Am Freitag hat im Maxim-Gorki-Theater das größte, verrückteste, tollste Heinrich-von-Kleist-Festival begonnen, das es in diesem prallen Kleist-Jahr gibt. Mit Jan Bosses Inszenierung "Das Käthchen von Heilbronn". Letzte Woche bereits ist in dieser Zeitung ein Interview mit Bosse erschienen; es ging um Kleist und die Frauen, das Glück und Käthchen. In Kleist hat man einen, so hat sich dabei wieder ergeben, der immerzu Verwirrung stiftet. Ist "Das Käthchen von Heilbronn" ein gutes Stück? Was ist ein gutes? Kann man die Figuren verstehen? Worum geht es überhaupt?
Das ist die Handlung: Eine Frau (Käthchen) sieht einen Mann (Graf Friedrich Wetter vom Strahl). Sie wird vom Liebesblitz getroffen, springt aus dem Fenster, bricht sich beide Beine, wird gesund und folgt ihm auf allen seinen Wegen. Er weist sie ab, peitscht sie aus, will Kunigunde heiraten und steht am Ende doch mit Käthchen vor dem Altar. "Willst du mich?", fragt er. Sie spricht: "Schütze mich Gott und alle Heiligen."
Bis zum 21. November feiert das Maxim-Gorki-Theater den 200. Todestag Heinrich von Kleists.
Es werden alle Kleist-Stücke gezeigt, daneben gibt es Performances und Installationen. In der im Theaterhof eigens aufgebauten „Tronkaburg“ finden Gespräche und Vorträge zu Leben und Werk statt.
Käthchen von Heilbronn erst wieder am 6. und 21.Dezember.
Infos zum Festival unter 20 22 11.15 und www.gorki.de
Es kommt in diesem seltsamen Stück mehr vor, als ein Stück gewöhnlich zu fassen vermag: Tragisches und Komisches, Märchen-, Kolportage- und Kitschhaftes. Es ist Musical, Klamotte und Großliebesdrama in einem. Im Grunde passt hier nichts zueinander.
Jan Bosse hat es darum so inszeniert, dass man in jeder Szene überdeutlich sieht, dass im "Käthchen" zusammengeschraubt ist, was nicht zusammengehört. Besonders schön am Anfang: Joachim Meyerhoff lässt seinen Graf vom Strahl in Rittervollrüstung den superselbstgefälligen Supermacho auf die Bühne klappern. Aus jeder Silbe tropft eine seifige Ironie, die alles zum großen Ritterspaß verwandelt. Und dann, Auftritt Anne Müller als Käthchen: ganz in Ernst und Entschiedenheit gehüllt. Riesenstaunaugen, die Finger verkrampfen sich. Nein, die beiden passen nicht zusammen.
Passt hier irgendwer zu irgendwem? Sabine Waibel bastelt sich ihre goldglitzende Kunigunde zur schrill stolzen Self-Made-Frau, Matti Krause nimmt den Gottschalk, des Grafen Knecht, als wär’s eine klapprige Witzfigur, Albrecht Abraham Schuch flippert vom tapferen Schwertkampfritter zur kecken Kunigunde-Kammerzofe Rosalie zum einstigen trauertropigen Käthchen-Verlobten als ginge es darum, verschiedene Figurendaseinsweisen auf ihre Haltbarkeit zu erproben. Und zwischendrin immer wieder: die schön schrägen Schaumstoffpuppen der drolligen Berliner Schaumstoffpuppen-Crew "Das Helmi". Sie singen nette Lieber, stolpern durch die Szenen und tun in allem so als wären sie im falschen Film. Auch lustig.
Alles zerfleddert hier, jedes Gefühl, jede Figur wird als konstruiert vorgeführt. Eine Inszenierung im Dauerprekariat: Sie zeigt lauter Auseinandergelegenheiten. Die Schauspieler können damit aber nicht anders als komisch sein, das Stück nicht anders als kolportagehaft wirken und dem Zuschauer bleibt nicht mehr, als all das putzig zu finden.
Wenn Meyerhoff dem Käthchen vom Hirsch spricht, der von der Mittagsglut gequält nach Wasser schreit, um seine späte Liebeseinsicht zu erklären, macht er uns den Hirsch mit Gebrumme und Gekratze, dass es zum Niederknien lustig ist. Und wie verstört Anne Müller dieses Gebären beäugt, wie’s ihr die Seele verknotet und die Sinne verwirrt, weil sie ahnt, dass dieser Mann die Gier zur Liebe verklärt - man begreift sehr wohl, dass sie bei Bosse am Altar erst die Heiligen anruft und dann mit einem Theaterzauberpeng ins Nichts entschwindet. Das ist der Schluss: ein Bluff. Als wär’ alles nur Traum, Spinnerei und Lustbarkeit gewesen.
Welch Trost in diesen wirren Zeiten: Das Verstörende des Stückes verdampft zur allerschönsten Luftnummer. Ist das im Sinne Kleists? Wer weiß das schon. Denn, siehe oben, man hat in ihm einen, der sich auf keinen Begriff und keine Linie bringen lässt. Deshalb auch das Kleist-Festival: Es will möglichst viele, bestenfalls einander widersprechende Werk-, und Lebensaspekte vorführen.
Das Maxim-Gorki-Theater zeigt deshalb alle, wirklich: alle, Kleist-Stücke in sehr verschiedenen und ordentlich streitbaren Inszenierungen. Und es hat, mit freundlich großzügiger Unterstützung der Bundeskulturstiftung, allerlei Kleist-Orte errichtet. Aus grobem Holz wurde im Garten die "Tronkaburg" errichtet (kommt in "Michael Kohlhaas" vor); von oben hat man einen schönen Blick hinab, in ihrem Inneren ist die Bar "Stolperloch" untergebracht (so hieß der Kleine Wannsee, als sich Kleist dort vor 200 Jahren erschoss). Hier gibt es "Kleist im Diskurs", also gelehrte Gespräche und Vorträge über Werk, Wirkung und Leben, über "Stalking - Die Frau als Verfolger" zum Beispiel.
Im Kellergang des Theaters ist zudem eine Videoinstallation aufgebaut ("Tropen des Krieges"), im Dachgeschoss und auch im Collegium Hungaricum gegenüber ist die Text-Installation "Die Stimme von Kleist" zu erleben. Lohnt sich! Nicht verpassen sollte man auch den "Audiowalk" durch Potsdam, "Kleist in Kundus". Am 21. November, dem Todestag, endet das Festival im Gorki-Theater mit einem Festkonzert der Sing-Akademie.
Unser Tipp: Am besten, Sie nehmen sich in den kommenden 14 Tagen neben dem Kleist-Festival gar nichts vor. Das reicht, Kleist ist schließlich verwirrend genug.
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