten Hirtenamtes bestimmt.

Wir wollen deshalb verwalten nicht aus Herrschsucht, noch zur Bereicherung unserer Verwandten, sondern um der hl. Kirche, der Braut Gottes, ihre frühere Schönheit wiederzugeben, den Bedrückten Beistand zu leisten, gelehrte und tugendhafte Männer emporzuheben, überhaupt alles zu tun, was einem guten Hirten und wahren Nachfolger des hl. Petrus zu tun gebührt.

Doch soll sich niemand wundern, dass wir nicht mit einem Schlage alle Missbräuche beseitigen; denn die Krankheit ist tief eingewurzelt und vielgestaltig. Es muss daher Schritt für Schritt vorgegangen und zuerst den schweren und gefährlichen Übeln durch die rechten Arzneien begegnet werden, um nicht durch eine übereilte Reform aller Dinge alles noch mehr zu verwirren. Mit Recht sagt Aristoteles, das jede plötzliche Veränderung einem Staatswesen gefährlich ist.“

(Das Hadrian-Zitat stammt aus: Alfred Läpple, Kirchengeschichte in Dokumenten. Sammlung kirchengeschichtlicher Quellen für Schule und Studium, Patmos-Verlag, 1958.)

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus
Anzeige

Anzeige

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Times mager

Dr. Sting

Von  |
Justin Schmidt lässt sich gerne stechen.

Nicht nur Weinkritiker können das Blaue vom Himmel heruntererzählen: Über einen Mann, der Insektenstiche rezensiert.  Mehr...

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Kalenderblatt 2016: 27. Juni

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 27. Juni 2016: Mehr...

Literatur

Aktuelle Rezensionen zu Literatur, Sach- und Kinderbüchern: die Literatur-Rundschau aus dem FR-Feuilleton.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Videonachrichten Kultur
Kolumne

Briefe des Philosophen Markus Tiedemann richten sich an Menschen extremer Glaubensüberzeugungen. Tiedemann ist Professor am Institut für vergleichende Ethik an der FU Berlin sowie Vorsitzender des Forums Fachdidaktik in der Deutschen Gesellschaft für Philosophie.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick

Anzeige

Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.

Buchtipps