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04. Januar 2016

Kolumne "Unter Tieren": Sahnetorte!

 Von Hilal Sezgin

In der Januar-Ausgabe ihrer Kolumne "Unter Tieren" ist Hilal Sezgin mit dem Backlash der Fleischesser beschäftigt.

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Der Backlash ist da. Die Fortschritte der Tierrechtsbewegung waren in den letzten Jahren beachtlich, in den Augen einiger wohl: erschreckend. Alle Fernsehsender zeigten Bilder vom Leid der Tiere in Schlachthöfen und Ställen. Jeder weiß heute, was vegan ist, und jede weiß, warum manche Menschen keine Tiere mehr essen. Landauf, landab wird diskutiert, ob man Tiere essen dürfe und – wenn jein – wie arg gequälte und wie viele.

Am liebsten „bewusst“ isst man heute Tiere, und natürlich „ganz wenig, und immer nur bio“. Es gibt kaum einen Fleischi, der frohgemut verkünden würde, man solle so viele Tiere wie möglich züchten, einsperren und verzehren. Nein, das schlechte Gewissen schwingt mit, der Wurm ist drin.

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Und darum der Backlash. Am augenfälligsten finde ich, die ich mir bereits als Feministin einige Absurditäten anhören durfte, dass ich fürs Vegansein fast dasselbe zu hören bekomme: Wir sind Spaßbremsen und „lustfeindlich“! Und so wie man einst Feministinnen vorwarf (vorwirft?), sie seien gegen Sex, so wird heute gehöhnt, Veganer seien insgeheim wohl gegen Essen.

Bloß haben wir Veganer leider noch keinen Weg gefunden, ganz ohne feste Nahrung auszukommen, darum nagen wir bis dahin notgedrungen an Gemüse. Sicher haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, uns dabei schon gesehen. Wenn nicht in natura, so zeigen doch alle Zeitungen und Magazine regelmäßig Fotos von Veganern und Veganerinnen mit jeweils einer Möhre, letztere vorzugsweise quer durch die vegane Schnute. Ein weiteres beliebtes Motiv: Ein Veganer sinniert vor einem großen, weißen Teller, auf dem eine einzige Erdbeere platziert ist.

„Darf ich oder darf ich nicht (diese eine kleine Erdbeere essen)?“ Ja, darüber kann unsereiner so lange nachdenken wie Hamlet über die Existenz im Ganzen. Dann: „Heute lass ich’s mal krachen und gönn ich mir nach der Möhre eine Beere!“ So schrecklich darben wir lustfeindlichen Veganer.

Weit verbreitet ist auch die Annahme, ach was, das Allerweltswissen, dass Veganismus oft mit Essstörungen einhergehe. Tatsächlich stimmt nur, dass sich Essstörungen bisweilen hinter Veganismus verbergen können, dass aber die Zahl der Essstörungen unter Flexitariern größer ist. Dazu gibt es, wie zu allem, Studien. Aber wer liest schon Studien, die die eigenen Vorurteile widerlegen könnten? Die allerweltsgewussten Essstörungen der Veganer kommen schließlich dem Backlash so gerufen wie einst die „Frigidität“ der Feministinnen.

Doch halt, hier liegt das Missverständnis: Wir Feministinnen sind gar nicht gegen Sex, wir sind nur gegen nicht einvernehmlichen Sex und denken, dass es jenseits patriarchaler Gewaltverhältnisse eine schönere Sinnlichkeit zu entdecken gibt. Ebenso sind wir Veganer und Veganerinnen nicht gegen das Essen, sondern gegen Mahlzeiten, die Zwang und Tötung erforderlich machen. Wir empfinden Freude dabei, neue Speisen und Lebensweisen zu entwickeln, denen keine Gewaltakte vorausgehen.

Doch was macht jemand, dem man erklärt, was er traditionell als Spaß empfinde, beinhalte eigentlich Gewalt gegen einen anderen? Richtig, er tritt die Flucht nach vorn an, benimmt sich, als gehe es ihm selbst an den Kragen, und ruft: „Das lasse ich mir nicht verbieten!“ Erst jüngst erklärte mir wieder einmal eine Dame mittleren Alters nach einem Vortrag, sie wolle sich das Fleischessen „nicht verbieten“ lassen. Fleischessen sei okay und ganz natürlich. Sie esse auch „nicht viel Fleisch“, aber warum sie keines essen solle, sehe sie nicht ein.

Ich wies sie darauf hin, dass sie ja wohl zumindest ein gewisses ethisches Problempotenzial zugestehe, sonst wäre die Beteuerung, sie verzehre nur wenig Fleisch, nicht so wichtig. Sie nahm sich demonstrativ ein Stück Sahnetorte und wir verabschiedeten uns im Guten.

Eine Woche später erhielt ich eine E-Mail. Von dieser Dame. „Seit Ihrem Vortrag esse ich kein Fleisch mehr. Es geht einfach nicht mehr. P. S. Ich bin die mit der Sahnetorte.“

Solche Menschen sind natürlich die Ausnahme. Ein Glücksfall, dabei zu sein, wenn jemand anscheinend schon vor längerem ins Nachdenken geraten ist, sich gegen Neues irgendwie sträubt, dann aber öffnet. Bewundernswert, wenn jemand seinen Meinungsumschwung sogar offen einräumt. Es sind solche Menschen, die uns weitermachen lassen, trotz Backlash.

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