Köln/Freiburg. Der deutsch-britische Soziologe und Politiker Lord Ralf Dahrendorf ist tot. Er starb am Mittwochabend nach schwerer Krankheit im Alter von 80 Jahren in Köln, sagte seine Sprecherin Birgit Hahn der Deutschen Presse-Agentur dpa.
Nach Angaben der "Badischen Zeitung", für die Dahrendorf als Berater gearbeitet hatte, ist die Beerdigung voraussichtlich in London. Ort und Termin stehen aber noch nicht fest. Seinen 80. Geburtstag Anfang Mai hatte er, von Krankheit schon gezeichnet, inmitten akademischer Freunde in Oxford verbracht.
Guido Westerwelle würdigt Dahrendorfs Verdienste
In ersten Reaktionen wurde die politischen und wissenschaftlichen Verdienste Dahrendorfs gewürdigt. Mit ihm haben "die deutschen und die europäischen Liberalen einen der bedeutendsten Soziologen unserer Zeit verloren, dessen unerschütterliche freiheitliche Geisteshaltung ihm überragende Anerkennung gebracht hat", betonte der FDP-Partei- und Fraktionsvorsitzende Guido Westerwelle."Wir verlieren mit Lord Ralf Dahrendorf einen liberalen Weltbürger und einen der ganz großen Intellektuellen Europas."
Die London School of Economics (LSE) betonte den "einzigartigen" Beitrag des Soziologen und ehemaligen Direktors der renommierten britischen Universität. Dahrendorfs Beitrag als Direktor und Historiker für die Schule sei "ohne Konkurrenz" gewesen. Jeder hätte sich auch für die Zukunft "mehr seiner Weisheit und Erkenntnis" erhofft, sagte Howard Davies, Direktor der LSE.
Lord Ralf Dahrendorf galt als ein Vordenker der Liberalen in ganz Europa und als unabhängiger Geist. Nach wissenschaftlicher Laufbahn und Habilitation (1957) an der Universität Saarbrücken forschte er zunächst in seiner Geburtsstadt Hamburg. Später gehörte er zu den Mitbegründern der Universität Konstanz.
Per "Ritterschlag" zum Baron
1988 siedelte der am 1. Mai 1929 geborene Dahrendorf nach England um, seitdem besitzt er auch die britische Staatsbürgerschaft. 1993 ernannte ihn Königin Elisabeth II. zum Baron mit Sitz im Oberhaus. Mit dem "Ritterschlag" würdigte sie seinen Beitrag zu den deutsch-britischen Beziehungen.
Mitglied des Oberhauses blieb Dahrendorf auf Lebenszeit. Vor einigen Jahren war er aber nach Köln gezogen, er wollte näher bei seiner Familie sein.
Seinen letzten großen Auftritt hatte er im April 2009 in Düsseldorf, wo er als Vorsitzender der NRW- Zukunftskommission seinen Bericht übergab, gesundheitlich schon erkennbar angeschlagen.
Dahrendorfs politische Karriere
Zum politischen Teil Dahrendorfs Karriere gehörten in den sechziger und siebziger Jahren ein Posten im Bundesvorstand der FDP, das Amt des Parlamentarischen Staatssekretärs im Auswärtigen Amt und die Mitgliedschaft in der Kommission der Europäischen Gemeinschaft (EG) in Brüssel. Aus der FPD trat er später aus.
Dahrendorf war auch Rektor der London School of Economics (1974-1984). Von 1987 bis 1997 leitete er das St. Antony's College in Oxford. Bis zuletzt hielt er eine Forschungsprofessur am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Im Juli 2007 erhielt er den renommierten Prinz-von-Asturien-Preis im Bereich Sozialwissenschaften.
Zu den bekannten Werken Dahrendorfs gehörten in der jüngeren Vergangenheit seine "Betrachtungen über die Revolution in Europa" (1990) und der als Summe seiner Sozialwissenschaft geltende Band "Der moderne soziale Konflikt" (dt.: 1992). Zu Beginn seiner Karriere sorgte er unter anderem mit seiner Habilitationsschrift "Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft" (1957) und "Gesellschaft und Demokratie in Deutschland" (1965) für Aufsehen.
Dahrendorf erhielt im Lauf seines Lebens zahlreiche Auszeichnungen, unter ihnen das Große Bundesverdienstkreuz. Er war zweimal verheiratet, zuletzt mit einer Amerikanerin. Aus der ersten, geschiedenen Ehe mit einer Engländerin stammen drei Töchter. (dpa)
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