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Knut Hamsun zum 150.: Die Hamsun-Moderne

Im Jahre 1890 erschien "Hunger" von Knut Hamsun auf Norwegisch und schon im selben Jahr auf Deutsch. Das Buch war eine Sensation. Ein Ich, das sich ausschüttet vor dem Leser. Vor 150 Jahren wurde Hamsun geboren.

Knut Hamsun, Nobelpreisträger 1920, repräsentierte seine eigene  Moderne.
Knut Hamsun, Nobelpreisträger 1920, repräsentierte seine eigene Moderne.
Foto: Effigie / Bilderberg

Im Jahre 1890 erschien "Hunger" von Knut Hamsun auf Norwegisch und schon im selben Jahr auf Deutsch. Das Buch war eine Sensation. Ein Ich, das sich ausschüttet vor dem Leser. Kein vermittelnder Erzähler. Da ist niemand, der dem lesenden Publikum Armut, Verzweiflung, Wut, Liebe und Hass - den Hunger - übersetzt. Es ist, als hätte sich ein Landstreicher auf einer Parkbank neben einen gesetzt und finge an zu erzählen. Nein, so ist es nicht. Denn dieser Landstreicher erzählt so, dass man nicht mehr aufstehen kann von der Parkbank. Er erzählt so, dass die Parkbank, er und man selbst verschwinden in den Geschichten, die er erzählt. Er erzählt nicht. Er reißt einen in ein anderes Leben. Wer "Hunger" als junger Mensch liest, der hat das Gefühl, das Buch erst reiße ihn ins Leben. So ist es damals Lesern überall in der europäischen Welt gegangen. So geht es seit mehr als einhundert Jahren Lesern immer wieder.

Knut Hamsun wurde heute vor 150 Jahren in Lom in Norwegen geboren, in allerärmsten Verhältnissen. Er war Hafenarbeiter, Händler, Straßenbahnschaffner in San Francisco, Journalist. Alles ohne Erfolg. Dann erschien "Hunger", und Hamsun war Schriftsteller. In den zehn Jahren vor der Jahrhundertwende erschienen noch seine anderen großen Erfolge: "Mysterien", "Pan" und "Victoria". Um 1900 war Hamsun der Schriftsteller der Moderne.

Zur Person

Am 4. August 1859 in Lom, Norwegen, als Knud Pedersen geboren. Mit "Hunger", seinem ersten Roman, hatte er 1890 einen Welterfolg. Für sein 1917 erschienenes Buch "Segen der Erde", einen Hymnus auf die bäuerliche Existenz, erhielt er 1920 den Nobelpreis. 1927 bis 1933 erschien seine Landstreichertrilogie. Im Jahr 1936 sein letzter Roman "Der Ring schließt sich". Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er wegen seiner Kollaboration mit den Nazis vorübergehend in eine psychiatrische Abteilung gesteckt. 1949 verteidigte er sich - reuelos - in "Auf überwachsenen Pfaden". 1952 starb er auf Gut Norholm bei Grimstad.

2009 erschien "Hunger" mit einem Nachwort von Daniel Kehlmann (Claassen Verlag). Von Paul Auster gibt es einen schönen Essay zu Hamsun: "Die Kunst des Hungers" (Rowohlt-Verlag). "Hunger" gibt es auch - freilich gekürzt auf einer Audio-CD. (Hörbuch Hamburg) Sprecher ist Oskar Werner. Im Landtverlag erscheint in diesen Tagen eine Hamsun-Biografie des norwegischen Journalisten Ingar Sletten Kolloen.

Wer freilich nur das unvollendete Projekt der Moderne kennt, wer glaubt, die Moderne stände für Zweckrationalität und technologische Vernunft, für Präzision und Millimeterpapier, dem wird das ein Rätsel sein. In Literatur, Kunst und Musik steht die Moderne aber für die schamlose Regelverletzung. Hier geht es nicht um Objektivität, sondern um radikale Wortmeldungen des Ich. In den Künsten ist die Moderne die Epoche der Schwärmer, derjenigen also, die ihren Gefühlen freien Lauf lassen und derjenigen, die scheinbar unkontrolliert in den Himmel rasen und einen Augenblick lang in einem bunten Lichterregen die Welt beleuchten.

Knut Hamsun ist sozialer Außenseiter und bewegender Dichter. Wahrheit und Schönheit gehen zusammen. Nicht programmatisch, sondern als müssten sie es, als gäbe es die beiden in Wahrheit nur im Doppelpack. Der Aufschrei der gesellschaftlich Geächteten klingt bei Hamsun nicht nur authentisch, sondern auch betörend. Wenn er in wenigen Worten eine Wiese schildert, dann ist es, als läge man an einem heißen Sommertag in ihr. Aber nicht nur das: Man glaubt ihn atmen zu hören, wenn man ihn liest.

Ein Autor, das lernt man Hamsun lesend, ist einer, der mich die weite Welt und jeden Grashalm so sehen lässt als würde das alles eben gerade erst geschaffen und ich wäre an der Seite des Schöpfers dabei.

Das große Pathos des Anfangs. Man muss die Dinge nicht nehmen wie sie sind. Man kann sie neu erschaffen. Gerade die Ältesten. Das ist die Botschaft der Moderne der Kunst. Das ist ihr Subjektivismus, ihre Kraft und ihr Mut. Das ist aber auch ihre Verzweiflung.

Wer die Welt beatmen möchte, um sie zum Leben zu bringen, der mag die Ingenieurskunst nicht und die Warenwelt, die Massen und den Konsum. Die Hamsun-Moderne ist die andere Seite, die Gegenseite zum unvollendeten Projekt der Moderne. In den Augen der Hamsun-Moderne zerstört die Illusion der Machbarkeit die schöpferische Kraft des Menschen. Kreativität ist nicht organisierbar. Sie entsteht unter Druck - als Gegendruck dann - oder in Freiräumen.

Knut Hamsun verehrte Adolf Hitler. Auch als die deutsche Wehrmacht Norwegen besetzte. Er war ein alter Mann damals. Er verstand die Welt und wohl auch seine Bücher nicht mehr. Aber es wäre falsch so zu tun, als hätte zum Beispiel die Blut-und-Boden-Ideologie des Dritten Reiches nichts, aber auch gar nichts abgeschmeckt von Hamsuns Natur-Pathos, als hätten die Geschichten von den in Lumpen gekleideten Außenseitern, den nach künstlerischer Größe strebenden, von allen Akademien abgewiesenen Bohemiens nicht auch Hitlers Selbstbild beeinflusst.

Vielleicht hat der Sohn eines verarmten Schneiders sich ja auch in einem träumenden Größenwahn wieder erkannt in dem Niemand, der in Deutschland Reichskanzler wurde und sich fast ganz Europa unterwarf. Schönheit und Wahrheit mögen in Kunst, Literatur und Musik zusammengehen können. Wer sein Bild dieser Einheit glaubt ins Leben übersetzen zu können, wird zum Massenmörder. Aber gerade der Traum davon, Kunst und Leben eins werden zu lassen, ist der Traum der Moderne. Der Albtraum des 20. Jahrhunderts.

Autor:  Arno Widmann
Datum:  3 | 8 | 2009
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