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11. August 2014

Kirchengeschichte: Der Mentalitätenforscher

 Von 
Lehrer aus Leidenschaft: Arnold Angenendt.  Foto: Christoph Boeckheler

Zum 80. Geburtstag des legendären Kirchenhistorikers Arnold Angenendt.

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Revolutionen sind ein klassischer Gegenstand der Geschichtswissenschaft. Mitunter ereignen sie sich aber auch im Metier selbst. In den 1980er Jahren schickte sich der katholische Kirchenhistoriker Arnold Angenendt an, sein Fach von Grund auf zu verändern. Statt auf die Institution Kirche, das Agieren ihrer Funktionäre im Wandel der Zeiten zu schauen und dabei von einem dogmatisch vorgefassten Begriff der Kirche als Körperschaft göttlicher Stiftung auszugehen, fragte Angenendt, von 1981 bis zu seiner Emeritierung 1999 Professor an der Universität Münster, nach Mentalitäten und Lebensformen des Christentums in seinen kulturellen und sozialen Bezügen. Er machte die französische „Annales-Schule“ und die „Nouvelle histoire“ für die kirchengeschichtliche Forschung fruchtbar.

Damit nahm er – mit den Worten seines Schülers und heutigen Tübinger Kollegen Andreas Holzem – einen „methodischen und didaktischen Wachwechsel vor“. Es habe damals in Deutschland niemanden mit einem vergleichbaren innovativen Potenzial gegeben wie Arnold Angenendt. Und wenn die Kirchengeschichte, namentlich die katholische, als Disziplin heute anschlussfähig für die Allgemeingeschichtsschreibung ist, Gesprächspartnerin auf Augenhöhe – dann sei das wesentlich Angenendts Verdienst, ergänzt die bei ihm habilitierte Bonner Kirchenhistorikerin Gisela Muschiol.

Angenendts große Leidenschaft ist die Geschichte der Religiösität im Mittelalter. So lautet der gleichnamige Titel seines unübertroffenen Opus Magnum. 1997 erstmals erschienen, erlebte das Werk im folgenden Jahrzehnt drei weitere Auflagen. Angenendts Forschung brachte das Licht angeblich finsterer Epochen neu zum Vorschein. Seine Mitarbeiter hielt er zu intensivem Quellenstudium an, trieb sie mit seiner ans Obsessive grenzenden Akribie zu Höchstleistungen, manchmal aber auch an den Rand der Verzweiflung, etwa wenn ihr Professor kurz vor dem Abschluss einer Arbeit noch mit dem neuesten spannenden Aufsatz oder diesem und jenem hoch interessanten Quellenfund aufwartete, welcher unbedingt noch aufgegriffen und ausgewertet werden müsse.

Dass es um anderes als um Seriösität und Verlässlichkeit wissenschaftlicher Aussagen gehen könnte, das käme dem Forscher aus Leidenschaft und „begnadeten Lehrer“ (Muschiol) nicht in den Sinn. Seine Hauptvorlesungen an der größten katholisch-theologischen Fakultät Europas waren einerseits Pflichtveranstaltungen für die angehenden Diplom-Theologen, sie hatten wegen Angenendts rhetorischem Talent und seiner Begeisterungsfähigkeit andererseits aber auch Kultstatus. Dabei schien Angenendt es sich zum Programm gemacht zu haben, Denkfaulheiten und unreflektierte Voreingenommenheiten geradezu lustvoll zu erschüttern. Wenn er in seiner Darstellung der Reformationsgeschichte Martin Luther als „religiöses Urgenie“ pries, dann nahm er Anfälle von Schnappatmung beim einen oder anderen „gut katholischen“ Zuhörer billigend in Kauf. Herausforderung zum selbstständigen Denken, Ermutigung zum Widerspruch, so formuliert es Gisela Muschiol. Sie rechnet es ihrem Lehrer überdies hoch an, dass er Assistentenstellen in einer Männerdomäne stets zu gleichen Teilen an Frauen vergeben habe, ohne viel Aufhebens davon zu machen – praktizierte Geschlechterparität vor der Zeit.

In den vergangenen Jahren ist Angenendts Band „Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert“ von 2007 schnell zum Standardwerk für alle geworden, für die bei Reizwörtern wie Kreuzzügen, Inquisition, Bücher- und Hexenbrennungen oder Judenpogromen nicht gleich die kirchenkämpferische Klappe fällt. In dem 800-Seiten-Buch, einem Ausbund an Gelehrsamkeit mit allein 75-seitigem Literaturverzeichnis, will der Autor einen Weg bahnen zwischen dem Verdammungsurteil des Philosophen Herbert Schnädelbach über das Christentum als blutrünstige, intolerante Religion und dem Aufruf zur „rettenden Übersetzung“ aus dem Mund von Jürgen Habermas. Gegen billige antikatholische Polemik einerseits und „revisionistische Geschichtsschreibung“ andererseits behauptet Angenendt unverdrossen die Überzeugungskraft des historischen Befunds. Dass ihm hierfür bisweilen apologetische Absichten eines Mannes der Kirche unterstellt worden sind, das hat den Mann der Wissenschaft gehörig gewurmt.

Für die Beschäftigung mit dem Gewaltpotenzial von Religion gibt es überdies einen autobiografischen Anknüpfungspunkt. Als Kind, so erzählt Angenendt gern, erlebte der gebürtige Niederrheiner die Einnahme seines Heimatdorfs durch die Alliierten am Ende des Zweiten Weltkriegs. Zusammen mit Gleichaltrigen wurde er von den britischen Soldaten zum Reigenspiel angehalten, um der Truppe passende Propaganda-Fotos zu liefern. Einer der beteiligten Offiziere war der deutschstämmige Historiker Karl Leiser, ein Jude. Später hatten die beiden fachlich viel miteinander zu tun. Nach Leisers Tod hielt Angenendt die Ansprache im Trauergottesdienst. Wie aus Feinden Freunde wurden, das hat ihn zeitlebens angerührt, bewegt und geprägt.

Die Loyalität zu seiner Kirche, das „sentire cum ecclesia“, dokumentierte Angenendt, der 1963 in Münster zum katholischen Priester geweiht worden war, statt in falscher, einseitiger Parteinahme lieber im seelsorglichen Vollzug: Viele Jahre predigte er an den Sonntagen regelmäßig in der münsterschen Dominikanerkirche, die er damit zu einer Pilgerstätte weit über die Universitätsgemeinde hinaus machte. Und wenn er sich am Schreibtisch mit der Entwicklung der Mess-Liturgie im Lauf der Jahrhunderte befasste, war das für ihn auch die vertiefende Reflexion über das eigene Handeln als Geistlicher am Altar.

Heute wird der katholische Revolutionär auf dem Katheder 80 Jahre alt.

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