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Loveparade: Kollektiver Ausnahmezustand

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Geschichte der Loveparade mit dem Desaster von Duisburg zu Ende geht. Es wäre aber ein Trugschluss, daraus das Ende exzessorientierter Vergnügungsmassen ableiten zu wollen.

Trauernde begehen am Montag, 26. Juli, in Duisburg den Tunnel, in dem während der Loveparade am Samstag, 24. Juli, die Menschenmenge in Massenpanik geriet.
Trauernde begehen am Montag, 26. Juli, in Duisburg den Tunnel, in dem während der Loveparade am Samstag, 24. Juli, die Menschenmenge in Massenpanik geriet.
Foto: ddp

Die Zukunft gehört den Massen“, heißt es in Don DeLillos 1991 erschienenem Roman „Mao II“, in dem der amerikanische Schriftsteller seiner Erzählhandlung gleich mehrere verstörende Massenszenen vorausschickt. Eine ist die Stadionkatastrophe von Sheffield, die die Romanfigur Karen ohne Ton am Fernseher verfolgt. 1989 waren in der mittelenglischen Stadt 96 Menschen bei einem Pokalspiel im Hillsborough-Stadion ums Leben gekommen und über 700 verletzt worden. Die Live-Bilder des Fernsehens verwandelten sich unterdessen zu einem archaischen Gemälde der Agonie. „Zunächst sieht sie Männer und Jungen, ein Gewimmel von Männlichem, eine Masse zusammengepresster Körper. Dann eine Menschenmenge, Tausende, die den Bildschirm füllen. (…) ein Mädchen oder eine Frau mit geschlossenen Augen und heraushängender Zunge, sterbend oder tot. In den Gesichtern der Leute erkennt sie die Hoffnungslosigkeit des Wissens.“

In Duisburg hat sich diese Hoffnungslosigkeit auf traurige Weise erneut gezeigt. Dabei hatte gerade die Stadionkatastrophe von Sheffield eine Aktivierung des Wissens nach sich gezogen. Sheffield wurde zum Auslöser für einen weltweiten Umbau von Sportstätten und die obligatorische Durchführung aufwendiger Sicherheitskonzepte. Der Zu- und Abfluss der Fanmassen vollzieht sich seither binnen Minuten, und beim Stadionbau versucht man, auf menschliche Strömungsbewegungen zu achten. Die Überprüfung der Verantwortungskette von Duisburg dürfte sich damit zu befassen haben, inwieweit auf verfügbares Wissen über Massenveranstaltungen zurückgegriffen worden ist.

Die Loveparade fand aber nicht im Stadion statt. Zum Veranstaltungsdesign der Raver gehört es denn wohl auch, sich von einer geordneten Kirchentagsdramaturgie ausdrücklich zu unterscheiden. Als markanter Typus einer modernen Vergnügungsmasse war die Loveparade von Anfang an darauf aus, den öffentlichen Raum zu bespielen, dabei aber vor allem eine Bewegung in der Zeit aufzuführen. Zwar griffen die Raver der ersten Stunde auf die äußeren Merkmale der politischen Demonstration zurück, aber zu keinem Zeitpunkt dürften sich die Teilnehmer der Loveparade als Akteure einer politischen Bewegung verstanden haben. Vielmehr parodierten sie die Muster politischer Demonstrationen und suchten den Schulterschluss mit der von der Vorgängergeneration geächteten Konsumkultur.

Eine subversive Bewegung blieb die Loveparade indes in ihrem Anspruch auf radikale Gegenwärtigkeit unter Zuhilfenahme entsprechender Designerdrogen. Friede, Freude, Eierkuchen, eines der frühen Mottos der Techno-Parade, beschrieb weniger eine ideelle Programmatik, sondern kennzeichnete vielmehr den Gefühlszustand der Teilnehmer. Die Loveparade hatte die kollektive und individuelle Grenzerfahrung zum Ziel, ohne dabei in die Begriffsfallen von Mainstream und Gegenkultur zu tappen. Diese Ambivalenz ist es wohl auch, die den Veranstaltern von Duisburg zum Verhängnis wurde. Auf fatale Weise ist es misslungen, das Bedürfnis nach Exzess, internationaler Anerkennung und Lokalstolz mit den organisatorischen Standards zur Deckung zu bringen.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Geschichte der Loveparade mit dem Desaster von Duisburg zu Ende geht. Es wäre aber ein Trugschluss, daraus das Ende exzessorientierter Vergnügungsmassen ableiten zu wollen. Es gehört inzwischen zum urbanen Lebensgefühl, beinahe jede sich bietende Gelegenheit für öffentlichen Partyverkehr zu nutzen. Es sind nicht unbedingt entschiedene Fußballfans, die es zur Fanmeile treibt, und für die Teilnahme an einer per Flashmob organisierten Straßenaktion braucht es kein weiteres Motiv als das bloße Vergnügen daran, auf eine originelle Einladung via Internet zu reagieren. Die individualisierte Gesellschaft sucht die Herausforderung in der kollektiven Versammlung und gerade auch deren Zuspitzungen und Gefahren.

Die Fragen danach folgen indes dem Modus nachträglicher Bearbeitung. „Wie konnte es nur dazu kommen?“ Kaum einer hat darüber anschaulicher Auskunft gegeben als der Literatur-Nobelpreisträger Elias Canetti. In seiner Studie über „Masse und Macht“ beschreibt er, welche Massen es gibt, wie sich deren Bewegungsdrang organisiert und welche enormen Kräfte und Gegenkräfte entstehen. Canetti hatte bei seinen Überlegungen vor allem einen Arbeiteraufstand im Wien der 20er Jahre vor Augen, bei dem mehrere Menschen ums Leben gekommen waren.

Die gefährliche Demonstrationsmasse, die Canetti zur Blaupause seiner Überlegungen wurde, ist heute vielfältigen Freizeitmassen gewichen, deren Faszination nicht zuletzt in einem erstaunlichen Maß an Disziplin und Funktionalität besteht. Zu den Geheimnissen der Masse gehört ja auch, dass sich Katastrophen nicht öfter ereignen.

Das Drama von Duisburg kann niemand gewollt haben. Der langsame Übergang zur Grenzerfahrung und in den Ausnahmezustand aber war der dunkle Fluchtpunkt der Passanten des Duisburger Tunnels.

Autor:  Harry Nutt
Datum:  26 | 7 | 2010
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