Einmal im Jahr landet das amerikanische Kino ein Komödien-Wunder aus dem Nichts. So scheint es zumindest: Ohne Stars, ohne viel Geld und Spezialeffekte. Und noch nicht mal mit einem Comic als Vorlage. "Junebug", "Secret Sunshine" oder "Sideways" spielten so einen dreistelligen Millionenbetrag ein. Eine Zutat allerdings haben all diese Filme gemeinsam, und die entsteht kaum aus dem Nichts: ein hervorragendes Drehbuch.
Das gilt ebenso für einen der größten Kassenerfolge dieses Sommers, den grotesken Männerfilm "The Hangover". Schon jetzt hat er mehr als das Siebenfache seiner Kosten eingespielt. Wie seine Vorgänger entzieht er sich der direkten Einordnung. Lediglich Anfang und Schluss berufen sich auf ein Erfolgsmuster des aktuellen Hollywoodkinos, die Heiratskomödie. Allerdings nur, um alle daran geknüpften Erwartungen gründlich zu vermasseln.
Eine perfekte Braut macht sich für den großen Tag zurecht: sie ist gut aussehend und wohlsituiert auf eine Art, dass man sie kaum näher kennenlernen möchte. Der adrette Bräutigam ist der perfekte Deckel für diesen Topf. Auch auf seine Bekanntschaft könnte man gut und gern verzichten, stünde er nicht ganz oben auf der Besetzungsliste und im Mittelpunkt des Films. Viel sieht man dennoch nicht von ihm, denn schon beim Junggesellenabschied mit drei Freunden in Las Vegas kommt er mir nichts dir nichts abhanden. Nichts Genaues weiß man nicht, denn seinen Reisegefährten fehlt jede Erinnerung an die offenbar ausschweifendste Nacht ihres Lebens.
Hangover, Trailer. USA 2009
Diesen Eindruck erwecken jedenfalls einige überraschende Funde in ihrem Hotelzimmer: Ein gut gelauntes Baby, ein nicht ganz so angenehmer Tiger und eine wiederum sehr liebenswürdige Stripperin, mit der einer der Freunde inzwischen verheiratet ist. Und für das Parkticket bringt der Hotel-Angestellte artig einen gestohlenen Streifenwagen aus der Garage. Andere Dinge glänzen dafür durch Abwesenheit: Neben einem erklecklichen Vermögen ist das ein Schneidezahn des Casanovas mit der Stripperin. Und es ist nicht wirklich beruhigend, von dieser zu erfahren, dass er ihn sich höchst freiwillig und bei bester Laune selbst ausgerissen habe. Auch für die Fundstücke fördern die Männer in mühsamer Spurensuche im Laufe des Films Erklärungen zutage.
Irgendwann werden sie sogar der fehlenden Hauptfigur des Films habhaft werden. Vorausgesetzt, sie gewinnen am Roulette-Tisch das geforderte Lösegeld. Keine Erklärung liefern die Drehbuchautoren Jon Lucas und Scott Moore hingegen für ein ebenfalls im Hotelzimmer heimisch gewordenes Huhn. Der einzige Grund für seine Anwesenheit in diesem herrlich-absurden Szenario ist seine Unerklärlichkeit. Dieses Federvieh - es ist das leibhaftige Unbekannte. So jedenfalls wäre es bei Luis Buñuel gewesen, mit dessen irrwitzigen mexikanischen Komödien "The Hangover" nicht nur das Tempo gemeinsam hat.
Ein anderes großes Vorbild für diesen Film sind Hollywoods Komödienmeister Leo McCarey und Preston Sturges. Vor allem zwei ihrer Meisterwerke haben Pate gestanden: "Die schreckliche Wahrheit" (für das Hochzeits-Szenario) und "Verrückter Mittwoch" (für Rausch und Raubtier). Lange Zeit waren diese herrlichen Filme aus dem Fernsehprogramm nicht wegzudenken. Dann stellte sich plötzlich heraus, dass sie in Schwarzweiß gedreht waren und sie verschwanden im Quoten-Gift- schrank. Was Regisseur Todd Phillips von diesen Meistern gelernt hat, ist die enge Verbindung zwischen der Screwball-Komödie und dem Mystery-Thriller. Welche schreckliche Wahrheit mag sich also hinter dem verschwundenen Bräutigam verbergen?
Eine Überdosis K.O.-Tropfen hat bei allen Hauptfiguren ein schwarzes Loch hinterlassen. Allen Indizien müssen sie einzeln folgen, was zu immer absurderen Verwicklungen führt. Der Tiger zum Beispiel gehört in Wahrheit Mike Tyson. Als die Freunde das Tier zurückbringen, zeigt er ihnen das Video seiner Überwachungskamera. So fügt sich vor dem Auge des Betrachters eine Chronik vollständiger Entgleisungen zusammen.
Regisseur Todd Phillips treibt dabei die Rituale des uramerikanischen Buddy-Movies mit seinen verherrlichten Männerfreundschaften und befristeten Ausbruchsutopien auf die Spitze. Plötzlich sind Spießigkeit und Anarchie keine Gegensätze mehr. Den angehenden Biedermännern ist in enthemmtem Zustand jeder Blödsinn zuzutrauen.
Das ist keine neue und gewiss auch keine beruhigende Vorstellung. Doch bei all seinem grellen Humor, bei aller Deftigkeit liebt dieser Film seine Figuren. Er steht auf ihrer Seite, als sie beschließen, ihre Erinnerungsfotos zu löschen und dem Unbekannten nicht weiter nachzustöbern. Und in seinem Plädoyer für das Unsagbare ist "Hangover" fast schon philosophisch.
Hangover, Regie: Todd Phillips, USA 2009, 100 Minuten.
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen
Unser Literatur-Magazin zur Buchmesse gibt’s jetzt auch als multimediale App fürs iPad - mit Videos, Hör- und Leseproben.