Alle haben mitgeredet und viele geschimpft. Entweder auf Helene Hegemanns Roman "Axolotl" oder auf die Kritiker von Helene Hegemanns Roman "Axolotl". Auch dank einer Petition des Deutschen Schriftstellerverbandes ging es am Ende ausschließlich um die Plagiatsfrage. Wenig und bald eigentlich gar nicht mehr wurde darüber gesprochen, ob Helene Hegemann wirklich ein literarisch stärkeres Buch geschrieben hat als ihre Mitkonkurrenten Jan Faktor,  Lutz Seiler, Georg Klein oder meinetwegen auch Anne Weber.
Nein, das hat sie ganz sicherlich nicht. Der Leipziger Buchpreis in der Kategorie Belletristik ging am späten Donnerstagnachmittag, nach einiger Warterei und gefolgt von einem Aufjapser des Beifalls, an Georg Klein und seinen "Roman unserer Kindheit" (Rowohlt). Das ist eine ästhetisch unanfechtbare Entscheidung (Seiler oder auf seine Weise Faktor wären es aber auch gewesen).
"Liebe Romanleser", sagte Klein anschließend, und bedankte sich klassisch und rührend mit symbolischen Gänseblümchen bei seinem Verlag, seiner Familie und den Toten, die als Figuren in seine Erzählung eingegangen seien. "Es braucht auch die Gunst unserer Toten", sagte er.
Mitjurorin Ina Hartwig lobte im Anschluss ein Buch, das auf "schaurig schlingernden Wegen" in eine bloß kalendarisch in den sechziger Jahren angesiedelte, fulminant sinnliche und detailreiche geschilderte Welt führe. Ja.
"Nach einigem Ringen" seien sie "ziemlich zufrieden" mit ihrer Auswahl aus insgesamt 70 eingereichten Titeln gewesen, hatte die Vorsitzende der siebenköpfigen Kritiker-Jury, Verena Auffermann, zuvor erklärt. "Natürlich wissen wir, dass wir nicht gerecht sind, dass Gerechtigkeit einfach unmöglich ist."
Zur "Leipziger Erklärung zum Schutz geistigen Eigentums" sagte Auffermann: "Der Plagiatsvorwurf wurde von uns sehr, sehr ernst genommen." Die Diskussion aber habe sich verselbstständigt. Dahinter vermutet Auffermann: die Angst vor der Zukunft in unserer digitalen Bücherwelt, eine Angst, die sie verstehen könne. Und: "17-jährige Schriftsteller machen Fehler. Das war schon immer so." Die Jury aber treffe ihre Entscheidungen unter ästhetischen Kriterien, nicht unter juristischen. Einige Juroren seien mit den Nominierungen nicht zufrieden gewesen. "Aber die Mehrheit. So ist das Spiel."
Helene Hegemann war wenige Stunden zuvor bei der Vorstellung der Nominierten noch sozusagen möglichst ohne besonderes Aufsehen in der Mitte an die Reihe gekommen. Dennoch hatte sich die proppevolle Ecke anschließend sofort ein bisschen geleert (obwohl jetzt Georg Klein kam!). Sie sei sehr nervös, so Hegemann. "Eine Menge PR, Rache und Anbiederei" sei rund um ihr Buch im Spiel. Man bemerkte ihre Ausgelaugtheit, aber auch, dass sie Worte dafür hat. Auf die Frage, was sie als nächstes vorhabe, antwortete sie (vielleicht ironisch), sie wolle Jura studieren.
Den Preis in der Kategorie Sachbuch gewann Ulrich Raulff für seine Studie "Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben" (C. H. Beck Verlag). "Sie sehen mich nicht unbewegt, Sie sehen mich vor allem überrascht", erklärte er. Er habe gedacht, das sei ein Buch für die "unhappy few". Er habe sich geirrt und werde lernen, damit zu leben. Jurymitglied Jens Bisky lobte, wie Raulff sein "reichhaltiges Material" ordne und häufig überraschend präsentiere. "Auch an Koboldszenen fehlt es nicht."
Den Übersetzerpreis erhielt Ulrich Blumenbach, der sechs Jahre lang am "babylonischen Stildurcheinander" (Jurymitglied Elmar Krekeler) von David Foster Wallaces "Unendlicher Spaß" (Kiepenheuer & Witsch) gearbeitet hat. Der Leipziger Buchpreis, zum sechsten Mal vergeben, ist mit 45.000 Euro dotiert.
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