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Klinsman versus taz: Ein Fußball-Heiland, schwer beleidigt

Rund 100.000 Google-Einträge verbinden Klinsmanns Namen mit dem des Allmächtigen. Warum klagt also ausgerechnet er gegen den bildhaften Heiland-Vergleich in der taz? Von Matthias Thieme

Fühlt sich in seiner Menschenwürde verletzt: Klinsmann will die taz wegen der Jesus-Karikatur verklagen.
Fühlt sich in seiner Menschenwürde verletzt: Klinsmann will die taz wegen der Jesus-Karikatur verklagen.
Foto: ddp

Gläubige Christen finden die österliche Fotomontage der Tageszeitung taz zum beruflichen Leiden des Fußball-Trainers Jürgen Klinsmann wahrscheinlich nicht lustig, doch bemerkenswert ist etwas anderes: Beschwert hat sich weder die katholische noch die evangelische Kirche, sondern ausgerechnet der Fußball-Trainer selbst, der seinen Fans seit der Weltmeisterschaft 2006 mindestens als "Lichtgestalt", wenn nicht gar als "Fußballgott" und "Klinsias" gilt.

Rund 100.000 Google-Einträge verbinden Klinsmanns Namen mit dem des Allmächtigen. Warum klagt also ausgerechnet Klinsmann gegen den bildhaften Heiland-Vergleich? Warum fühlt sich dieser schwäbelnde Fußball-Prophet nicht geehrt und emporgehoben, da ihm so eine Bedeutung beigemessen wird?

Auf Seiten der Kirche herrscht dagegen fast schon Coolness: "Der FC Bayern München ist seelsorgerisch hier nicht angebunden", heißt es aus hohen Kreisen der katholischen Kirche auf FR-Anfrage trocken. Das Thema sei "kein großer Aufreger". Schließlich sei der Monty-Python-Film "Life of Brian", aus dem die taz die Kreuzigungs-Szene abkupferte, sogar schon Bestandteil des Religionsunterrichtes an Schulen. Selbst in dieser respektlosen Jesus-Satire stecke "einiges an historischer Wahrheit", so die Kirchenkreise. Man habe nicht vor, sich zu der Klinsmann-Abbildung zu äußern und kümmere sich lieber um die Würde der Menschen - der Höchste achte schon selbst auf sich. Und Klinsmanns Würde? Ist sie durch die Fotomontage zum gekreuzigten Hoffnungsträger wirklich so schwer verletzt?

Dafür kann es nur eine Herleitung geben, die Klinsmann sich allerdings so gut überlegen sollte wie ein WM-Endspiel: Wenn es die Menschenwürde des Jürgen Klinsmann tatsächlich massiv verletzt haben soll, im Moment beruflichen Scheiterns und der Vereinsintrigen mit dem leidenden Heiland verglichen zu werden - einer Figur, die in weiten Teilen der Welt gerade wegen ihres Leidens verehrt und angebetet wird -, dann kann dies nur damit begründet werden, dass sich Klinsmann als jemand Höheres als Jesus betrachtet, dass er sich durch diesen Vergleich herabgesetzt fühlt. Als einen Fußball-Gott, der bildlich zum Gottessohn degradiert wird.

Ob der im sportlichen Bereich durchaus als taktisch begabt geltende Bayern-Trainer das bedacht hat? Jürgen Klinsmann, so scheint es, ist derzeit nicht nur wütend, sondern auch noch äußerst schlecht beraten, wenn er rund 50000 Euro für seine angeblich verletzte Menschenwürde erstreiten will.

"Es ist ein Rätsel, was den FC Bayern und Klinsmann da reitet", sagt Bascha Mika, taz-Chefredakteurin. "Für so humorlos hätte ich ihn nicht gehalten." Mit der Darstellung und dem Zitat aus dem Film der englischen Satire-Gruppe habe man "doppelte Ironiehinweise" gegeben. Der Zeitung sei es nicht darum gegangen, den Trainer zu beschimpfen, sondern zu zeigen, "wie Andere mit ihm umgehen". Der zugehörige Artikel sei "von Sympathie zu Klinsmann getragen", so die Chefredakteurin. Man habe verdeutlichen wollen, "wie Klinsmann behandelt wird". In diesem Zusammenhang mit Jesus verglichen zu werden, "könnte einem ja zur Ehre gereichen", meint Mika. "Ich wusste gar nicht, dass es in Bayern noch die Majestätsbeleidigung gibt."

Die Satire und das Recht sind alte Feinde, doch die beleidigten Majestäten sind neu: Waren es in früheren Zeiten oft der Staat und die Kirche, die gegen satirische Werke vorgingen, so sind es heute vermehrt Unternehmen und Prominente.

Vor Gericht landeten schon viele Fälle. In Deutschland gilt der Streit im Jahr 1963 um Klaus Manns Roman "Mephisto" als Urbeispiel der Satire-Rechtsprechung: Erstmals musste sich damals das Bundesverfassungsgericht mit der Frage beschäftigen, wie weit Kunst gehen darf.

Zu finden ist: Der Kern

Seitdem gilt bei jedem Streitfall über satirische Darstellungen und Texte: Das Gericht muss die Satire zunächst analysieren, muss ihre Bestandteile aufspalten und verstehen. Die Rede ist vom Kleid und dem Kern der Satire. So würde im Fall der Klinsmann-Kreuzigungs-Montage kein Richter auf die Idee kommen, einfach den Satz "Klinsmann wurde gekreuzigt", oder "Klinsmann ist Heiland" als Bedeutung der satirischen Botschaft anzusehen. Wie mit dem Seziermesser muss der Richter die satirischen Schalen abziehen, bis er zur eigentlichen Bedeutung vordringt, so die Theorie der Rechtswissenschaft. Erst am Bedeutungskern kann geprüft werden, ob das Werk beleidigend, herabsetzend oder verletzend ist.

In der Praxis ist das oft eine schwere Übung, die nicht selten weitere Komik-Quellen produziert. An den Satirezeitschriften Pardon und Titanic haben sich Heerscharen von Anwälten und Richtern versucht - meistens mit mäßigem Erfolg.

Doch die beleidigten Leberwürste, die Ankläger und Majestäten haben sich durch die Zeit verändert. Was waren das noch für Zeiten, als eine Karikatur der Satirezeitschrift Titanic zum Papstbesuch die Kirchen in Wallung brachte, weil der heilige Vater einem Schaf aufreitend gezeigt wurde, versehen mit der Schlagzeile: "Der Papst kommt!" Auch als dieselbe Zeitschrift auf dem Titelblatt einen Heiland als Klorollenhalter zeigte und fragte, ob Gott noch eine Rolle spiele, war die Aufregung in Kirchenkreisen groß.

Doch bald meldeten sich andere Autoritäten: Eine ähnliche Darstellung des Heilands als Recycling-Produkt mit dem Ausruf "Ich war eine Dose" rief nicht mehr die Kirche auf den Plan - dafür klagte nun ausgerechnet das Informationszentrum Weißblech, welches offenbar für die Würde der Dosen eine Lanze zu brechen versuchte.

Staat und Kirche wissen mittlerweile oft um die Aussichtslosigkeit des Unterfangens. Wer klagt, macht sich oft noch mehr lächerlich. Doch gerade Sportler, Prominente und Firmen, die ihr Image wie eine kostbare Ware hüten, ziehen mit ihrer ökonomischen Potenz gerne vor Gericht. Fußballer sind geradezu prädestiniert, dank ihrem hohen Einkommen und ihrer intellektuellen Unterversorgung in die Falle zu tappen, juristisch gegen Satire vorzugehen.

Was die jeweils zu Tode Beleidigten nicht vorhersehen ist, dass ihre Entrüstung für das Publikum nur weiteren Unterhaltungswert bringt: Klinsi will nicht Heiland sein - danke, viel gelacht.

Autor:  MATTHIAS THIEME
Datum:  15 | 4 | 2009
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