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28. Oktober 2008

Konferenz in Tschechien: Täter Opfer Kafka

 Von ARNO WIDMANN

Eine Konferenz zur Erinnerung an die berühmte Kafka-Konferenz 1963 auf Schloss Liblicé.

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Der Teufel dieser Konferenz hieß Alexej Kusák. Der 79-Jährige saß agil, als sei er Gründgens' Mephisto, auf seinem Stuhl und teilte Sottisen aus - "Den Ruhm der Kafka-Konferenz von 1963 begründete Radio Free Europe" - oder rief dem 1930 in Moskau geborenen Michal Reiman zu, er sei ein Lügner. Kusák erzählte auch, Ernst Fischers Frau Ruth sei die unglückliche Gattin von Hanns Eisler gewesen, der sie - wie sie ihm erzählt habe - nach Strich und Faden betrogen habe. Der Saal lachte. Die in großer Anzahl vertretenen Intimkenner der Kommunistischen Internationale freilich nickten einander zu: Die KP-Funktionärin Ruth Fischer war erstens nicht die Ehefrau, sondern die Schwester von Hanns Eisler, des Komponisten der DDR-Nationalhymne und zweitens seit 1961 tot.

Alexej Kusák trieb Michal Reiman so weit, dass der mit unter Tränen erstickter Stimme den Versammlungsleiter KD Wolff - Hölderlin-, Kleist-, Trakl- und eben auch Kafka-Verleger - bat, Herrn Kusák das Wort zu verbieten. Wolff mahnte beide Seiten nur zur Ruhe. Wahrscheinlich schon deshalb, weil er ahnte, dass ein Sprechverbot genau das gewesen wäre, was Kusák am besten gefallen hätte. Der Täter wäre Opfer gewesen. Wie damals 1963, als Michal Reimans Vater, der Funktionär der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei, Pavel Reiman, Kusák die Idee einer Kafka-Konferenz weggenommen und die von dem intendierte freie Debatte torpediert und die Kafka-Konferenz vor den Karren der Parteipolitik gespannt hatte.

Michal Reiman verteidigte seinen Vater, es sei völlig naiv anzunehmen, eine derartige Konferenz hätte 1963 ohne die KP stattfinden können. Sie sei nur zu verstehen auf dem Hintergrund des Slánsky-Prozesses (1951/52) und der damals gerade stattfindenden Rehabilitierung seiner Opfer. Anson Rabinbach, Professor für Moderne Europäische Geschichte in Princeton, erklärte dazu, die Kafka-Konferenz 1963 in Liblicé sei auch ein Versuch kommunistischer jüdischer Intellektueller gewesen, sich in den Augen der Öffentlichkeit und vor sich selber zu rehabilitieren.

Sie hatten über Jahre, über Jahrzehnte, ihre Jüdischkeit unterdrückt, sie hatten mitgemacht bei dem, was sie jetzt den Personenkult nannten. Pavel Reimann, auch er tschechischer Jude, hatte im Prozess gegen den Chef der KP der Tschechoslowakei Rudolf Slánsky gegen diesen ausgesagt. Die Asche Slánskys und der anderen Hingerichteten soll dem Streusplitt im Winterdienst beigemischt und auf einer Straße vor Prag verteilt worden sein.

Die Teilnehmer der Konferenz von 1963 waren fast alle KP-Mitglieder, sie waren fast alle an den Schandtaten des Stalinismus beteiligt gewesen. Sie hatten den Putsch der Kommunisten 1948 in Prag entweder mitorganisiert, mitgetragen oder aus dem Ausland bejubelt. Dass sie damit nicht nur eine demokratische Regierung gestürzt, sondern auch sich gegen die Bevölkerung gestellt hatten, war ihnen, je mehr Jahre vergingen, desto klarer geworden.

Jirí Hájek, später einer der führenden Köpfe der Charta 77, brachte es 1963 in Liblicé auf den Punkt: "Der Gegensatz zwischen Kafka und uns liegt nicht darin, wie einige marxistische Kritiker meinen, dass Kafka die revolutionäre historische Rolle der Arbeiterklasse nicht erkannte und wir sie kennen. Der umwälzende Gegensatz besteht darin, dass wir die Macht haben, während er und seine Helden machtlos waren." Die Kafka-Tagung 1963 war ein Moment der Selbstreflexion der Macht. Nein, es war der Moment, als die Intellektuellen, die geglaubt hatten, sie wären mit an der Macht, begannen, die Erfahrung ihrer Machtlosigkeit in dem von ihnen geförderten kommunistischen Regime zu reflektieren. Es gab keinen Autor, der sich dafür so anbot wie Kafka. Der österreichische Kommunist Ernst Fischer erklärte 1963 auf der Tagung: "Die beiden Männer in Kafkas Prozess, die früh am Morgen kommen, um Josef K. zu verhaften, und jene anderen beiden, die ihn holen, in den Steinbruch am Rande der Stadt, um ihn dort zu liquidieren... Kafka lebte nicht mehr, als diese beiden Männer wie Boten der Apokalypse durch die Welt gingen, leider nicht nur durch die kapitalistische." Es war die Intensität Kafkas, in der die Täter und Opfer der Terrorregime des 20. Jahrhunderts ihr eigenes Leben wiederfanden. Noch wichtiger aber war - darauf wies der in Wien lehrende Literaturhistoriker Michael Rohwasser auf der Konferenz zur 63er Konferenz hin, die vergangenes Wochenende auf Schloss Liblicé stattfand -, dass es bei Kafka kein Opfer gibt, das nicht auch Täter ist. Es war also gerade die Ausweglosigkeit, das tiefverwurzelte Schuldgefühl, gegen die die kommunistische Kafka-Interpretation sich heftigst zur Wehr setzte, die viele der in Liblice versammelten Kommunisten am mächtigsten ansprachen. Der Teufel der Konferenz vom vergangenen Wochenende - Alexej Kusák - hat es schon 1963 am klarsten gesagt. Bei Kafka handelt es sich nicht um einen kleinbürgerlichen verängstigten Kritiker des Kapitalismus. Kafka konfrontiert uns mit unserer Lebenssituation: "Es ist als ob die Dinge sich hinter unserem Rücken gegen uns verschworen hätten, und es ist nicht unsere Ungeschicklichkeit, die das verschuldet hat. Es ist nicht so, dass die Dinge unseren ungeschickten Fingern entglitten wären, es ist viel mehr unsere Geschicklichkeit selbst, unsere vollkommene Organisation, die uns in diese absurden Situationen bringt." Dass aus Tätern Opfer und Opfer zu Tätern werden, mag einem kafkaesk vorkommen, aber es ist nichts als die Wahrheit.

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